„War absolut angewidert”: Fegebank über Fernandes-Fall und Gewalterfahrungen
Die Anschuldigungen von Schauspielerin Collien Fernandes gegen ihren prominenten Ex-Mann Christian Ulmen haben eine intensive Debatte ausgelöst. Viele Frauen (und Männer) solidarisieren sich mit ihr, am Donnerstag wurde am Rathaus für härtere Gesetze gegen digitale Gewalt demonstriert. Kurz zuvor hatte es aber auch Morddrohungen gegen Fernandes gegeben. Katharina Fegebank (Grüne) unterstützt Fernandes explizit. Im Interview erklärt Hamburgs Zweite Bürgermeisterin, warum der Fall sie so schockiert hat, spricht über eigene Erfahrungen mit misogyner Gewalt und erklärt, was sich rechtlich ändern muss.
MOPO: Die Vorwürfe, die Collien Fernandes ihrem Ex-Mann Christian Ulmen macht, wiegen schwer. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie davon erfahren haben?
Katharina Fegebank: Ich war absolut schockiert, angewidert, und habe ein tiefes Mitgefühl mit Collien Fernandes verspürt. Aus diesem Impuls habe ich direkt mit einem Kommentar in den sozialen Medien reagiert, was ich normalerweise nicht so schnell tue.
Auf Instagram haben Sie Frau Fernandes für ihren Mut gelobt, weil sie Betroffenen zeigt, dass diese nicht allein sind. Haben Sie selbst schon Erfahrungen mit frauenfeindlicher Gewalt machen müssen?
Das ist etwas, was nahezu jede Frau kennt. Die Zahlen sprechen für sich. Jede dritte Frau wird im Laufe ihres Lebens Opfer sexualisierter Gewalt. Ich erlebe das vor allem im Netz, ganz unabhängig vom Thema. Ein Beispiel, das mir spontan einfällt: Ich habe etwas zum Gedenken an die Novemberpogrome veröffentlicht und darunter gab es viele sexistische Kommentare.
Worum geht es dabei konkret?
Überwiegend sind es Beiträge, die mit der Beurteilung und Abwertung des Körpers zu tun haben; mit Optik, Figur, Frisur oder Kleidung – und das hart unter der Gürtellinie. Ob es Deepfakes von mir gibt, weiß ich nicht – zumindest gibt es keine Hinweise darauf. Was die Kommentare betrifft, habe ich für mich einen Weg gefunden, das nicht so nah an mich heranzulassen.
Welcher ist das?
Vieles sehe ich mir gar nicht an, zum Großteil macht das mein Team für mich. Wobei ich als Person des öffentlichen Lebens damit privilegiert bin. Wichtig ist aber auch, sich mit Menschen zu umgeben, die einem guttun und einen stärken. In manchen Fällen erstattet mein Team auch Anzeigen. In einem Beispiel hatte jemand Zettel mit zusammengeklebten Montagen erstellt und zu mir nach Hause oder ins Rathaus geschickt. Die Anzeige wurde aber am Ende wie alle anderen eingestellt, weil die Täter nicht ermittelt werden konnten.
Tauschen Sie sich auch mal mit männlichen Senatskollegen wie Anjes Tjarks über die Erfahrungen mit solchen Kommentaren aus?
Dazu bin ich mit vielen Politikern immer mal im Gespräch, auch parteiübergreifend. Natürlich fällt auf, dass die Kommentare unter Beiträgen von Politikern andere sind als die bei Politikerinnen. Das haben wir auch bei Annalena Baerbock damals im Wahlkampf gesehen, die massiv angegangen wurde.
Bisher haben wir viel über soziale Medien gesprochen. Bei öffentlichen Auftritten erleben Sie so etwas nicht?
Nein, da gibt es vielleicht mal ein paar undifferenzierte Einwürfe, aber die Hemmschwelle ist höher. Dort ist es eher umgekehrt: Menschen kommen auf mich zu und sagen, dass sie einen ganz anderen Eindruck von mir haben als im Fernsehen oder der Zeitung. Nur einmal wurde ich 2016 beim Fest der Landesvertretung in Berlin angegrapscht, aber das war der einzige Vorfall, an den ich mich bewusst erinnere.
Sie sind seit 2004 parteipolitisch tätig und seit 2015 Hamburgs Zweite Bürgermeisterin. Ist der Ton gegenüber Frauen im Internet rauer geworden?
Mein Eindruck ist, früher gab es im Internet vereinzelte Frustrierte, einige, die da ihren Hass abgelassen haben. Jetzt erleben wir stärker, dass so was organisierter ist und ganze Kampagnen gefahren werden – teilweise von echten Menschen, teilweise aber auch mithilfe von Bots.
Was muss sich ändern, damit Betroffene besser geschützt werden?
Es braucht zuerst genau das, was aktuell stattfindet: eine offene Debatte darüber, dass sexualisierte Gewalt analog und digital ein strukturelles Problem ist. Dass sich Collien Fernandes nach eigener Aussage entschieden hat, bewusst in Spanien Anzeige zu erstatten, sollte bei uns allen die Alarmglocken schrillen lassen. Auch die Morddrohungen gegen Collien Fernandes vor der Demo in Hamburg haben mich erschüttert.
Was muss politisch passieren?
Die Erstellung und Verbreitung von Deepfakes muss strafbar werden, aber auch im Zivilrechtlichen brauchen die Betroffenen, die vor allem Frauen sind, mehr Möglichkeiten, um gegen Plattformen vorzugehen, Schadensersatzansprüche zu stellen und schnellere Löschungen zu beantragen.
Das Thema ist nicht neu, aber es nimmt leider erst durch diesen prominenten Fall richtig Fahrt auf.
Klar, wir müssen uns alle an unsere Nasen fassen, weil diese Themen schon sehr lange bekannt waren. Wir haben aus Hamburg immer wieder Initiativen in den Bundesrat eingebracht, die bislang noch nicht zu einem Ergebnis führten. Jetzt geht es darum, vor die Welle zu kommen, denn wenn die Schutzfunktion des Staats infrage steht, kann das auch die Demokratie gefährden.
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Derzeit kommt auch die Debatte um die Klarnamenpflicht wieder auf. Was halten Sie davon, dass Nutzer im Internet ihren Namen kenntlich machen sollen?
Ich finde generell, dass wir einen Rechtsrahmen brauchen, der die Opfer stärker als die Täter schützt. Freiheit endet dort, wo die Freiheit des anderen angegriffen und eingeschränkt wird. Das muss auch fürs Netz gelten. Konkret bedeutet das aus meiner Sicht: Deepfakes müssen ein eigenständiger Straftatbestand werden, wir müssen dringend die bestehenden Schutzlücken im öffentlichen Raum schließen und wir müssen die Plattformbetreiber stärker in die Pflicht nehmen.