Julian König, Ressortleiter Lokales, hat mehrere Gramm Cannabis in Bahrenfeld gekauft.

Julian König, Ressortleiter Lokales, hat mehrere Gramm Cannabis in Bahrenfeld gekauft. Foto: Florian Quandt

Hamburgs neues Kifferparadies: Nach 15 Minuten hatte ich einen Beutel voller Cannabis

kommentar icon
arrow down

Der Weg ins neue Kifferparadies führt durch einen unscheinbaren Hinterhof in der Ruhrstraße – mit direktem Blick auf die benachbarte Polizeiwache. Eine Beachflag mit QR-Code weist den Eingeweihten den Weg. Wer hier landet, ist selten zufällig da.


Zusammenfassung:

  • Ein neuer Cannabis-Club in Hamburg bietet legalen und streng regulierten Zugang zu Cannabis für Mitglieder.
  • Die Mitgliedschaft erfordert klare Voraussetzungen und Regeln, wie mindestens 21 Jahre alt zu sein und eine begrenzte Menge Cannabis pro Tag zu erhalten.
  • Die Teillegalisierung von Cannabis in Deutschland führt zu Diskussionen über die Ausweitung der Abgabestellen und die Kontrolle des Schwarzmarktes.

Vor einem kleinen Raum steht Jannik Friedrich und beobachtet, wie sich die ersten Interessierten registrieren. Friedrich ist 29, Mitgründer und Vorstand des „Knospenclubs“. Seit Kurzem gibt es hier in Bahrenfeld Cannabis für Mitglieder – legal, streng reguliert, vereinsorganisiert. Wer möchte, kann Butterkuchen essen und Kaffee trinken. Nur Rauchen ist nicht erlaubt.

Knospenclub-Vorstand Jannik Friedrich und die Sprecherin des Vereins, Julia Boenigk Florian Quandt
Knospenclub-Vorstand Jannik Friedrich und die Sprecherin des Vereins, Julia Boenigk
Knospenclub-Vorstand Jannik Friedrich und die Sprecherin des Vereins, Julia Boenigk

Eigentlich brauche ich kein Cannabis, ich hab schon gekauft, es steht im Arbeitszimmer. In braunen Apothekergläsern, mit Etikett, auf Rezept. „Cannabis-Patient in drei Minuten“, versprach eine Website. Ich wollte wissen, wie leicht es ist, über eine Online-Praxis an eine Verordnung zu kommen. Ergebnis: sehr einfach.

Im Fragebogen genügte der Hinweis auf „Schlafstörungen“, psychische Erkrankungen verneinte ich. Wenige Stunden später kam das Rezept per Mail – inklusive Links zu Versandapotheken mit Sortennamen wie aus einem botanischen Schaulabor. Lieferung frei Haus. „Tropicana Cookie“ steht nun bei mir herum, nahezu unangetastet. Ich bin kein regelmäßiger Konsument, habe jahrelang nicht gekifft.

Und doch bin ich jetzt auch Mitglied eines gemeinnützigen Cannabis-Clubs im Bezirk Altona. Vollkommen legal.

Die Voraussetzungen sind klar definiert: mindestens 21 Jahre alt, seit sechs Monaten fester Wohnsitz in Deutschland. Vor Ort fülle ich einen weiteren Fragebogen aus, werde über Risiken aufgeklärt, eine Präventionsbeauftragte beantwortet Fragen. Der Verein darf maximal 500 Mitglieder aufnehmen. Auch die Abgabe ist gedeckelt: höchstens 25 Gramm pro Tag, 50 Gramm im Monat.

Streit um die Teillegalisierung von Cannabis

Für die MOPO kaufe ich 5,5 Gramm Blüten. „Fizzy Bubblegum“, „Permanent Chimera #35“ und „Cap Junky“ heißen die Sorten. Teilweise, so steht es auf der Website, seien sie eher etwas für „erfahrene“ Konsumenten. Der THC-Gehalt könne bis zu 41 Prozent betragen.

MOPO-Ressortleiter Julian König studiert die Liste mit den Cannabis-Produkten, die hier angeboten werden Florian Quandt
Diverse Sorten Cannabis und Hasch sind zur Auswahl. Alles ab einem Gramm erhältlich.
MOPO-Ressortleiter Julian König studiert die Liste mit den Cannabis-Produkten, die hier angeboten werden

Seit der Teillegalisierung von Cannabis wird um ihre Folgen gerungen – auch in Hamburg. Teile der CDU würden das Gesetz am liebsten wieder kassieren. Befürworter halten dagegen: Zu viele Auflagen, zu wenige Anbauvereine, so lasse sich der Schwarzmarkt kaum verdrängen. Gegner warnen vor Verharmlosung und einem erleichterten Zugang zu einer Droge, die Risiken birgt.

Julia Boenigk (34), Sprecherin des „Knospenclubs“, fordert mehr Abgabestellen. 15 Clubs gibt es derzeit in Hamburg, nicht alle haben Ausgabestellen, rund 230 Kilogramm Cannabis wurden bislang geerntet. Das reiche bei Weitem nicht, um die illegale Szene auszutrocknen. Die Begrenzung auf 500 Mitglieder bringe viele Vereine rasch an ihre Kapazitätsgrenzen.

Boenigk arbeitet hauptberuflich in der Logistikbranche, ihr Engagement im Club ist ehrenamtlich. Sie spricht von einem gesellschaftlichen Wandel, den man mitgestalten wolle. Jannik Friedrich ergänzt: „Wir wollen gutes Cannabis abgeben, den illegalen Markt eindämmen.“

Das Geschäft mit Marihuana boomt in Hamburg

Das Geschäft mit Marihuana auf Rezept boomt jedenfalls, die ersten Clubs werben schon lange um Mitglieder. Den „Knospenclub“ gibt es seit 2024. Wer durch Altona geht, riecht an vielen Ecken süßlich-schwere Schwaden. Der Vorteil von Vereins- oder Medizinalcannabis liegt auf der Hand: Herkunft, Anbau, Wirkstoffgehalt sind dokumentiert, die Blüten werden nicht mit Haarspray beschwert, kein anderer Dreck untergemischt.

Während ich den Kram von der Straße niemals rauchen würde, bekomme ich beim „Knospenclub“ eine fast poetische Produktbeschreibung: „Fizzy Bubblegum“ habe Kaugummi-Aromen, tropische Früchte, eine cremige Süße. Die Wirkung: euphorisierend, entspannend, kreativitätsfördernd.

Na dann.

So hoch ist die Suchtgefahr bei Cannabis in Deutschland

Statistisch hat etwa jeder zehnte Erwachsene in Deutschland im vergangenen Jahr Cannabis konsumiert. Rund 0,6 Prozent gelten als abhängig. Auch damit beschäftigen sich die Mitglieder. Der Verein, so sagt es Boenigk, arbeite mit Suchtstellen zusammen.

Das könnte Sie auch interessieren: Die überraschende Bilanz nach zwei Jahren Cannabis-Legalisierung

Hinter dem Ausgabetresen holt eine Mitarbeiterin meine Bestellung aus einem Safe, verpackt in kleinen Gläsern. „Du wirst mit allen Blüten deine Freude haben“, sagt sie lächelnd. Keine 15 Minuten sind von der Registrierung bis zur Ausgabe vergangen. Cannabis zu bekommen, war in Deutschland vermutlich noch nie so unkompliziert – legal, kontrolliert, in Bio-Qualität.

Nur an der flächendeckenden Versorgung hapert es noch.

Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp
test