Warum wird der Druck auf unsere Psyche immer größer?
Wer in Hamburg eine Psychotherapie machen will, muss oft viele Monate auf einen Platz warten. Die Praxen sind voll. Jetzt könnte sich die Lage noch einmal verschärfen. Denn: Psychotherapeuten bekommen ab April 4,5 Prozent weniger Honorar. Das hat ein gemeinsamer Ausschuss von Krankenkassen und Kassenärztlicher Bundesvereinigung beschlossen. Und das, obwohl die Bevölkerung so stark belastet ist wie noch nie! Wie krank sind wir wirklich? Was sind die Gründe? Und wer ist besonders gefährdet? Darüber sprach die MOPO mit Heike Peper, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Hamburg.
MOPO: Frau Peper, wie ist aktuell die Lage in den psychotherapeutischen Praxen?
Heike Peper: Die Praxen sind voll. Es gibt sehr viele Anfragen. Auch in meiner Praxis bekommen wir jede Woche zahlreiche Anfragen und müssen vielen Menschen absagen oder sie weitervermitteln. Wie lange man auf einen Therapieplatz warten muss, kann man nicht allgemein sagen. Das ist sehr individuell.
Die Krankenkassen verzeichnen eine starke Zunahme an psychischen Belastungen. Woran liegt das?
Ja. Studien zeigen einen deutlichen Anstieg psychischer Belastungen, insbesondere bei jungen Menschen. Das wurde zuletzt auch durch das Schulbarometer der Robert-Bosch-Stiftung bestätigt. Jugendliche und junge Erwachsene sind besonders betroffen, und das hängt u.a. noch immer mit der Pandemie zusammen. Die Belastungen waren für viele junge Menschen sehr hoch, und nicht alle haben ihre frühere Stabilität wiedererlangt.
Psychotherapie: Mehr Angststörungen, auch bei Älteren
Auch bei älteren Bevölkerungsgruppen nehmen Angststörungen zu. Was sind hier die Gründe?
Da sind einmal die wirtschaftlichen Entwicklungen, welche Ängste und Sorgen auslösen. Arbeitsverdichtung und Tempo haben in vielen Bereichen zugenommen. Der Druck, Leistung zu bringen und „abzuliefern“, ist gestiegen. Besonders betroffen sind Berufe mit viel Beziehungsarbeit – Pflege, Gesundheits- und Sozialberufe. Dort sehen wir hohe Zahlen von Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen. Personalmangel und hoher Druck spielen eine große Rolle. In anderen Branchen entstehen Belastungen dadurch, dass viele Jobs unsicher geworden sind, sodass Existenzängste auftreten. Auch hier sind junge Menschen besonders betroffen. Wie entwickelt sich der Arbeitsmarkt? Welche Perspektiven habe ich?
Welche Rolle spielen politische und gesellschaftliche Entwicklungen?
Die Klimakrise oder die aktuelle Kriegsbedrohung sorgt bei nicht wenigen Menschen für Verunsicherung. Gerade wenn man sein Leben noch vor sich hat, kann das sehr beängstigend sein. Wer kein stabiles Umfeld oder Selbstwertgefühl hat, ist besonders gefährdet. Auch Einsamkeit ist ein großes Thema und nimmt zu – nicht umsonst gibt es eine Einsamkeitsstrategie der Bundesregierung.
Hinzu kommen Polarisierung und ein raueres gesellschaftliches Klima. Diskriminierung, auch im Netz, betrifft insbesondere vulnerable Gruppen. Auch Gewalt – etwa in Partnerschaften oder Familien – ist weiterhin ein großes Thema. All das kann psychische Erkrankungen begünstigen.
Wie äußern sich diese Belastungen konkret?
Sehr unterschiedlich. Häufig sind Depressionen und Angststörungen. Es gibt aber auch Suchtverhalten – zunehmend etwa Medienabhängigkeit bei Jugendlichen. Bei Mädchen sehen wir häufiger Essstörungen. Außerdem gibt es sogenannte Somatisierungsstörungen: körperliche Beschwerden ohne organische Ursache, die aber sehr belastend sind.
Psychotherapeutin: „Der Stress hat zugenommen“
Viele Menschen haben das Gefühl, die Gesellschaft sei gereizter geworden, zum Beispiel in Alltagssituationen. Teilen Sie das?
Mein Eindruck ist: Der Stress hat zugenommen. Die Pandemie hat die Gesellschaft stark erschüttert. Es gab Konflikte, Vertrauensverluste und Polarisierung. Demokratie lebt von Auseinandersetzungs- und Diskussionsprozessen, aber aktuell ist der Druck oft so hoch, dass schnelle Lösungen erwartet werden. Diese hohe innere Anspannung zeigt sich dann auch im Alltag – etwa im Straßenverkehr oder im öffentlichen Raum.
Ist Stress grundsätzlich schlecht?
Nein. Stress kann auch mobilisieren – etwa wenn man eine Aufgabe erledigen muss. Problematisch wird es, wenn Menschen kaum Handlungsspielräume haben. Wenn Menschen eine hohe Verantwortung und wenig Zeit haben, und es gleichzeitig einen Personalmangel wie im Bereich Pflege gibt, erzeugt das negativen Stress, weil man den eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden kann. Das ist sehr belastend.
Wie kann Psychotherapie in dieser Situation helfen?
Psychotherapie setzt beim Individuum an: Was ist meine Lebenssituation? Was erlebe ich innerlich? Was brauche ich? Die Therapie hilft, eigene Ressourcen zu stärken, Gefühle besser zu regulieren und den Alltag anders zu gestalten. Das kann auch bedeuten, Entscheidungen zu treffen – etwa einen Berufswechsel. Oder zu lernen, sich besser abzugrenzen und eigene Bedürfnisse durchzusetzen.
Hat das auch eine präventive Wirkung?
Ja. Wer seine Gefühle anders regulieren kann, muss weniger auf ungesunde Bewältigungsstrategien wie den Konsum von Substanzen zurückgreifen. Man gewinnt mehr Handlungsspielräume, trifft bewusstere Entscheidungen und holt sich eher Unterstützung.
Hat sich die Bereitschaft, eine Therapie zu machen, im Laufe der Jahre verändert?
Ja, sehr deutlich. Seit 2017 gibt es psychotherapeutische Sprechstunden. Menschen können zunächst klären: Was ist los mit mir? Brauche ich Hilfe? Diese niedrigschwelligen Angebote werden stark genutzt – auch von Menschen, die früher nicht gekommen wären. Die Hürde ist gesunken, und das ist positiv, denn eine frühe Unterstützung ist wichtig, um Erkrankungen gar nicht erst entstehen zu lassen.
Honorarkürzungen beschlossen – das könnten die Folgen sein
Welche Auswirkungen befürchten Sie durch die nun beschlossenen Honorarkürzungen?
Der Bedarf ist hoch, und ambulante Psychotherapie ist bei psychischen Erkrankungen in der Regel die wirksamste und kostengünstigste Behandlung. Sie kann verhindern, dass Menschen im Krankenhaus landen und durch eine monatelange stationäre Behandlung hohe Kosten erzeugen. Deshalb sind die Kürzungen nicht nachvollziehbar.
Und für die Praxen selbst?
Für uns Therapeuten bedeutet die Kürzung weniger Motivation und weniger Wertschätzung. Wir haben Praxen und müssen wirtschaftlich arbeiten. Viele Kolleginnen leisten bereits mehr als gefordert. Abstimmungen etwa mit Ärzten, Schulen, dem Jugendamt oder Behörden – das ist unbezahlte Arbeit. Die Kürzungen könnten jetzt dazu führen, dass man sich genau überlegen muss, welche Fälle man zusätzlich übernimmt. Das ist ein Dilemma. Denn wir wollen ja helfen, kommen aber an unsere Grenzen.
Was ist Ihre größte Sorge?
Psychische Gesundheit darf nicht vernachlässigt werden – gerade bei jungen Menschen. Sie sind die Zukunft unserer Gesellschaft. Wir müssen sie stärken und dürfen sie mit ihren Belastungen nicht allein lassen.