Vor 29 Jahren stillgelegt: Das wird jetzt aus diesem geheimen Tunnel
Es quietscht und knarzt, als Ines Hinrichs vom Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer (LSBG) das riesige weiße Tor öffnet. Mehr als 100 Jahre versorgte der Hafenbahn-Tunnel in Altona, auch Schellfischtunnel genannt, ganz Deutschland mit Fisch. Doch diese Zeiten sind lange vorbei. 29 Jahre ist es her, seit hier der letzte Zug durchfuhr. Die Verkehrsbehörde will dem Tunnel jetzt eine neue Aufgabe geben.
Versteckt hinter Bürogebäuden, Parkhäusern, steilen Treppenaufgängen und inzwischen schon von der Natur zugewuchert liegt einer der beiden Ausgänge des alten Bauwerks. Drinnen ist es stockdunkel. Ein Ende des circa 960 Meter langen Tunnels ist auch mit Taschenlampen nicht zu erahnen, das alte Gleisbett führt ins dunkle Nichts.
Altona: Schellfischtunnel bekommt neue Aufgabe
Ab Frühjahr sollen Führungen den denkmalgeschützten Tunnel endlich wieder für ein breites Publikum öffnen. Seit der Schließung der Eisenbahnstrecke 1992 bot der Verein „Hamburger Unterwelten“ zehn Jahre lang vereinzelt Touren am „Tag des offenen Denkmals“ an. Im Jahr 2019 musste der Tunnel jedoch aufgrund von Sicherheitsbedenken komplett gesperrt werden.
Verantwortlich für die Instandhaltung ist der LSBG. „Alle drei Jahre gibt es eine Routinekontrolle“, sagt Hinrichs. „2019 haben wir dabei auf einmal ein riesiges Party-Camp entdeckt. Etwa 400 Meter vom Ausgang entfernt lagerten hunderte Schnapsflaschen und mehrere Sitzgelegenheiten. Eierkartons hingen an den Wänden, die behelfsmäßig den Musiklärm abhalten sollten.“
Schellfischtunnel: Party-Lager im Tunnel entdeckt
Vier Mitarbeiter der Stadtreinigung räumten an zwei Tagen sämtliche Möbel und Glasflaschen der Feiergesellschaft wieder heraus und entmüllten den Tunnel grundlegend. „Wir vermuten, dass sich ein schlanker Mensch an der Seite reingequetscht und das Tor von innen für die anderen geöffnet hat“, so Hinrichs. Inzwischen wurde nachgerüstet, Stahlbeton an der Stelle eingefügt und ein doppeltes Schloss eingebaut. Dort schmierten die Unbekannten wiederum mit schwarzer Farbe drauf: „Wir kommen wieder“.
Der Tunnel verbindet den östlichsten Gleisstrang im Bahnhof Altona mit den unterhalb des Geesthangs an der Elbe gelegenen Gleisanlagen der ehemaligen Altonaer Hafenbahn und dem Altonaer Fischereihafen. Der erste Zug rollte 1876 hindurch – damals allerdings noch zum alten Standort des Bahnhofs Altona oberhalb des späteren „Altonaer Balkons“. Die Kommunikation zwischen Bahnhof und Kai erfolgte zunächst über elektrische Glockenwerke, später dann über einen Morsetelegraphen.
Altona als größter Fischereihafen des Kaiserreichs
Vor allem Frischfisch wurde so von den Fisch verarbeitenden Betrieben an den Kais per Tunnel zum Altonaer Bahnhof transportiert. Als der Name Schellfischtunnel Ende des 19. Jahrhunderts entstand, war die Stadt Altona der größte Fischereihafen im Deutschen Kaiserreich.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden immer weniger Waren durch den Hafenbahn-Tunnel transportiert. Die Stadt Hamburg kaufte den Tunnel 1978 von der Bahn ab, um die letzten verbliebenen Hafenbetriebe vor dem Bankrott zu retten. Doch all das nützte nichts: 1992 verlagerte der letzte gewerbliche Nutzer seinen Betrieb, die Hafenbahn wurde stillgelegt und das weiße Portal am Südeingang fest verschlossen.
Ab Frühjahr historische Führungen durch Tunnel möglich
„Eine verkehrliche Nutzung ist nicht in Sicht, der Tunnel ist aber standsicher“, sagt Verkehrssenator Anjes Tjarks. „Deshalb möchten wir dem Wunsch der Öffentlichkeit nachkommen, die Tore wieder für historische Führungen zu öffnen.“ Kultursenator Carsten Brosda (SPD) stimmt zu. „Die Zugänglichkeit dieses Industriedenkmals ist die Grundlage dafür, dass ein wichtiger Teil der Geschichte Altonas und Hamburgs erlebbar ist“, sagt er.
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Holger Dierks vom Verein „Hamburger Unterwelten“ bestätigt indes das große öffentliche Interesse: „Unsere insgesamt circa 160 Führungen mit über 4000 Gästen haben den Bedarf bisher bei Weitem nicht decken können.“ Derzeit stimmen Gremien noch darüber ab, wie das genaue Nutzungskonzept des Bauwerks zukünftig aussehen soll. Dierks kann sich vorstellen, dass die ersten Führungen alle zwei bis drei Wochen am Wochenende stattfinden könnten.