Ankerherz
Wenn AfD-Politiker die DDR-Hymne singen
Warum das Mitsingen der DDR-Hymne bei einer AfD-Veranstaltung für viele ehemalige DDR-Bürger ein Schlag ins Gesicht ist.
Auf einer Wahlkampfveranstaltung der AfD in Dessau schwadronierte ein „Kabarettist“ namens Uwe Steimle über einen Attentäter für Bundeskanzler Friedrich Merz und darüber, Altkanzlerin Angela Merkel „gerne an die Wand zu stellen“. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun.
Bemerkenswert finde ich auch, dass Steimle am Ende der Veranstaltung die Nationalhymne der DDR anstimmte. Der AfD-Co-Vorsitzende Tino Chrupalla und Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat für Sachsen-Anhalt und Grinsekatze der AfD, stimmten mit ein, wie in einem Video des parteieigenen YouTube-Kanals gut zu erkennen ist: „Auferstanden aus Ruinen“, ja, wirklich, im Jahr 2026, im Wahlkampf.
Ich schrieb einst ein Buch mit Menschen, die es in der DDR nicht mehr aushielten. Einer kroch mit einer Kugel im Rücken durch den Todesstreifen. Manche schafften es, andere landeten in den Gefängnissen der Staatssicherheit. Eine mutige Frau versuchte, über die Ostsee nach Dänemark zu schwimmen. Grenzschützer holten sie von einer Boje, die sie vor dem Ertrinken rettete.
Wie kann es sein, dass die AfD in Umfragen führt?
Wie mögen sich diese Menschen fühlen, wenn AfD-Politiker feixend die Hymne der DDR singen? Wie gehen jene damit um, die 1989 den Mut aufbrachten, gegen das Regime auf die Straße zu gehen? Wie um alles in der Welt ist es möglich, dass diese Partei in irgendeiner Umfrage führt?
Besonders die Schicksale jener, die es über das Meer versuchten, haben mich beschäftigt. Schätzungsweise 5600 Menschen versuchten zwischen 1961 und 1989 die Flucht über die Ostsee; nur rund 900 erreichten den Westen. Ihre Beispiele wurden auch zusammengetragen im beeindruckenden Handbuch „Eiserner Vorhang“, einem Projekt der Freien Universität Berlin.
Da ist die Geschichte der Familien Balzer am 10. September 1979, Rügen. Die Brüder Ulf und Lutz Balzer legten mit ihren Ehefrauen Renate und Manuela und der zweijährigen Ines in zwei Faltbooten an der Nordspitze der Insel ab. Sie banden die Boote zusammen und installierten einen selbstgebauten Außenborder. Sie wollten nach Schweden. Zumindest fanden die DDR-Ermittler in Ulfs Auto später einen Sprachführer „Deutsch-Schwedisch“.
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Auf offener See gerieten sie in die Ausläufer eines schweren Sturmtiefs. In ihrem Eigenbau hatten sie in den Wellen keine Chance. Alle fünf ertranken, auch das Kleinkind. Ihre Leichen wurden in den nächsten Wochen am Kap Arkona angespült. Überreste des Faltboots entdeckten Fischer des Seitenfängers „Gera“ – der heute als Museumsschiff in Bremerhaven liegt – in ihrem Grundschleppnetz.
Das Volkspolizeikreisamt Rügen deklarierte den Fluchtversuch als „Badeunfall“. Niemand sollte von der Republikflucht erfahren, und Beamte der Staatssicherheit zwangen die Eltern der Verstorbenen durch permanente Besuche, diese Legende aufrechtzuerhalten. Schließlich erlaubte man ihnen wegen des Gehorsams die Ausreise in den Westen.
Die Urne mit der Asche ihres Sohnes Lutz durften sie mitnehmen.
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