Von wegen Frankreich: Die Geschichte des Croque beginnt in Barmbek!
Was als Notlösung in einer Barmbeker Studentenkneipe begann, wurde zum norddeutschen Kultsnack: Der Croque feiert 50. Geburtstag. Eine Geschichte über Experimentierfreude, Hunger – und den Geschmack von heißem Käse, krossem Brot und ordentlich fettiger Knobisauce.
Wer in Frankreich einen „Croque Monsieur“ bestellt, bekommt ein schlichtes, in Butter gebratenes Sandwich aus Toastbrot, Schinken und Käse. In Norddeutschland dagegen ist der Croque längst etwas ganz anderes: ein überbackenes Baguette, gefüllt mit frischen Zutaten, dicken Saucen, Salat – und einer gehörigen Portion Hamburger Pragmatismus. Die norddeutsche Variante ist herzhafter, größer und immer ein bisschen improvisiert – so wie ihre Erfinder.
In Frankreich versteht man unter einem Croque etwas völlig anderes
Denn der Croque, wie ihn Hamburg kennt, wurde nicht in Paris, sondern 1975 in einer Barmbeker Studentenkneipe erfunden. Die Inhaber – Rudi und Gerda Scheichl sowie Matthias und Ilona Hagenow – stellten fest: Zum Bier fehlt was zu essen. Also wurde experimentiert. Baguette auf, Käse drauf, allerhand drauf, was die Küchenzeile zu bieten hat, kurz überbacken – fertig. Die Inspiration nahmen die vier aus Urlaubsreisen. So entstanden die ersten drei Sorten: „Monsieur“, „Schinken“ und „Frikadelle“. Schnell sprach sich die Idee herum – und bald kamen die Gäste nicht mehr fürs Bier, sondern für die heißen Stullen für kleines Geld.
Doch wie kam das Novum zu seinem Namen? „Wir überlegten, wie wir unsere Kreationen nennen sollten. Sandwich oder Baguette passten nicht so ganz. Die Sache sollte außerdem einen französischen Namen bekommen – und so habe ich es Croque genannt, obwohl ich wusste, dass das in Frankreich eigentlich etwas anderes ist“, sagt der Oberösterreicher 1996 im Interview mit der „Szene Hamburg“ zum 20-jährigen Jubiläum.
Die ersten Croque-Läden entstehen – ein Selbstläufer
Als der Andrang zu groß wurde, eröffneten die vier 1977 den ersten Croque-Laden an der Bramfelder Chaussee: „Croque & Crepe“. Dort standen die Menschen Schlange, parkten in zweiter Reihe, und der Duft frisch überbackener Brote zog durchs Viertel. „Manchmal haben sie uns die Tür eingerannt“, erinnerte sich Rudi Scheichl später. Um das Chaos vor dem Laden zu bändigen, war er einer der ersten, die in Hamburg den Lieferservice einführten. Doch länger als zehn Minuten entfernt durften die hungrigen Kunden nicht wohnen, sonst wäre das Brot labberig geworden – und die Qualität war heilig. Die Salami wurde im Keller luftgetrocknet, der Schinken selbst geschnitten, das Brot kam vom Bäcker. Und für die speziellen Croque-Tüten fuhr Scheichl regelmäßig mit einem 7,5-Tonner bis nach Stuttgart, wo sie nach seinen Wünschen gefertigt wurden.
Das Geschäft boomte. „Ursprünglich wollten wir zehn Läden eröffnen“, sagte Scheichl 1996 im Interview mit der „Szene Hamburg“. „Aber dann wären wir ein kleiner Konzern geworden. Gastronomie muss man persönlich vertreten.“ Die Idee verbreitete sich trotzdem – ganz ohne Franchise-System. Erst Freunde, dann Freunde von Freunden eröffneten eigene Croque-Läden, und bald gab es sie in ganz Hamburg. Bereits 1979 machten sich auch Ilona und Matthias Hagenow mit einem eigenen Laden in Farmsen selbstständig – mit dem kreativen Namen „Croque Farmsen“.
Der beliebteste Croque? „Wie immer“
Nach über 20 Jahren Croque zog sich der Oberösterreicher Rudi Scheichl schließlich zurück. Mit dem mittlerweile insolventen Restaurant „Watzmann“ holte er sich seine heimische Küche nach Hamburg – mit Tafelspitz, Kaiserschmarrn und Almdudler.
1997 übernahm Chris Damann das Original in Bramfeld und führte es über 20 Jahre lang weiter – eine One-Man-Show, wie er sagt. Noch immer kamen Handwerker, Polizisten und Feierwütige auf dem Heimweg vorbei. Der beliebteste Croque? „Wie immer“, lacht Damann. Stammkunden bestimmten den Laden. „Bei uns gab’s keine Metro-Ware – alles frisch, wie zu Scheichls Zeiten.“
„Vergesst’s die oidn Gschichtn. Schön war’s, aber i hab lang damit abgschlossen“
Der Croque, sagt Damann, habe den klassischen deutschen Imbiss ersetzt: „Vorher gab’s halben Hahn, Bratwurst, Pommes. Croque war was Neues, Exotisches. Vor allem in Stadtteilen wie Bramfeld oder Farmsen, wo es noch keinen Döner oder Pizza to go gab.“
Heute, 50 Jahre später, ist der Croque eine norddeutsche Institution – von Bergedorf bis Blankenese, von Bremen bis vereinzelt nach Berlin. Nur südlich von Hannover kennt ihn kaum jemand. Aber in Hamburg ist er längst Kult. So gestanden Jan Böhmermann und Olli Schulz in ihrem Podcast „Fest & Flauschig“ jüngst ihre Liebe zum Croque: „Ist ’ne absolut stabile Croque-Bank“, schwärmte Böhmermann über den Altonaer Laden „Monsieur Alfons“. Der Kultsnack lebt – und schmeckt.
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Und Rudi Scheichl? Der lebt heute wieder ruhig in Bramfeld. Als die MOPO ihn aufsucht, um die ganze Geschichte aus erster Hand zu hören, winkt er ab. „Ach, des is doch alles oids Zeig“, sagt der heute 77-Jährige mit österreichischem Akzent und einem müden Lächeln. „Vergesst’s die oidn Gschichtn. Schön war’s, aber i hab lang damit abgschlossn.“