Warum gibt es so oft Zoff um veganes Essen?
Im Januar wird’s wieder pflanzlich auf dem Teller: Der „Veganuary“ ist der Werbemonat für die vegane Ernährung. Doch wo hat die pflanzliche Ernährung eigentlich ihre Ursprünge und warum fühlen sich einige Menschen vom Veganismus angegriffen? Die MOPO sprach mit Dr. Pamela Kerschke-Risch, Soziologin an der Uni Hamburg.
MOPO: Ein bis drei Prozent der Deutschen leben vegan und trotzdem kommen fast jede Woche neue pflanzliche Produkte in den Handel. Ist das nicht ein Widerspruch?
Dr. Pamela Kerschke-Risch: Viele Menschen kaufen die Produkte, um sie mal auszuprobieren. Bei Kuhmilch beispielsweise, zweifeln viele, ob die so gesund ist und probieren vegane Alternativen aus Hafer, Soja oder Nüssen aus.
Der Veganuary ist der Werbemonat für vegane Ernährung
Neben Milch-Alternativen boomt auch pflanzlicher Aufschnitt?
Das ist etwas typisch Deutsches, wir haben so eine Brotkultur. Und auf das Brot kommt klassischerweise dann eine Scheibe Wurst oder Teewurst drauf. So etwas gegen ein pflanzliches Produkt auszutauschen, das man vom Geschmack und seiner Art kennt, ist sehr leicht. Aus der Psychologie weiß man, dass es immer leicht ist, etwas zu verändern, wenn nicht die Gewohnheiten komplett umgekrempelt werden müssen.
Also ideale Produkte für Flexitarier?
Ja, bei veganem Aufschnitt besteht kein großer Unterschied zum bekannten Fleischprodukt. Und eine komplett vegane Ernährung würde Wissen über genügend Nährstoffe, pflanzliche Proteinquellen und Vitaminversorgung voraussetzen.
Rund 40 Prozent der Deutschen bezeichnen sich als Flexitarier. Ab wann ist man einer?
Da gibt es keine klaren Zahlen. Für mich sind es Menschen, die vielleicht ein- bis zweimal die Woche eine Fleischmahlzeit zu sich nehmen. Wenn eine:r sagt, „ich bin Flexitarier:in“, dann kann die Person das guten Gewissens selbst dann sagen, wenn sie mehrmals die Woche Fleisch isst.
Wann gab‘s die ersten Veganer:innen?
Veganismus kommt aus Großbritannien. In den 80er Jahren kamen die ersten teilweise aus der Punkszene, das war eine politische Sache. Keiner sollte Macht über irgendjemand anderen haben, auch nicht über Tiere. Es hatte was Moral-philosophisches, Menschen sind auch nur Tiere und wir haben kein Recht, andere Lebewesen für unser Leben zu töten. Und aus dieser politisch-moral-philosophischen Idee entstand zunächst eine sehr kleine Jugendbewegung, die man zunächst „strikte Vegetarier“ nannte.
Die vegane Bewegung wurde in den 2000er Jahren größer
Wann wurde die vegane Bewegung größer?
Mit der Tierrechtsbewegung in den 2000er Jahren und nochmal durch die Verbreitung des Internets. Bestimmte Filme, in denen Tierleid angeklagt wurde, fanden eine starke Verbreitung. Ab ungefähr 2010 ist es ganz entscheidend gewesen, dass immer mehr Menschen den geradezu ungezügelten Konsum tierischer Produkte infrage stellten.
Heute ist der Veganismus wieder weniger politisch und es geht viel um Gesundheit, oder?
Tierschutzgründe spielen schon noch eine Rolle, besonders in Gruppen. Aber die Gesundheitsfrage ist zumindest bei den Jüngeren, also jenen, die viel Sport machen, wichtig. Sie achten aber auf cleane Produkte und kaufen sich nicht Ersatzprodukte mit langen Zutatenlisten.
Welche Rolle spielen beim Veganismus denn Geschlecht und Alter?
Jugendliche sind in der Pubertät und im jungen Erwachsenenalter am flexibelsten. Wenn dann die Ersten in der Gruppe der Gleichaltrigen anfangen, sich vegetarisch oder vegan zu ernähren, dann ist das besonders für junge Frauen der Impuls, mitzumachen. Manchmal ist es auch ein Auflehnen gegen die traditionelle Ernährung zu Hause. Und wer mit Anfang 20 nicht mehr zu Hause wohnt, ist auch schneller bereit, sein Leben zu verändern, besonders, wenn man Gleichgesinnte kennenlernt. In der Schwangerschaft spielt für viele Frauen die Ernährung eine Rolle. Und bei älteren Menschen, wenn die ersten Krankheiten auftauchen. Da sind es meistens die Frauen, die auf einmal sagen, jetzt gibt es weniger Fleisch oder weniger tierische Fette.
Es gibt ja bei Veganismus ein Stadt-Land-Gefälle.
Gerade in Unistädten ist die Verfügbarkeit von pflanzlichen Lebensmitteln und in der Gastronomie sehr groß. Das ist vermutlich ein klassischer Nachteil für das Land, dort macht man so weiter, wie man es immer gemacht hat.
Es ist das eine, vegane Lebensmittel abzulehnen. Aber manche fühlen sich so getriggert, dass sie im Internet diffamierende Kommentare gegen die vegane Ernährung schreiben.
Das liegt wohl daran, dass die Menschen Angst bekommen, dass ihre traditionelle Lebensweise infrage gestellt wird. Es sind meist Männer, die am Grill stehen. Und sie bekamen früher beim Sonntagsbraten das größte Stück. Alles, was anders ist, wird als potenzielle Gefahr gesehen. Und deshalb werden andere Lebensformen diffamiert.
Ist diese Angst auch der Grund, warum die EU gerade ein Verbot diskutiert, dass pflanzliche Produkte nicht heißen dürfen wie tierische?
Die Lebensmittelbranche will ihre gigantischen Märkte für Milchprodukte und Fleisch behalten. Es gibt keinen anderen Grund für diese unsinnige Verbotsdebatte. Man darf den Einfluss dieser Lobbyisten auf die Politik nicht unterschätzen.
Gleichzeitig haben wir in Deutschland Lebensmittelkonzerne, die Strategien für die Bereitstellung von alternativen Proteinen aufgestellt haben. Warum ausgerechnet in Deutschland?
Da kann ich nur spekulieren. Deutschland hat keine solche Esstradition wie andere europäische Länder. Frankreich verbindet man mit gutem Wein und Käse, da besteht auch ein Nationalstolz. Ähnlich ist es in Italien. Aber was ist eine deutsche Essidentität? Söder behauptet zwar, dass Bayern so was hätte, wenn er seine Weißwurst isst oder sagt, dass er jeden Tag fünfmal Fleisch isst. Aber das ist Unsinn.
Söder glaubt ja auch, dass die vegane Küche nichts mit Genuss zu tun hat.
Auch da liegt er falsch. In Frankreich mit seiner Käsetradition gibt es inzwischen beispielsweise Käse-Affineure, die Tradition und Moderne verbinden und gereiften veganen Käse herstellen.
„Die vegane Ernährung wird sich weiter ausbreiten“
Bei uns gibt es erste Start-ups, aber Frankreich ist da viel weiter. Warum?
Man muss leider sagen, dass vielen Deutschen die Qualität beim Essen nicht so wichtig ist. Man kann sich einen SUV kaufen, hat eine teure Einbauküche, aber das Essen muss megabillig sein. Wenn’s ums Essen geht, machen wir uns gerne etwas vor – glauben, dass wir mit der Wahl der Haltungsform 2 was Gutes tun würden. Bei vielen Dingen, die uns unangenehm sind, da forschen wir lieber nicht so genau nach. Und am Ende ist der Preis dann doch kaufentscheidend.
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Was glauben Sie denn, welche Rolle spielt die vegane Ernährung in Deutschland in 10 oder 15 Jahren? Wie wird es weitergehen?
Ich glaube, dass vegane Ernährung sich weiter ausbreiten wird und dass es deutlich mehr Menschen geben wird, weil einfach mehr jüngere Menschen sich dafür entscheiden werden. Ob es jetzt 10 oder 20 Prozent reine Veganer:innen geben wird, das ist auch eine Frage, wie gut die zukünftigen Alternativprodukte sein werden.
Das ist der Veganuary:
Hinter dem Veganuary steht die gleichnamige gemeinnützige Organisation und Kampagne, die die Menschen seit 2014 weltweit dazu ermutigt, sich im Januar und darüber hinaus pflanzlich zu ernähren. Auf der Internetseite gibt es Tipps, Informationen und Rezepte. Das diesjährige Leitmotiv der Kampagne ist „New Year, Same You“ und soll zeigen, dass wer mitmacht, „weder sich selbst noch liebgewonnene Gewohnheiten ändern muss, sondern nur ein paar Zutaten auf dem Teller.“ Christopher Hollmann, Leiter von Veganuary Deutschland: „Uns allen ist es wichtig, Tiere und unseren Planeten zu schützen und unserer Gesundheit etwas Gutes zu tun. Der Veganuary 2026 lädt dazu ein, pflanzliche Ernährung als entscheidenden Schlüssel dafür zu entdecken.“