Hamburg

Was ist mit unseren Kindern los, Herr Professor?

Ein Junge steht unglücklich an einer Schultafel. Die Schulbehörde plant Einschnitte bei Schulbegleitungen.
Ein Junge steht unglücklich an einer Schultafel. Die Schulbehörde plant Einschnitte bei Schulbegleitungen.

Reform bei Schulbegleitungen sorgt für Proteste. Doch warum brauchen so viele Schüler Hilfe? Kinderpsychiater warnt: „Man wartet, bis etwas schiefgeht“

Die Zahlen werfen Fragen auf: Vor 15 Jahren wurden in Hamburg rund 460 Schulbegleitungen bewilligt, heute sind es mehr als 4000. Nun will die Schulbehörde das System ändern und löst damit massive Kritik bei Eltern, Opposition und Verbänden aus. Sie fürchten Einschnitte in der Inklusion – und Chaos in Klassenzimmern. Doch was steckt hinter dem Anstieg? Sind Kinder heute aggressiver und häufiger krank? Oder ist es doch eine Frage der Erziehung? Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort gibt Antworten.

MOPO: Herr Schulte-Markwort, sind Kinder aggressiver als früher?

Michael Schulte-Markwort: Nein, wir sind aufmerksamer geworden. Lehrer haben oft das Gefühl, von psychisch auffälligen Kindern umzingelt zu sein und dass alles mit Krankheit erklärt wird. Aber ich sehe überhaupt keinen Wert darin, Störungen oder Lernschwächen zu ignorieren.

Ein Kind soll einem anderen einen angespitzten Bleistift in den Arm gerammt haben. Ist so ein Verhalten nicht auch eine Frage der Erziehung?

So ein Kind möchte ich sehen und diagnostizieren. Es kommen mindestens drei Diagnosen infrage: Eine davon ist relativ neu im deutschen Sprachraum, die affektive Dysregulation, kurz DMDD – erhebliche Schwierigkeiten, Gefühle zu regulieren, mit plötzlichen Stimmungsschwankungen und Wutausbrüchen. Ich bin mir sicher, dass ich diese Kinder vorher einfach übersehen habe, weil ich keine Diagnose für sie hatte. Die zweite Möglichkeit ist ADHS, denn das kann mit einer Impulskontrollstörung einhergehen.

Prof. Dr. med. Michael Schulte-Markwort ist Kinder- und Jugendpsychiater. Er ist Buchautor, leitete die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie im UKE und Altonaer Kinderkrankenhaus und ist nun Ärztlicher Direktor in seiner Privatpraxis Paidion – Heilkunde für Kinderseelen. Zudem ist er Professor an der Medical School Hamburg.
Prof. Dr. med. Michael Schulte-Markwort ist Kinder- und Jugendpsychiater. Er ist Buchautor, leitete die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie im UKE und Altonaer Kinderkrankenhaus und ist nun Ärztlicher Direktor in seiner Privatpraxis Paidion – Heilkunde für Kinderseelen. Zudem ist er Professor an der Medical School Hamburg.

Und die dritte?

Eine Störung des Sozialverhaltens. Das ist oft ein Ausdruck emotionaler Verwahrlosung. Das sind Kinder, die mit inkonsistenten Erziehungsmaßnahmen aufwachsen – mal werden sie geliebt, mal gehasst, mal geschlagen, mal gestreichelt. Auch das gab es schon immer.

Wie viele Kinder sind betroffen?

Etwa fünf Prozent haben ADHS, zwei Prozent zusätzlich DMDD. Insgesamt sind wir bei 20 bis 25 Prozent auffälligen Kindern, wenn man Legasthenie, Depressionen, Ängste oder Störung des Sozialverhaltens dazurechnet. In einer Schule mit 1000 Kindern sind das 250, aber die sind niemals alle diagnostiziert.

Verstärken Medienkonsum oder Corona-Folgen solche Störungen?

Das sehe ich nicht. Die meisten Kinder haben Corona-Folgen abgeschüttelt. Ich will Probleme nicht bagatellisieren, aber es ist keine Traumatisierung, die heute noch bei der Mehrheit wirkt. Auch den Medienkonsum will ich nicht verteufeln. Wenn Jugendliche nächtelang spielen, sind sie am nächsten Tag natürlich übermüdet und unkonzentriert. Man kann dadurch aber kein ADHS auslösen. ADHS liegt am Dopaminmangel im Gehirn und ist angeboren.

Aber der Schulalltag scheint immer schwieriger zu werden. Es gibt immer mehr Schulbegleiter wegen sozialen und emotionalen Bedarfs.

Das liegt an der erhöhten Aufmerksamkeit. Früher gingen diese Kinder unter, wurden diszipliniert oder der Schule verwiesen. Heute brauchen sie Schulbegleiter, und ich sage: Wir brauchen noch viel mehr. Alternativ müsste man die Klassen halbieren.

Oder schlicht härter durchgreifen?

Nein, das macht es nur schlimmer. Ein Kind mit DMDD muss im Moment des Wutanfalls hören: „Du hast es wirklich schwer.“ Das ist antiintuitiv, aber man muss wirklich verstehen, dass das Kind diese Ausbrüche selbst nicht will. Ich sage immer, diese Kinder sind für das „Nein der Welt“ nicht geschaffen. Und das kann schon sein „Zieh mal die Strümpfe aus“ oder „Konzentrier dich“. Bei ADHS und DMDD helfen Medikamente.

Und bei den sozial vernachlässigten Kindern?

Sie brauchen Struktur und Begleitung, Psychotherapie und gegebenenfalls auch Medikamente, aber keine Strafen. Sie brauchen jemanden, der im richtigen Moment die Hand auf die Schulter legt und sagt: „Komm, bleib ruhig.“ Kinder sind zutiefst dankbar, wenn man sie versteht. Das erleben wir hier jeden Tag.

Im Schulalltag ist aber das Problem, dass auch andere Kinder leiden, wenn sich alles um die auffälligen Kinder dreht.

Ja, sie können zur Zielscheibe von Wutausbrüchen werden und leiden auch oft unter der Lautstärke in Klassen. Bei Gewalt muss man intervenieren und an die Ursachen ran. Aber wir brauchen auch viel mehr Dialog: Ich gehe oft in Klassen, um Schülern zu erklären, was ein bestimmtes Kind hat. Das ist echte Inklusionsarbeit: Wenn alle Bescheid wissen über den Max, was er hat, warum er in Behandlung ist und wenn er selbst zum Experten in seiner Klasse wird. Dann sind alle entspannter. Das ist meine tiefe Erfahrung, die ich immer wieder mache.

Ist Inklusion zum Vorteil aller?

Nein. Das Modell ist gut gemeint, aber in der Umsetzung extrem schwer. Es kann nur funktionieren, wenn die inkludierten Kinder ausreichende Assistenz haben. Das ist eben der Preis für Inklusion. Ohne Begleitung lernen sie jeden Tag nur, was sie alles nicht können. Und gleichzeitig langweilen sich hochbegabte Kinder im Unterricht. Ich bin eher für flexiblere Modelle und noch mehr Aufmerksamkeit für individuelle Bedürfnisse.

Künftig wird es aber schwerer, Schulbegleitungen zu bekommen. Bei sozialen und emotionalen Störungen soll erst einmal abgewartet werden, ob Teilhabe auch ohne gelingt.

Man wartet sehenden Auges darauf, dass etwas schiefgeht – auf dem Rücken der Kinder. Wir sollten den Satz umdrehen: Wir hören mit der Begleitung auf, wenn es gut läuft.

Kommentare öffnen