Viele Kinder können kaum Deutsch: Zwei Wilhelmsburgerinnen wollen das ändern
Die Entwicklung ist besorgniserregend: Immer mehr Kinder können nicht richtig Deutsch sprechen, wenn sie in die Schule kommen. In Stadtteilen wie Wilhelmsburg, Billstedt oder Eißendorf betrifft das mittlerweile jedes dritte Kind. Zwei junge Frauen aus Wilhelmsburg wollen das ändern. Sie benennen die Probleme und haben Lösungsvorschläge.
Das Mittagessen ist vorbei, die Kita „Kinderzimmer Inselpark“ (Am Inselpark 1) leert sich. Ein Vater holt seinen Sohn ab und hält ihn in seiner Muttersprache dazu an, die Jacke zuzumachen. Andere Kinder verabschieden sich auf Arabisch oder Türkisch voneinander. Alltag in einer Kita in Wilhelmsburg. Zu Hause in den Familien sprechen die Jungen und Mädchen Türkisch, Arabisch, Albanisch oder Russisch.
„Es ist auch völlig okay, wenn in den Familien die Muttersprache gesprochen wird“, sagt Beritan Aslan. „Denn um gut Deutsch zu lernen, ist es wichtig, auch die eigene Sprache gut zu sprechen.“ Die 26-Jährige ist Erzieherin und in der Kita auf der Elbinsel speziell für die Sprachförderung zuständig. „Aber die Kinder müssen rechtzeitig in die Kita kommen und Deutsch lernen und sprechen.“
Viele Kita-Kinder in Hamburg sprechen zu Hause kaum Deutsch
Sie selbst ist im Alter von zwei Jahren mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen und in Wilhelmsburg aufgewachsen. Die Erzieherin kennt die Probleme der Familien, spricht nicht nur Deutsch, sondern auch Kurdisch und Türkisch. Bei Elterngesprächen kann das helfen, aber da auch viele Kinder einen russischen, arabischen oder albanischen Familienhintergrund haben, muss sie zur Verständigung oftmals auf Bilder und Symbole zurückgreifen.
Wichtig sind diese häufigen Gespräche mit den Eltern, weil es ganz verschiedene Ursachen haben kann, wenn Kinder in der sprachlichen Entwicklung zurückliegen. Etwa ein Problem mit dem Gehör, bei dem ein Arztbesuch nötig ist und die Kita dann eng mit der Praxis zusammenarbeitet.
Sprachliche Förderung früh in der Kita entscheidend
Nur leider kommen gerade die, die es dringend nötig hätten, erst im Alter von drei oder vier Jahren in die Einrichtungen. Zu spät. Aslan: „Die Zeit für die Förderung ist dann zu kurz.“ Denn etwa 14 Prozent der Familien im Stadtteil sprechen zu Hause gar kein Deutsch, wie Auswertungen des Instituts für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung (IFBQ) ergeben.
Für viele neu nach Deutschland gekommene Familien ist es laut Kita-Leiterin Defne Farbin (32) aus der Kita Kinderzimmer Inselpark heute viel leichter, ohne Sprachkenntnisse zurechtzukommen. Ihre eigene Familie stammt aus der Türkei und lebt schon in vierter Generation in Deutschland.
Herausforderungen bei Kita-Besuch und Elternarbeit in Hamburg
„In Wilhelmsburg findet man in jedem Laden und auch in der Bank oder beim Arzt jemanden, der die eigene Sprache spricht“, sagt sie. Das sei früher ganz anders gewesen. Aber daher sei der Druck für Eltern geringer, die Sprache zu lernen. „Das gilt auch für die Kinder, deren Deutschkenntnisse früher gebraucht wurden, um für die Eltern zu dolmetschen.“
Aber warum geben die Familien ihre Kinder nicht frühzeitig in die Kita? „Bei einigen dieser Familien fehlt es an Vertrauen in außerfamiliäre Betreuung, sie wollen ihre Kinder lieber zu Hause behalten“, so Farbin. Andere Familien betrachten es als Versagen der Mütter, wenn die sich nicht selbst um die Kinder kümmern.
Frühkindliche Bildung als Schlüssel für bessere Deutschkenntnisse
Acht Stunden am Tag spielerisch Deutsch lernen, in der Sandkiste oder beim Bilderbuch angucken, das könnte vielen Kita-Kindern das spätere Leben extrem erleichtern, aber Acht-Stunden-Plätze werden zu selten bewilligt, sagt die Kita-Leiterin. Denn: Viele Mütter sind zu Hause, da haben die Kleinen keinen Anspruch.
Da wundert es nicht, dass in Wilhelmsburg, Billstedt und Eißendorf mittlerweile jedes dritte Kind einen „ausgeprägten Sprachförderbedarf“ hat. Blickt man nur auf die Kinder mit kurzem Kita-Besuch und nicht deutscher Familiensprache, liegt der Sprachförderbedarf bei bis zu 75 Prozent – ganz anders sieht es in Eimsbüttel und den Walddörfern aus, wo er bei nur sechs Prozent liegt.
Wilhelmsburger Initiativen zeigen, wie Integration gelingen kann
Kita-Referent Tom Töpfer vom Paritätischen Wohlfahrtsverband in Hamburg bekräftigt: „Kinder aus armen Familien sowie Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, profitieren besonders von einem frühen und langen Kita-Besuch.“ Seine Forderungen: kostenfreie Sechs-Stunden-Gutscheine plus zusätzliche Sprachförderung und mehr Geld für Kitas in ärmeren Stadtteilen. Wilhelmsburg würden diese Maßnahmen sehr helfen: Dort haben 81,4 Prozent der viereinhalbjährigen Kinder, also der angehenden Erstklässler, einen Migrationshintergrund – der höchste Wert in der ganzen Stadt! In Billstedt liegt die Zahl bei 81 Prozent, in Eißendorf und Osdorf immerhin bei 73 Prozent. Die niedrigsten Werte haben laut Institut für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung (IFBQ) der Stadtteil Eimsbüttel (37 Prozent) und die Walddörfer (34,7).
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Längere Kita-Tage für Kinder, die zu Hause kein Deutsch sprechen, das kostet die Stadt Geld, aber es lohnt sich auch. Die beiden Wilhelmsburgerinnen Defne Farbin und Beritan Aslan beweisen aber, dass Integration auch in Stadtteilen mit sehr vielen Migranten und Flüchtlingen glücken kann. Am Ende profitiert ganz Hamburg – etwa von zwei so engagierten Erzieherinnen.