Hamburg
Von wegen Schmiererei! Hamburgs Graffiti sind Kunst
Mindestens für Mirko Reisser alias DAIM. Er sprüht seit seiner Jugend und verrät, wo sich Hamburgs wichtigste Street-Art-Plätze befinden.
Für manche Menschen sind sie ein Ärgernis: Hausbesitzer zum Beispiel geraten gern in Wallungen, wenn sie vor die Tür treten und dort eine von Unbekannten hinterlassene „Schmiererei“ entdecken. Doch für andere sind viele Sprüh-Bilder oder Schriftzüge alles andere als Unfug – sondern Kunst! Die MOPO sprach mit dem Graffiti-Experten Mirko Reisser über Hamburgs versteckte Street-Art-Perlen.
Ein Bauzaun steht vor dem ehemaligen Toilettenhäuschen am Eingang des Fischers Parks in Ottensen, das längst ein Politikum geworden ist. Er verhindert den Zugang zu den Wänden, die ganzen Generationen jugendlicher Sprayer als Übungsfläche dienten.
Fischi-Haus in Ottensen: Für Graffiti-Künstler Mirko Reisser ein heiliger Ort
„Fischi-Haus bleibt!“ hat jemand in riesigen Lettern auf die vielen Farbschichten, die dort im Laufe der Jahre aufeinandergelegt worden sind, gesprüht. Eine Parole, mit der sich die Sprayer-Szene gegen den vom Bezirksamt Altona geplanten Abriss des einsturzgefährdeten Häuschens wehrt.
Auch Mirko Reisser alias DAIM setzt sich für den Erhalt ein – auch wenn er selbst nie dort gesprüht hat. „Es gibt nicht viele legale Flächen in der Stadt für Anfänger“, sagt Reisser, der als 17-Jähriger heimlich nachts über Zäune geklettert ist, um irgendwo seine „Tags“ zu setzen – „bis es mich einmal schwer erwischt hat“.
Polizisten hatten ihm und seinen Freunden an einer Bahnbrücke aufgelauert, damals Anfang der 90er Jahre. 3000 D-Mark Strafe mussten sie zahlen. Dazu gab's Ärger mit den Eltern. Heute ist DAIM ein international bekannter Graffiti-Künstler, der nur noch Auftragsarbeiten macht, Bücher publiziert, dem Museum für Hamburgische Geschichte mit „Eine Stadt wird bunt“ die erfolgreichste Ausstellung aller Zeiten bescherte – und seine Wurzeln dennoch nicht vergessen hat.
Schanze und Karoviertel: Eine Galerie versteckter Street-Art-Perlen
Das „Fischi-Haus“ ist für DAIM deshalb so ein besonderer Ort, weil hier viele gute Sprüher gelernt haben. „Nur hier kannst du über das, was andere gemacht haben, rüber sprühen“, erklärt er. Sonst sei das ein absolutes No-Go. „Das macht man nicht. Aus Respekt.“
Reisser selbst hat an der sogenannten „Stellingen-Wand“ an der Kieler Straße/Ecke Volksparkstraße seine Anfänge genommen. „Das war meine Wand“, sagt er liebevoll über die Fläche, die noch heute einer der schillerndsten Graffiti-Hotspots der Stadt ist.
Doch für den bekannten Sprayer ist die Kunst auf der Straße viel mehr als nur Graffiti. „Wichtig ist es vor allem, genau hinzusehen“, sagt der 54-Jährige. Besonders im Kleinen liege das Feine. Und besonders in der Schanze und im angrenzenden Karoviertel brauche man nur aufmerksam durch die Straßen zu gehen, um überall die Zeichen urbanen Ausdrucks zu entdecken.
Historisches Wandbild am Gruenspan: Hamburg als liberaler Ort für Kunst im öffentlichen Raum
Neben klassischen Graffiti-Tags und größeren Wandbildern sind es die Sticker, Paste-ups, Schablonenarbeiten, angeklebten Kacheln, kleinen Figuren und vielen subtilen Spuren, welche die beiden Viertel für den Künstler zu einer offenen Galerie machen, die sich ständig erneuert.
Um zu erfahren, wer hinter den Kunstwerken steckt, rät Reisser Interessierten zum Besuch des Schanzenbunkers im Florapark gleich hinter der Roten Flora. Der Klotz ist nicht nur ein wichtiger Treffpunkt der Hamburger Graffiti-Szene und geradezu eine Hall of Fame ihrer Werke. Mit etwas Glück könne man den Künstlern auch direkt bei der Arbeit zusehen und erleben, wie sich der Bunker Piece für Piece in etwas Neues verwandelt.
Zu Hamburgs Geschichte als Stadt, die sich schon lange liberal gegenüber der Kunst im öffentlichen Raum zeigt, gehört für Reisser auch unbedingt das historische Wandbild am Gruenspan in der Simon-von-Utrecht-Straße (St. Pauli).
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Das monumentale Werk der Künstler Werner Nöfer und Dieter Glasmacher, dessen Erweiterung kürzlich bekannt gegeben wurde, entstand Ende der 1960er-Jahre – lange bevor Begriffe wie Street-Art oder Urban Art in ihrer heutigen Bedeutung verwendet wurden. Es zählt zu den frühesten künstlerischen Wandbildern Europas und bringt auf den Punkt, was für Reisser zur Mission geworden ist: „Kunst gehört nicht nur ins Museum, sondern auch auf die Straße, an Fassaden, mitten in die Stadt.“
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