Hamburg
Wer ist schuld am 750-Millionen-Euro-Debakel?
Mehrere hundert Millionen Euro mehr. Noch weitere drei Jahre bis zur Fertigstellung. Im Desaster um das wohl wichtigste Stadtreinigungsprojekt wird jetzt nach Schuldigen gesucht.
Es sollte ein Vorzeigeprojekt der Wärmewende werden. Jetzt ist das Zentrum für Ressourcen und Energie (ZRE) ein Fall für Juristen – und ein politisches Problem für die Grünen. Die Kosten der neuen Müllverwertungsanlage sind von ursprünglichen 234 Millionen Euro über 534 Millionen Euro auf womöglich 750 Millionen Euro oder mehr explodiert. Zudem wird die Anlage erst rund drei Jahre später fertig. Für frühere Verantwortliche könnte es juristische Folgen geben. Besonders heikel: Ein Ex-Aufsichtsratschef bekam später einen Beratervertrag für genau dieses Projekt.
Wie teuer das geplante ZRE an der Schnackenburgsallee (Bahrenfeld) am Ende wird, sagen Stadtreinigung und Behörde bis heute nicht. Berichten zufolge ist intern von rund 750 Millionen Euro oder mehr die Rede – eine Größenordnung, die in Hamburg Erinnerungen an die Elphi weckt. Nun hat die Suche nach den Schuldigen begonnen.
Streit um Millionen-Desaster ZRE: Muss Ex-Müll-Chef haften?
Da ist der Ex-Stadtreinigungschef Rüdiger Siechau, der nach Jahrzehnten an der Spitze zum Jahreswechsel ausschied. Nach MOPO-Informationen lässt der Aufsichtsrat prüfen, ob gegen ihn und andere ehemalige Projektverantwortliche Regressansprüche bestehen – sie also haften könnten. Die Umweltbehörde äußerte sich nicht dazu. Auch der kaufmännische Geschäftsführer Holger Lange, der zum 31. Juli altersbedingt ausscheidet, dürfte in den Blick geraten.
Den Ex-Chefs wird vorgeworfen, den Aufsichtsrat nicht richtig informiert zu haben. Siechau sagte dem „Abendblatt“, die Projekt- und Gremienarbeit sei „stets transparent und nach bestem Wissen erfolgt“. Umweltsenatorin Katharina Fegebank (Grüne) erklärt dagegen, dem Aufsichtsrat sei noch Ende 2025 kommuniziert worden, „dass alles im Plan ist“. Erst der Führungswechsel habe die Kosten „sichtbar gemacht“.
Stadtreinigung: Hat hier niemand kontrolliert?
Doch der Fall endet nicht bei der Ex-Geschäftsführung – schließlich hat die Stadtreinigung als öffentliches Unternehmen einen Aufsichtsrat, der sie kontrollieren soll. Fegebank ist seit Mai 2025 Vorsitzende. Ihre Vorgänger waren die Staatsräte Anselm Sprandel und Michael Pollmann (beide Grüne), letzterer deutlich länger. Pollmann war unter Ex-Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) bis September 2024 Umweltstaatsrat und auch bei Hamburg Wasser Aufsichtsratsvorsitzender – dem Unternehmen, das später mit massiven Mehrkosten beim Klärschlamm-Projekt Vera II in die Schlagzeilen geriet.
Besonders brisant: Durch „Abendblatt“-Recherchen kam heraus, dass Pollmann zum November 2025 von der damaligen Geschäftsführung auf Stundenbasis als Berater angestellt wurde – ausgerechnet für das ZRE. Der Zeitung sagte er, er habe die Tätigkeit offiziell angemeldet; ein Interessenkonflikt sei nicht festgestellt worden.
Beratervertrag für Ex-Chefkontrolleur: Darum ging es bei der Tätigkeit
Doch politisch ist das heikel: Ein Ex-Aufsichtsratsvorsitzender wird von dem Unternehmen bezahlt, das er zuvor kontrollieren sollte. Und wofür? Nach Angaben der Stadtreinigung und der Behörde sollte Pollmann Abfall aus dem Kreis Pinneberg akquirieren und in einem Dissens über die Nutzung eines Parkplatzes vermitteln.
Offiziell lief die Tätigkeit bis Mitte Mai. Die neue Geschäftsführung habe jedoch keine Aufträge an Pollmann vergeben und den Nutzen des Engagements in Pinneberg „von Anfang an kritisch gesehen“, so der Sprecher der Stadtreinigung. Von der Motivation hinter der Anstellung habe sie „keinerlei Kenntnis“.
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Laut Fegebanks Sprecher wusste die Behördenleitung davon. Der Vertrag sei aber allein zwischen der damaligen Geschäftsführung und Pollmann vereinbart – und die Tätigkeit sei „unmittelbar nach Bekanntwerden der aktuellen Lage des ZRE“ beendet worden. Die Stadtreinigung erklärt, die neue Geschäftsführung habe keinen Nutzen in der Anstellung gesehen.
Für CDU-Politiker Sandro Kappe wirft all das Fragen zu Transparenz und Compliance auf. Der Vorgang habe „ein erhebliches Geschmäckle“, sagt er der MOPO. Zudem frage er sich, aus welchen konkreten Gründen Pollmann den Angaben nach als Berater entlassen wurde, nachdem die aktuelle Lage um das ZRE bekannt wurde. Die CDU habe nun eine Senatsanfrage rund um die Anstellung gestellt.
CDU: Kritik an Senatorin Fegebank
Auch Fegebank gerät als aktuelle Aufsichtsratsvorsitzende in den Blick. Sie hat die Probleme des ZRE übernommen, nicht verursacht. Doch sie muss sich fragen lassen, ob sie schnell genug erkannte, dass der offizielle Projektstand nicht zur Realität auf der Baustelle passte.
„Wie kann es sein, dass ein Kontrollgremium so etwas nicht bemerkt?“, fragt Sandro Kappe. „Ein Aufsichtsrat ist in der Pflicht: Er muss alles hinterfragen und verstehen. Er braucht Fachexpertise.“ Zudem dürfe das Gremium einer Geschäftsführung nicht vertrauen. Der CDU-Politiker übt daher auch scharfe Kritik an Fegebank: „Insbesondere nach den Erfahrungen mit VERA II hätte die neue Vorsitzende das Projekt bei Amtsantritt auf den Prüfstand stellen müssen. Wenn solche Dinge zweimal hintereinander passieren, hat die Behörde solche Großprojekte eindeutig nicht im Griff.“
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