Warum schreien alle so? „Kompromisse gelten als Verrat oder Schwäche“
Deutschland streitet. Ständig, laut und oft aneinander vorbei. Politikwissenschaftlerin Julia Reuschenbach weiß, warum. Der MOPO erklärt sie, weshalb wir heute viel schneller hochgehen als früher, was das eigentliche Problem bei unserer Streitkultur ist – und was jeder selbst tun kann, um die aufgeheizte Stimmung zu entspannen.
MOPO: Frau Reuschenbach, wann waren Sie zuletzt so richtig empört?
Julia Reuschenbach: Gestern Abend. Da ging es um eine mögliche Regeländerung bei der geplanten Grundsicherung. Ich empöre mich oft. Ich kann mich dem genauso wenig entziehen wie andere.
Warum empören wir uns heute so schnell – ob nun Veggie-Wurst oder Merz’ „Stadtbild“?
Heute findet alles auf einer Art Bühne statt. Vor 50 Jahren hätte sich kaum jemand für die „Stadtbild“-Äußerung interessiert – weil man gar nichts davon mitbekommen hätte. Medien hätten es gezielt aufgreifen müssen. Heute gehen Merz’ Äußerungen viral, noch während er spricht. Und wir leben in einer sehr komplexen, vernetzten, entgrenzten Welt. Im Diskurs sieht man das Gegenteil: Man muss sehr früh sagen, wofür man steht – am liebsten schon im zweiten Satz. Ist man für oder gegen die Veggie-Wurst? Für oder gegen Waffenlieferungen?
Klarheit ist ja nichts Schlechtes.
Aber man wird auch sofort einer Gruppe zugeordnet. Bin ich gegen Waffenlieferungen, bin ich ein „Putin-Knecht“ oder ein „Wagenknecht“. Bin ich dafür, ein Kriegstreiber. Man redet nicht mehr über die Sache, sondern spricht anderen ab, dass sie legitim am Diskurs teilnehmen. Ein zweites Problem ist: Wir führen vor allem Debatten über Debatten, darüber, wer was wie gesagt hat. Das führt zu Frust und Ohnmachtsgefühl, weil wir sehr, sehr viel diskutieren, aber in der Sache nicht vorankommen.
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Empörung zu provozieren, ist ja auch eine Strategie, um den Diskurs zu lenken. Soll man da lieber nicht übers Stöckchen springen? Oder gibt es auch „gute“ Empörung?
Ich finde „berechtigt“ das bessere Wort, aber ja, meiner Meinung nach gibt es auf jeden Fall berechtigte Empörung. Zum Beispiel, wenn es um Ungerechtigkeiten geht. Und provozierenden Aussagen in der Sache nicht zu widersprechen, ist auch keine Lösung, auch wenn wir das in letzter Zeit häufiger sehen. Dann setzen sie sich im Diskurs fest. Zu widersprechen oder die Strategie zu benennen, macht man aber in erster Linie für die eigenen Leute – um zu zeigen, dass man das nicht so stehen lässt. Zu glauben, damit die Anhänger der anderen Seite zu bekehren, halte ich für sehr naiv.
Warum erreichen wir uns nicht mehr?
Weil wir verlernt haben, andere Meinungen und Widerspruch auszuhalten. Und weil Kompromisse oft als faul, Verrat oder Schwäche gelten. Sie werden nicht mehr wertgeschätzt, dabei sind sie die Grundlage einer Demokratie.
Ist es nicht menschlich, viel stärker auf Emotionen zu reagieren als auf sachliche Argumente?
Ja, das ist natürlich menschlich, und ich denke gerade die Parteien der Mitte brauchen dafür wieder mehr Gespür. Aber wir dürfen nicht aufgeben, Gefühle und Stimmungen auch mit Fakten und Sachargumenten kritisch zu reflektieren.
Sie sagen „verlernt“. Klappte das früher besser?
Früher war unsere Öffentlichkeit zumindest stärker konzentriert, weil es weniger Medien und Kanäle gab. Heute ist sie wie eine Shoppingmall mit vielen einzelnen Läden. Alles ist hoch individuell und passgenau: unser Urlaub, unsere Bestellungen, unsere Apps auf dem Fernseher. Die Frage ist: Schaffen wir es wenigstens, uns noch im Foodcourt zu treffen? Bleiben wir im Gespräch oder laufen wir einfach aneinander vorbei?
Hoch individuell ist auch unser Feed bei Instagram oder TikTok. Sind Algorithmen schuld?
Algorithmen belohnen skandalisierende Inhalte und zeigen häufig Beiträge, die die eigene Position bestärken. Trifft man dann plötzlich auf den krassen Gegensatz, weiß ich gar nicht, wie ich reagieren soll, und man geht gleich in eine Konfrontation. Das analoge Leben war aber ja auch nicht ganz anders: Wenn man früher in eine Kneipe gegangen ist, hat man sich auch zu seinen Leuten gesetzt. Viele Forschungen zeigen zudem noch ein anderes Problem: Auch durch Algorithmen sehen wir oft die extreme, hoch polarisierte Gegenposition. So verliert man das Gespür dafür, dass es ein Dazwischen gibt. Genau diese Zwischentöne machen aber Aushandlung in der Demokratie aus.
Online scheinen wir auch viel leichter ausfällig zu werden als im persönlichen Gespräch.
Begegnung zivilisiert. Wenn ich jemandem in die Augen schaue und ihn anpöble, sind Verletzung und Entsetzen viel unmittelbarer. Es gehört Mut dazu, jemanden ins Gesicht zu beleidigen. Im Netz ist die Hemmschwelle niedriger. Es gibt einen Zeitversatz, Widerspruch ist oft leise. Aber es schwappt rüber: Politiker werden zum Beispiel häufiger am Wahlkampfstand direkt angegangen. Wir müssen aufpassen, dass das nicht noch mehr wird. Wenn sich Politiker wegen so etwas zurückziehen, darf uns das nicht egal sein.
Auch sonst sind viele Menschen ermüdet – von Krisen, von Dauerstreit. Wohin führt das alles, wenn wir immer so weitermachen?
Das weiß ich nicht, aber sicherlich zu nichts Gutem, denn unsere Demokratie lebt von Aushandlung, Interessenausgleich und Kompromiss. Wir brauchen das Bewusstsein dafür, dass Streit natürlich stattfindet, aber auch dafür, dass er im besten Fall der Lösungssuche dienen muss.
Was also tun? Sind unsere Debatten noch zu retten?
Ich bin optimistisch, weil ich sehe, wie viele Menschen im ganzen Land und in der Politik das Thema beschäftigt. Studien zeigen auch, dass Menschen sich wieder mehr Zusammenhalt wünschen, aber nicht mehr daran glauben, dass es anderen auch so geht. Beides sind Dinge, die eine Chance dafür bieten, dass wir es künftig besser machen.
Was kann ich persönlich tun?
Mich selbst fragen: Auf welche Schlagzeilen klicke ich? Bin ich höflich? Lasse ich andere ausreden? Bin ich gewillt, nicht gleich über die Person nachzudenken, sondern über ihre Argumente? Und: Kann ich mich auf einen Perspektivwechsel einlassen? Dafür muss man die andere Position nicht teilen, aber verstehen wollen. Wenn man mit diesen Fragen durchs Leben läuft, ist schon viel gewonnen.