Viva-con-Agua-Gründer sicher: „Ohne ADHS wäre ich niemals da, wo ich jetzt bin“
Wenn es hart auf hart kommt, steht er um 3 Uhr nachts auf oder macht drei Nächte am Stück durch. Anstrengend, aber kein Problem. Schließlich ist „Viva con Agua“ wie ein Kind für Micha, und zwar eines, „das man ein Leben lang an der Backe hat“. Die Identifikation ist riesig. Nicht nur für ihn. Viele Unterstützer haben sich das Logo des Vereins tätowieren lassen. Auch Micha trägt es mit Stolz – an besonderer Stelle. Und hat es sogar schon selbst einem bekannten Musiker tätowiert. Michael Fritz (42) ist Mitbegründer des Vereins „Viva con Agua“. Einer, dessen Energie unerschöpflich scheint, der auf Social Media Hunderttausende mitnimmt in seine Welt, getrieben von dem unbedingten Wunsch, etwas zu verändern – und von seiner „Superpower“: ADHS.
Das Käppi tief in die Stirn gezogen, sitzt Micha auf einem Holzstuhl im Behandlungsraum des Deutschen Roten Kreuzes im Millerntorstadion. Er gähnt. Die Millerntor Gallery ist gerade vorbei. Die Nachwehen stecken ihm noch schwer in den Knochen.
In diesem Jahr waren 12.000 Besucher bei dem Kunst- und Musikfestival. „Das ist immer ein Ritt auf der Rasierklinge. Mit sehr viel Leidenschaft und sehr vielen Überstunden.“
Auch Micha kauft sich jedes Mal Kunst. Er setzt sich vorher ein Limit, das er jedoch regelmäßig überschreitet. Als sein Budget wieder einmal massiv ausgereizt war, bot ihm ein „sehr vermögender Kumpel“ an: Er kauft ihm das Bild, wenn er sich im Gegenzug von ihm das „Viva con Agua“-Logo tätowieren lässt. „Auf den Arsch“, sagt Micha lachend.
Micha trägt das „Viva con Agua“-Logo auf dem Hinterteil
Dabei blieb es allerdings nicht. Der Kumpel tätowierte auch gleich noch die Initialen „PC“ darunter. Das steht für den Freund Philipp und die Tätowiererin Caro, die ihn bei seinem Werk unterstützte. „Das war nicht abgesprochen. Kurz hab’ ich gedacht, das ist irgendwie übergriffig. Da ich aber auch ein Grenzgänger bin, habe ich es als Form des Geschenks genommen“, sagt Micha und reibt sich die müden Augen.
Eine Woche lang war er täglich 19 Stunden im Stadion. Akku komplett leer? „Geht nicht, ich habe neben meinem ‚Viva con Agua‘-Baby auch noch eine Tochter und einen Sohn. Als Papa muss man immer funktionieren.“
Generell sei sein Energielevel kein Problem. „Ich habe ADHS und bin schon oft über meine Grenzen gegangen.“ Deshalb hat er mit dem Trinken und Rauchen aufgehört, achtet auf gesunde Ernährung und macht Sport. „Wenn du in dieser Kunst-, Kultur-, Musikbubble lebst, ist Alkohol ein stetiger Begleiter. Der macht aber nichts besser, der produziert eher Dramen.“
Dramen hatte er selbst auch. Allerdings wenige. Normale. Wie jeder sein Päckchen zu tragen hat. Er sei sehr privilegiert aufgewachsen, im Bildungsbürgertum im Schwabenländle. „Ich musste nie für irgendwas kämpfen. Ich habe den goldenen Löffel in den Arsch gesteckt bekommen.“
Trotzdem war Micha schon früh auch mit Leid und Tod konfrontiert. Der Vater war Pathologe. „Ich habe sehr früh sehr viele Leichen gesehen.“ Mit 13 begann er als Aushilfe bei seinem Vater im Krankenhaus. Micha lernte, wie man Gewebe schneidet und einfärbt, um es danach unter dem Mikroskop untersuchen zu können.
Auch bei der einen oder anderen Obduktion war er Jahre später dabei. Weil er selbst rauchte, präsentierte sein Vater ihm ein Raucherbein. „Er hat es aufgeschlitzt. Als Schocktherapie.“ Mit wenig Erfolg. Danach musste Micha erst mal vor die Tür. Eine rauchen.
Dass er mit Menschen arbeiten möchte, merkte Micha nach dem Abitur, als er Zivildienst machte. 18 Monate als Sanitäter auf dem Rettungswagen. Jeden Tag Krankheit, Trauer und Tod – das war zu viel für ihn.
Micha entschied sich, Lehrer zu werden. Er studierte Geschichte und Anglistik, um dann nach 27 Semestern scheinfrei abzubrechen. Für „Viva con Agua“. „Meine Eltern waren wenig begeistert. Es hat auch sehr lange gedauert, bis sie gecheckt haben, dass dieses ‚Viva con Agua‘ kein Quatsch ist.“
Micha wuchs mit dem ehemaligen FC St. Pauli-Profi Benjamin Adrion auf
Dieses „Viva con Agua“ war ihm einfach so passiert. Micha war mit dem ehemaligen FC St. Pauli-Profi Benjamin Adrion aufgewachsen und auf dieselbe Schule gegangen. Als er der Liebe wegen nach Hamburg ging, besuchte er Benny. „Ich bin bei ihm auf der Couch gecrasht und da so reingestolpert.“
Nach einem Trainingslager auf Kuba, bei dem Benny Adrion Wasserprojekte gesehen hatte, wollte er selbst aktiv werden, um Menschen den Zugang zu sauberem Trinkwasser zu ermöglichen. Micha war sofort dabei. „Klar, eine super Sache, und Benny war schon immer eine Lichtgestalt.“
Anfangs wurden 50.000 Euro gesammelt und an die Welthungerhilfe gespendet. Doch ein eigener Verein sollte her und so wurde Ende September 2006 „Viva con Agua e.V.“ gegründet. Mit Micha und zehn weiteren Gründungsmitgliedern. Pfandbecher auf Festivals sammeln, ein eigenes Wasser auf den Markt bringen, die „Water is a human right“-Kampagne – das kam erst später. Anfangs war da bloß der Wunsch, zu helfen – ohne großen Plan.
„Ich hatte nicht mal eine E-Mail-Adresse“, sagt Micha, der damals noch auf dem Kiez lebte. „Ich liebe und verfluche den Kiez zugleich. Er ist wunderschön dreckig und er ist ekelhaft dreckig.“ Zu wenig Natur, zu viele Autos, zu viel Dreck. „Das ist kein geiles, kindgerechtes Aufwachsen.“ Heute lebt er in Wilhelmsburg mit seiner Frau Agnes und seinen beiden Kindern.
Einer der ersten Unterstützer von Viva con Agua war Bela B. von den Ärzten. Sein erstes Solokonzert im Knust spielte er zugunsten des Vereins. Sechs Wochen lang habe er danach warten müssen, bis sich endlich mal jemand meldete, um ihm zu sagen, wohin er das Geld überweisen soll. „Und keiner von uns war bei dem Konzert. Ziemlich unprofessionelle Zeiten“, sagt Micha und schüttelt lachend den Kopf.
An der Unterstützung hat das allerdings nichts geändert. Bela B bringt sich nach wie vor ein. Nicht nur finanziell. Sogar das Logo des Vereins hat er sich auf den Arm tätowieren lassen. Von Micha höchstpersönlich. Das erste Tattoo, das er jemals gestochen hat. „Nun stich doch mal richtig rein“, habe Bela B gesagt, als Micha zaghaft seinen Arm mit der Nadel bearbeitete. Und das Ergebnis? „Ich war zufrieden“, beteuert Micha. Der Musiker wohl auch. Jedenfalls trägt er das Tattoo noch immer sichtbar.
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Mittlerweile unterstützen etliche Künstler den Verein. Darunter internationale Stars wie Billie Eilish, Ed Sheeran und The Wu-Tang Clan. Manchmal kann Micha es kaum glauben. „Das ist schon alles absurd. Aber die wissen einfach, mit welcher Leidenschaft wir an den Start gehen.“
Mit Clueso, Antje Schomaker und Max Herre war er gemeinsam auf Reisen. Die Wasserprojekte im Ausland besuchen. „So an die 30-mal“ war Micha bereits vor Ort. „Gerade in Afrika wirst du mit diesen Ungerechtigkeiten konfrontiert.“
Nicht einfach: Micha erinnert sich besonders an einen Jungen, den er in Ruanda an einer Quelle traf und der einen großen Wasserkanister schleppte. Er war kleiner als sein vierjähriger Sohn. „Das ist ein Bild, dass ich ganz tief im Herzen gespeichert habe. Wenn ich an meine Grenzen komme, denke ich an den Jungen und frage mich: ‚Was würde ich ihm jetzt sagen, warum ich nicht weitermachen kann?‘“
Micha ist dankbar. Für das, was er hat, und das, was er gibt. „Das Engagement für andere macht glücklich. Ich bin derjenige, der am meisten davon profitiert.“ Sein gefühltes Gehalt (tatsächlich sind es 6000 Euro brutto) liege bei 60.000 Euro im Monat. „Ich kenne viele Leute, die tatsächlich so viel verdienen und kein so glückliches Leben führen.“
Künstler, Musiker, Unternehmer – Micha hat andauernd Kontakt zu Unterstützern des Vereins. Nicht nur zu bekannten Persönlichkeiten. Auch zu Menschen wie Helga, der „Street-Art-Oma“, die seit Jahren zur Millerntor Gallery kommt und mittlerweile Teil der Familie ist.
Micha ist einer der großen Macher bei „Viva con Agua“, hat jedoch keine klassische Rolle. Er lässt sich neue Wege einfallen, bringt Menschen zusammen, stellt Projekte auf die Beine. Und er ist schwer aktiv auf Social Media, postet von seinem Job, aus seinem Alltag. Etwa 400.000 Menschen folgen ihm auf seinen Kanälen.
Dabei spielt ADHS eine große Rolle. Micha möchte die Menschen sensibilisieren. „ADHS ist oft noch sehr stigmatisiert. Mit Krankheit. Mit Betroffensein.“ Für ihn ist die Erkrankung eine Superpower, um viele Dinge parallel machen und über die eigenen Grenzen hinausgehen zu können. „Der Mehrwert ist gigantisch. Ohne ADHS wäre ich heute niemals da, wo ich jetzt bin.“ Und er ist genau da, wo er sein möchte. An der Seite seines Babys. Für das er Nächte durchmacht, um Menschen zu helfen.
Steckbrief Michael Fritz(42)
Spitzname und Bedeutung Mein Künstlername ist AHDS Kevin Straßenköter. Meine Schwestern haben mich Becks genannt, weil sie Michael Beck gehört haben und ich die Hose genauso wie er unter dem Arsch getragen habe.
Beruf/ erlernte Berufe Mitbegründer von Viva con Agua, gelernter Rettungssanitäter und Veranstaltungskaufmann.
St. Pauli ist für mich… die einzige Möglichkeit, alle universellen Sprachen zu verbinden, um sich für diese Welt zu engagieren.
Mich nervt es tierisch, wenn… Friedrich Merz das Maul aufmacht.
Ich träume davon,… dass alle Menschen verstehen, dass wir in einem Boot sitzen und sich dementsprechend verhalten.
Wenn mir einer blöd kommt,… versuche ich das durch Humor zu transformieren.
Zum Abschalten… habe ich früher gekifft. Jetzt bin ich sportlich aktiv.
Als Kind… war ich immer zu irgendwas. Zu viel, zu laut, zu schnell, zu nervig, zu zappelig. Das hat dazu geführt, dass es mit der Selbstliebe sehr lange gedauert hat.
Meine Eltern… sind keine Geschwister und ich habe sie sehr, sehr lieb.
Vom Typ her bin ich… umtriebig, bisschen drüber und hab immer ’ne Idee.