Von „Vision Zero“ weit entfernt: So viele Tote gab es auf Hamburgs Straßen
Es war ein blutiges Jahr auf Hamburgs Straßen: Bislang kamen 28 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben – neun der Todesopfer waren Radfahrer, ein trauriger Höchststand. Fünf Radfahrer starben allein bei den berüchtigten „Abbiegeunfällen“. Das alles ist von der von Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne) angestrebten „Vision Zero“ mit null Verkehrstoten noch weit entfernt. Was muss passieren?
Der jüngste tödliche Unfall passierte in der Nacht vor Heiligabend in Harvestehude: Dort raste ein 48-Jähriger mit zwei Freundinnen (32 und 39 Jahre) durch die Heilwigstraße. Der Wagen prallte gegen eine Mauer, die 39-Jährige Beifahrerin wurde aus dem Auto geschleudert. Für sie und den Fahrer, der seit 2012 keinen Führerschein mehr besaß, kam jede Hilfe zu spät. Die 32-Jährige auf der Rückbank überlebte schwer verletzt.
28 Menschen starben bei 27 Verkehrsunfällen
Bislang starben in diesem Jahr (Stand: 29. Dezember) auf Hamburgs Straßen 28 Menschen bei 27 Verkehrsunfällen. Die endgültige Zahl wird die Polizei Ende Februar bekannt geben.
Allerdings ist schon absehbar: Von der „Vision Zero“, die 2021 als Leitbild der deutschlandweiten Verkehrspolitik verankert wurde, ist das noch immer weit entfernt. Im Vor-Corona-Jahr 2019 lag die Zahl der Verkehrstoten ebenfalls bei 28, ging 2020 dann runter auf 15, steigt seitdem aber wieder an.
Als Fußgänger kamen in diesem Jahr bislang sieben Menschen in Hamburg ums Leben, zwei davon waren Kinder: Anfang April überrollte ein Linienbus einen Siebenjährigen in der HafenCity, im August erfasste ein Motor-Dreirad einen Elfjährigen in Altengamme, als er die Straße überqueren wollte. Zum ersten Mal in der Verkehrstoten-Statistik ist ein E-Scooter-Unfall, bei dem die Fahrerin im Oktober in Jenfeld stürzte. Sie starb aufgrund schwerer Kopfverletzungen.
Radfahrer: So viele Verkehrstote in Hamburg wie schon lange nicht
Traurig sieht es auch bei den Radfahrern aus: Neun Personen kamen in diesem Jahr bei Verkehrsunfällen ums Leben, so viele wie schon seit neun Jahren nicht mehr. 2022 und 2021 waren es jeweils drei, im Vor-Corona-Jahr 2019 vier. Gleich zu Jahresbeginn wurde eine Frau auf der Überseeallee in der HafenCity von einem einbiegenden Laster erfasst und starb.
Zu einem weiteren tödlichen Unglück kam es Ende August, als ein Teenager auf der Osdorfer Landstraße fuhr. Der Fahrer eines Lasters wollte verkehrswidrig auf einen Parkplatz einbiegen und überrollte dabei den 15-Jährigen auf dem Rad. Zuletzt erfasste ein Lkw-Fahrer einen Radfahrer Mitte Dezember in Wilhelmsburg – ebenfalls beim Abbiegen.
Seit April 2020 gilt, dass Lkw innerorts nur noch in Schrittgeschwindigkeit abbiegen dürfen. Trotzdem kommt es immer wieder zu tödlichen Unfällen.
Seit 2020: Lkw-Fahrer müssen im Schritttempo abbiegen
Elisa Surej, die in Hamburg Berufskraftfahrer ausbildet, ist sich der Problematik bewusst. „Das Wichtigste ist, dass die Fahrer ihre Spiegel richtig einstellen. So kann der tote Winkel so gut wie ausgeschlossen werden“, sagte sie an einem Aktionstag, an dem ihre Azubis gemeinsam mit Viertklässlern einen Parcours absolvierten. Leider hielten sich viele Fahrer nicht an das Schritttempo beim Abbiegen. Sie hofft, dass mit entsprechenden Trainings künftige Unfälle verhindert werden können.
Die Polizei kennt die Problemlage ebenfalls. Sie versucht mit Präventionsaktionen für das Thema zu sensibilisieren. Wöchentlich sprechen Beamte auf Märkten und Veranstaltungen mit Bürgern, verteilen Flyer, mahnen zur Umsicht. Die Flotte der festen und mobilen Blitzer wird außerdem weiter ausgebaut. Aus Sicht der Verkehrsbehörde hilft zudem die räumliche Trennung von Kfz-, Rad- und Fußverkehr, Unfälle zu vermeiden. Ein Beispiel ist die Protected Bikelane am Dammtordamm.
„Wer achtsam und rücksichtsvoll fährt, kann andere Verkehrsteilnehmer gar nicht übersehen“, ist Dirk Lau, Sprecher des Hamburger Fahrradclubs ADFC überzeugt. Generell muss seiner Meinung nach der Zeitdruck bei Berufskraftfahrern vermindert werden. „Menschen, die im Stress sind, machen erfahrungsgemäß mehr Fehler. Solche Fehler können im Straßenverkehr aber für andere Menschen tödlich sein.“