Vernichtende Analyse eines Wald-Experten: „Hamburg pflanzt zu viele Bäume“
Ein Neubaugebiet nach dem anderen entsteht in Hamburg, die Versiegelung nimmt immer weiter zu. Aber zum Glück achtet die Stadt mittlerweile sehr darauf, dass überall Bäume nachgepflanzt werden. Alles sinnvoll, oder? Der Hamburger Forstexperte Frank Löwen (59) widerspricht: „In Hamburg werden zu viele Bäume und auch an ungeeigneten Stellen gepflanzt. Mit dieser Praxis wirft die Stadt Jahr für Jahr viel Steuergeld weitestgehend nutzlos zum Fenster hinaus.“ Seine ernüchternde Bilanz mit Beispielen in der ganzen Stadt:
Herr Löwen, Sie arbeiten seit Jahrzehnten in verschiedenen Teilen der Welt als Wald-Experte. Was ärgert Sie daran, dass Hamburg Bäume pflanzt? Das kann doch nicht falsch sein.
Frank Löwen: Bäume spielen unter anderem für die Verbesserung der Luftqualität, für einen intakten Wasserhaushalt und für den Erhalt eines günstigen Stadtklimas eine sehr große Rolle – und beruflich wie privat bin ich ein großer Baumfreund. Daher freue ich mich, wenn in Hamburg an sinnvollen Stellen Neu- oder Nachpflanzungen vorgenommen werden. Bedauerlicherweise sind viele Baumpflanzungen allerdings weniger darauf angelegt, zu einer Verbesserung der Umweltsituation in der Stadt beizutragen, sondern dienen vor allem dem Greenwashing.
Was sind denn aus Ihrer Sicht Baumpflanzungen, die nicht sinnvoll sind?
Löwen: Ich nenne Ihnen ein paar Beispiele: Junge Bäume werden teilweise unter vorhandene große, vitale Bäume gepflanzt – was besonders bei Verwendung empfindlicher „Lichtbaum-Arten“ problematisch ist. Teilweise werden Bäume auch an Orten mit ausreichend Baumnaturverjüngung gepflanzt – sprich an Stellen, an denen gar kein Bedarf an Baumpflanzungen besteht. Und immer wieder werden Bäume und Sträucher viel zu eng gepflanzt – was zu hohen Pflanzkosten und zu erheblichen zusätzlichen Pflegekosten führt.
Von welchen Summen sprechen wir da?
Löwen: Schon für die Pflanzung von verhältnismäßig kleinen neuen Straßenbäumen inklusive Pflegepaket für die ersten zwei bis drei Jahre entstehen schnell Kosten in Höhe von 2000 bis 3000 Euro pro Baum. So verursachen unsachgemäße Baumpflanzungen in Hamburg Jahr für Jahr Kosten und Folgekosten im hohen sechsstelligen Bereich.
An welchen Stellen der Stadt haben Sie denn fehlerhafte, unsachgemäße Pflanzungen gesehen?
Ein Beispiel ist der Ehestorfer Heuweg in den Harburger Bergen. Dort wurde vor einigen Jahren im Zuge der Verbreiterung der Verkehrsinfrastruktur in Teilbereichen der Kronenschluss großer Laubbäume über der Straße zerstört und zusätzliche Bodenfläche versiegelt. Als „Ausgleich“ wurden dann anschließend dutzende Bäume an völlig unpassenden Stellen gepflanzt. Ein Teil der direkt dicht an die Straßenkante gepflanzten Bäume ist inzwischen abgestorben – während zahlreiche weitere Exemplare vor sich hin kränkeln.
Haben Sie weitere aktuelle Beispiele?
Löwen: Bei Moorburg wird an der Anbindung der über lange Strecken durch wertvolle Moorgebiete verlaufenden A26 an die A7 gearbeitet. Um dieses sehr naturzerstörerische Verkehrsprojekt in der Gesamtbilanz etwas aufzuhübschen, sind inzwischen Teile von nahgelegenen Autobahnböschungen mit einer bizarr überhöhten Anzahl von Bäumen und Sträuchern bepflanzt worden.
Auch in dem auf der Trasse der ehemaligen Wilhelmsburger Reichstraße geschaffenen Inselpark wurden in den vergangenen Jahren viele unnötige Baumpflanzungen realisiert.
Was denken Sie, warum Baumpflanzungen so oft falsch geplant und umgesetzt werden?
Löwen: Durch die Ausdehnung von Wohnbebauung, Industrieflächen und Verkehrsinfrastruktur ist der Grad der Bodenversiegelung in Hamburg in den vergangenen Jahrzehnten massiv vorangeschritten. „Ersatzpflanzungen“ von Bäumen sind ein wichtiges Instrument, mit dem der Eindruck erweckt werden soll, dass durch Baumaßnahmen verursachte Schäden an anderer Stelle angemessen ausgeglichen werden können.
Zudem stehen aufgrund der stark fortgeschrittenen Bodenversiegelung inzwischen nicht einmal theoretisch mehr ausreichend geeignete Flächen für zumindest halbwegs sinnvolle „Baum-Ausgleichspflanzungen“ zur Verfügung. Mit jedem Neubau und mit jeder Erweiterung des vorhandenen Straßennetzes durch ein neues Wohn- oder Industriegebiet verschärft sich diese Situation weiter.
Dass teils sogar die falschen Baumarten für den jeweiligen Standort gepflanzt werden, lässt sich dadurch nicht erklären.
Löwen: Stimmt. Es ist erschreckend, dass in den zuständigen Fachabteilungen der Behörden selbst derartig grundlegende Entscheidungen teilweise nicht angemessen getroffen werden. Und natürlich hinterlässt es auch keinen guten Eindruck, dass sich viele Gartenbaubetriebe nicht zu schade sind, öffentlich beauftragte Baumpflanzaktionen durchzuführen, bei denen jeder Person mit Fachverstand sofort klar sein muss, dass diese oft keinen Sinn ergeben und im Endeffekt zu einer Verschwendung von Steuergeldern führen.
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Aber was können wir tun, damit Hamburg grün bleibt? Wenn schon der Platz für neue Bäume knapp wird?
Löwen: Infolge von Luftverschmutzung, Streusalzeinsatz, fortschreitender Bodenversiegelung, häufiger auftretenden längeren Trockenperioden sowie teilweise hoher Zusatzbelastung durch Hundeexkremente, sind viele Straßenbäume in Hamburg bereits deutlich geschädigt. Wenn wir Hamburg als lebenswerte Stadt erhalten wollen, brauchen wir dringend entschlossene Maßnahmen zum Stopp weiterer Bodenversiegelung.
Statt wie bisher viel Geld in oftmals sinnlose Baum-Neupflanzungen zu investieren, sollte in Zukunft mehr Augenmerk auf die Unterstützung bereits vorhandener Bäume und Sträucher gelegt werden. Zur Verbesserung der (Über-)Lebensperspektiven vieler Straßenbäume, sind etwa der entschlossene Rückbau hoher Bodenversiegelung um vorhandene Bäume sowie eine massive Reduktion des Streusalzeinsatzes erforderlich. Es ist höchste Zeit zu handeln!