Unter Terrorverdacht: Ali A. (17) schrieb bei Telegram, er sei bereit zu sterben

SEK
Ein Spezialeinsatzkommando (SEK) der Hamburger Polizei nahm den 17-jährigen Terrorverdächtigen Ali A. vergangene Woche Donnerstag fest. Der Syrer, der seit vier Jahren in Deutschland lebt, soll Anschläge geplant haben. Es handelt sich hier um ein Archivfoto.

Es soll seine Absicht gewesen sein, eine möglichst große Zahl „Ungläubiger“ in Hamburg zu ermorden. Nun gibt es Neues im Fall des 17-jährigen Syrers Ali A., der wegen Terrorverdachts in Haft ist. Wie die MOPO erfuhr, war der junge Mann zum Zeitpunkt seiner Verhaftung in psychiatrischer Behandlung am UKE. Welche Rolle sein psychischer Zustand bei den mutmaßlichen Plänen spielte, ist bislang offen. „Ihm geht es seelisch nicht so gut“, so ein Hamburger Anwalt, der dem Tatverdächtigen als Pflichtverteidiger zur Seite gestellt ist.

Der 17‑Jährige soll im April 2022 aus der Türkei nach Deutschland eingereist sein. Demnach kam er im Zuge der Familienzusammenführung gemeinsam mit seiner Mutter nach Deutschland und wurde anschließend in Hamburg registriert. Er lebt also legal im Land, wie die Innenbehörde auf Anfrage bestätigt. Ali A. wohnte zusammen mit seinen Eltern in einer gemeinsamen Wohnung in Hamburg – nach MOPO-Informationen in Eidelstedt. „Er spricht Deutsch so gut wie Sie und ich“, so der Anwalt zur MOPO, „das hat mich sehr überrascht, als ich ihn das erste Mal sah.“

Zunächst hatten mehrere Medien, darunter die MOPO, berichtet, die Festnahme am Donnerstag vergangener Woche sei in der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) erfolgt, wo der 17-Jährige behandelt wird. Das hat das UKE jedoch bestritten. „Aus Gründen der Schweigepflicht können wir über vermeintliche Patienten keine Auskunft geben“, so UKE-Sprecherin Saskia Lemm zur MOPO. „Unabhängig davon können wir klarstellen, dass am 7. Mai 2026 keine Person im UKE oder auf dem Gelände des UKE verhaftet wurde.“

Korrekt ist nach MOPO-Informationen jedoch, dass der Zugriff durch Spezialkräfte der Polizei in der Nähe der Klinik erfolgte, nachdem der 17-Jährige das Gelände verlassen hatte.

Verteidiger: Noch unklar, wie ernsthaft die Pläne waren

Im Gespräch mit der MOPO äußert sich der Anwalt des 17‑Jährigen. Ob sich die Terrorismus-Vorwürfe gegen Ali A. erhärten lassen, ob es sich um ernsthafte Anschlagsvorbereitungen, überzeichnete Gewaltfantasien oder Äußerungen in einer psychischen Ausnahmesituation handelt, könne er bisher nicht beurteilen, so der Verteidiger. „Dazu kenne ich ihn noch nicht gut genug. Das wird sich erst noch zeigen.“

IS-Flagge
Ein 17-Jähriger soll inspiriert vom Islamischen Staat Anschläge geplant haben. Nun sitzt er in U‑Haft. (Symbolbild)

Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft soll der Beschuldigte verschiedene Anschlagsszenarien ins Auge gefasst haben. „So soll er geplant haben, entweder in einem Einkaufszentrum oder einer Polizeiwache oder einer Bar einen Anschlag zu verüben, und zwar auch mit verschiedenen Alternativen, entweder per Sprengstoff oder auch mit einem Molotowcocktail oder mit dem Messer“, hatte die Generalstaatsanwaltschaft am Montag mitgeteilt.

Der Jugendliche soll sich zur Vorbereitung Universaldünger und flüssigen Grillanzünder beschafft haben – Substanzen, die zur Herstellung von Spreng- oder Brandsätzen verwendet werden können. Allerdings reichten die Substanzen noch nicht aus, um daraus einen Sprengsatz herzustellen. Bei der Durchsuchung seines Klinikzimmers im UKE wurden nach MOPO-Informationen Komponenten für einen möglichen Sprengsatz, eine Sturmhaube und ein Messer sichergestellt. Wie weit die Anschlagspläne fortgeschritten waren, ist noch unklar. Offenbar hatte er sich noch auf kein konkretes Ziel festgelegt.

Ermittler fanden Stoffe, die sich zum Bau von Sprengsätzen eignen

Eine psychiatrische Begutachtung des Beschuldigten sei in Auftrag gegeben worden, aber noch nicht abgeschlossen, so die Generalstaatsanwaltschaft. Die Behörden gehen von einem Einzeltäter aus. „Es gibt bislang keine Anhaltspunkte, dass es Mittäter oder Hintermänner gab“, so eine Behördensprecherin.

Nach Erkenntnissen der Generalstaatsanwaltschaft soll sich der Jugendliche bei seinen mutmaßlichen Anschlagsplänen von der Terrorvereinigung Islamischer Staat (IS) inspiriert haben lassen. Ende April erhielt der BND von einem irakischen Geheimdienst einen Hinweis auf einen Mann, der in einer IS-nahen Telegram-Chatgruppe schrieb, er plane einen Anschlag und sei bereit zu sterben. Den Ermittlungen zufolge bat er andere Gruppenmitglieder um Hilfe bei der Suche nach einer Anleitung zum Bau eines Zünders. Auch eine Attacke mit einem Messer könne er sich vorstellen, so der Chatteilnehmer. Es müsse nur „schnell“ passieren, denn er stehe unter Beobachtung.

Ali A. ließ sich vom „Islamischen Staat“ inspirieren, ohne Mitglied zu sein

Dem Bundesamt für Verfassungsschutz gelang es, den Telegram-Nutzer zu identifizieren. Der Nutzer soll Ali A. aus Hamburg gewesen sein. Den Sicherheitsbehörden war er bereits Mitte vergangenen Jahres aufgefallen, weil er IS-Symbole verwendet haben soll. Wegen eines mutmaßlichen Übergriffs auf seine Eltern und Geschwister soll er seit Längerem polizeibekannt gewesen sein. Der Jugendliche wurde am 7. Mai von Spezialkräften der Polizei festgenommen und sitzt inzwischen in der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand in Untersuchungshaft.

Nach „Bild“-Informationen soll der 17-Jährige mehrfach seine Mutter angegriffen und sogar versucht haben, sie zu töten. Der Vater des Jugendlichen, der in Hamburg bei einem Sicherheitsdienst arbeitet, berichtet von einem Leben in ständiger Angst. Die Familie lebt in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Der 17-Jährige habe im Wohnzimmer auf dem Boden geschlafen. Die Lage sei angespannt gewesen und immer weiter eskaliert.

Die Familie führt das Verhalten des Jugendlichen auf traumatische Erfahrungen im syrischen Bürgerkrieg und während der Flucht zurück. Der Vater sagt: „Mein Sohn ist krank. Er hatte schon lange psychische Probleme, deshalb war er auch schon in der Klinik.“

Nachdem der Jugendliche seine Eltern bedroht haben soll, wurde Ali A. nach Angaben des Vaters im März durch einen Amtsarzt in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen. Zuletzt soll sich der 17-Jährige jedoch freiwillig in der Klinik aufgehalten haben.

In den vergangenen Jahren haben die Sicherheitsbehörden mehrfach junge Islamisten im Raum Hamburg verhaftet und damit wohl schwere Terroranschläge verhindert. Im November 2024 nahm die Polizei einen damals 17-Jährigen in Elmshorn (Kreis Pinneberg) fest. Das Landgericht Itzehoe sprach ihn am 31. Juli vergangenen Jahres der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat, der Verabredung zum Mord und des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen schuldig.

Am 19. Dezember 2023 verurteilte das Oberlandesgericht in Hamburg einen 29-jährigen Syrer, der mit einem Sprengstoffgürtel möglichst viele Besucher einer schwedischen Kirche töten wollte. Sein jüngerer Bruder sollte kurz darauf einen zweiten Sprengsatz zünden. Wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat sowie wegen Terrorismusfinanzierung wurde der 29-Jährige zu vier Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Sein jüngerer Bruder, der in Bayern lebt, bekam wegen Beihilfe zur Terrorismusfinanzierung ein Jahr Haft auf Bewährung.

Polizei verhinderte in den vergangenen Jahren mehrere Anschläge

Am 8. Juli 2022 hatte das Oberlandesgericht einen 21-jährigen Deutsch-Marokkaner zu acht Jahren Haft verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Angeklagte zum 20. Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 ein Attentat plante. Aus „fanatischem Hass auf vermeintlich Ungläubige“ habe er einen Anschlag „mit verheerenden Folgen und einer hohen Anzahl von Toten und Verletzten“ verüben wollen. Die beiden Urteile des Oberlandesgerichts sind nach Angaben einer Gerichtssprecherin rechtskräftig.