Umstrittenes Islam-Fest ohne Hass-Redner gestartet – doch es gibt neue Vorwürfe
Bis heute gibt es dafür keine schlüssige Erklärung: Wie konnte es geschehen, dass eine Bergedorfer Moscheegemeinde zu ihrem 40-jährigen Jubiläum mehrere Prediger aus der Türkei einlädt, die in sozialen Medien immer wieder durch israelfeindliche, antisemitisch aufgeladene und terrorverherrlichende Äußerungen aufgefallen sind? Genau diese Frage überschattet das Fest der Kocatepe-Gemeinde auf dem Frascatiplatz. Noch bis Sonntag dauert die Feier. Die umstrittenen Prediger wurden ausgeladen. Doch der Fall ist damit längst nicht erledigt. Denn es gibt neue Vorwürfe. Die MOPO war vor Ort.
Beim Auftakt am Donnerstag und auch am Freitag war von der aufgeheizten Debatte auf dem Bergedorfer Frascatiplatz zunächst wenig zu spüren. Vor den Buden bildeten sich Schlangen, Familien kamen mit Kindern, es roch nach gegrillten Köfte, Jugendliche standen am Eisstand, Besucher tranken Tee. Zwischen Pavillons, Verkaufsständen und Kinderangeboten wirkte die Veranstaltung stellenweise wie ein kleiner türkischer Basar mitten in Bergedorf.
Gemeinde fühlt sich missverstanden: Man sei „medial verdroschen“ worden
Gemeindevorsitzender Fedayi İlleri bemühte sich in seiner Eröffnungsrede um versöhnliche Töne. Die Gemeinde fühle sich durch die Berichterstattung und die politische Kritik teilweise missverstanden und öffentlich beschädigt, sagte er. Man sei „medial verdroschen“ worden. Zugleich räumte er Kommunikationsprobleme ein. „Wir wollen keine Gräben vertiefen, wir wollen Brücken bauen“, sagte İlleri. Die Feier solle ein Ort der Offenheit sein – „für Kinder, Familien und alle Menschen, die miteinander ins Gespräch kommen möchten“.
Auch Ditib Nord suchte bei der Eröffnung den Schulterschluss mit der Stadtgesellschaft. Vorstandsmitglied Bülent Arlıoğlu sagte: „Wir sind keine Gäste mehr. Wir sind keine Anfänger. Wir sind nicht die anderen. Wir sind diese Gesellschaft.“ Muslime seien Teil dieses Landes, sie studierten, lehrten, pflegten, bauten und übernähmen Verantwortung.
Neue Kritik: Nationalisten-Lied und Wolfsgruß beim Auftakt
Doch während die Gemeinde auf dem Frascatiplatz um Vertrauen wirbt, gibt es bereits neue Kritik am Auftakt der Feier. Eren Güvercin, türkischer Rechtswissenschaftler und Journalist, veröffentlichte am Freitag auf X ein Video vom Auftakt des Fests. Darauf ist zu hören, wie eine Musikband das Lied „Ölürüm Türkiyem“ spielt – auf Deutsch: „Ich sterbe für dich, meine Türkei“. Das Lied des türkischen Musikers Mustafa Yıldızdoğan gilt als Hymne türkischer Nationalisten. Der Bremer Verfassungsschutz rechnet Yıldızdoğan der türkisch-rechtsextremen Bewegung zu.
In dem Video ist kurz eine Besucherin zu sehen, die während des Liedes den sogenannten Wolfsgruß zeigt – das Erkennungszeichen der türkisch-rechtsextremen „Grauen Wölfe“. Für Güvercin stellt sich die Frage, warum auf einem Fest, das laut Veranstaltern dem interkulturellen Dialog dienen soll, ein Lied gespielt wird, das in nationalistischen Kreisen als Bekenntnis zum Türkentum gilt.
FDP kritisiert Umgang mit Presse auf öffentlichem Platz
Auch Sonja Jacobsen, Bergedorfs FDP-Chefin, legt nach. Sie kritisiert nicht nur das Lied und den Wolfsgruß, sondern auch den Umgang der Veranstalter mit der Presse. Unter Berufung auf Berichte über das laufende Fest schreibt sie, die Gemeinde habe angekündigt, die Presseberichterstattung auf dem öffentlichen Frascatiplatz „streng zu reglementieren“. Schon am ersten Veranstaltungstag habe ein Team des NDR Schwierigkeiten gehabt, dort Aufnahmen zu machen.
Jacobsen sieht darin einen Widerspruch zum Hamburger Islam-Staatsvertrag. Artikel 9 verpflichte die islamischen Religionsgemeinschaften nach ihrer Darstellung zu Transparenz und Öffnung. Es sei das Gegenteil von Transparenz, wenn Medienanfragen über Wochen unbeantwortet blieben, problematische Redner erst nach öffentlichem Druck aus Ankündigungen verschwänden und Bildaufnahmen auf einem öffentlichen Platz behindert würden. Sie fordert nun den Senat auf zu klären, auf welcher Rechtsgrundlage Pressevertreter dort an Aufnahmen gehindert werden sollten.
Die neuen Vorwürfe treffen eine Veranstaltung, die schon vor ihrem Beginn unter erheblichem Druck stand. Die Kocatepe-Gemeinde gehört zum Glaubensverband Ditib, der von der türkischen Religionsbehörde Diyanet gesteuert wird. Gegründet wurde sie 1986. Heute, 40 Jahre später, sei sie „weit mehr als ein Gebetsort“, heißt es in einer Jubiläumsschrift. Angekündigt wurde die Feier als offenes Kultur- und Familienfest mit Koranrezitationen, religiösen Vorträgen, Musik, Kinderprogramm und türkischer Küche.
Sechs umstrittene Prediger und ein Kinder-Influencer wurden wieder ausgeladen
Selten dürfte in Hamburg über eine Jubiläumsfeier schon im Vorfeld so heftig gestritten worden sein wie in diesem Fall. Jacobsen und Güvercin hatten schon vor Wochen auf mehrere problematische Namen auf der Teilnehmerliste des Fests hingewiesen: insgesamt sieben Personen, darunter sechs Prediger und ein Kinder-Influencer. Jacobsen forderte sogar, das Fest ganz abzusagen.
Zu den eingeladenen Predigern gehörte beispielsweise Bünyamin Topçuoğlu. Er soll den früheren Hamas-Chef Ismail Haniyye in sozialen Medien als „Märtyrer“ bezeichnet und ein Zitat verbreitet haben, in dem Israel das Existenzrecht im Nahen Osten abgesprochen wird. Ebenfalls auf der Gästeliste stand Mustafa Özcan Güneşdoğdu. Er soll den Hamas-Sprecher Abu Ubayda als Helden gefeiert, Angriffe der Huthi-Milizen verherrlicht und Israel als „tollwütigen Hund“ diffamiert haben.
Für Empörung sorgte auch der geplante Auftritt des Kinder-Influencers Sertaç Güngör, bekannt als „Sertaç Abi“. In einem Video, das er in den sozialen Medien geteilt hat, ist zu sehen, wie iranische Raketen in Tel Aviv einschlagen. Dazu sind Musik und ein tanzendes Kleinkind zu sehen. Eingeblendet ist der Text: „BOOM BOOM TEL AVIV“. Kritiker sehen darin eine Verherrlichung von Angriffen auf israelische Zivilisten.
Ditib weist den Vorwurf des Antisemitismus entschieden zurück
Ditib Nord und die Bergedorfer Gemeinde reagierten mit einer Erklärung. Eine Kommission habe die Beiträge der eingeladenen Gäste geprüft und sei zu dem Ergebnis gekommen, dass Inhalte teilweise problematisch seien. Die Gemeinde wies Vorwürfe des Antisemitismus oder anderer menschenfeindlicher Ideologien entschieden zurück. Um die Diskussion nicht weiter zu belasten, verzichteten die Organisatoren nach eigenen Angaben auf die eingeladenen Gäste.
Das Fest auf dem Frascatiplatz läuft noch bis Sonntag. Für Besucher ist es ein Kultur- und Familienfest mit Essen, Musik und Kinderprogramm. Für Kritiker bleibt es ein politischer Vorgang, der nicht mit der Ausladung der Prediger erledigt ist. Inzwischen geht es nicht mehr nur um sieben problematische Gäste. Es geht auch um Transparenz, Pressefreiheit, den Umgang mit öffentlichem Raum und die Frage, welche Erwartungen an einen Vertragspartner der Stadt Hamburg gelten.
Der Senat wird erklären müssen, ob er die Vorgänge als lokale Panne einer Bergedorfer Gemeinde betrachtet – oder als Problem, das den Hamburger Islam-Staatsvertrag berührt. Die Feier endet am Sonntag. Die politische Debatte dürfte dann erst richtig beginnen.