Umstrittene Thesen und Erinnerungslücken: Der dubiose Psychologe der Blocks

Der Kinderpsychologe Dr. Stefan Rücker ist im Block-Prozess als Zeuge geladen.
Der Kinderpsychologe Dr. Stefan Rücker ist im Block-Prozess als Zeuge geladen.

Er ist als Experte für Trennungskonflikte und Kinderpsychologe in vielen Medien präsent und hat Christina Block mehr als 100 Stunden beraten. Jetzt trat Dr. Stefan Rücker als Zeuge im Entführungsprozess auf – und geriet dabei selbst unter Beschuss. Tatsächlich werfen einige Punkte Fragen auf.

Montag, 26. Januar 2026, kurz vor 10 Uhr im Landgericht Hamburg: Der Bremer Kinderpsychologe Stefan Rücker wird als Zeuge aufgerufen. Gekleidet in ein schwarzes Jackett und mit einem schwarzen Koffer in der Hand betritt der 54-Jährige den Saal und antwortet mit ruhiger Stimme auf die Fragen der Vorsitzenden Richterin.

Christina Block nahm 2022 Kontakt zu ihm auf

2022 habe Christina Block zum ersten Mal Kontakt zu ihm aufgenommen, erzählt Rücker. Sie habe wissen wollen, warum Kinder plötzlich auf Distanz zu einem Elternteil gingen.

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Zu diesem Zeitpunkt lebten Blocks damals elfjährige Tochter und ihr achtjähriger Sohn schon seit Monaten in Dänemark. Ihr Vater, Stephan Hensel, hatte sie nach einem Besuchswochenende bei sich behalten, obwohl das Aufenthaltsbestimmungsrecht bei Christina Block lag. Hensel sagte, die Kinder hätten ihm damals von Gewalt seitens der Mutter berichtet. Block bestreitet das.

Christina Blocks Sorge sei gewesen, dass die Kinder Schaden nehmen, fährt Rücker vor Gericht fort. Er habe deshalb eine fachliche Einschätzung vorgenommen. Darin stellte er eine „Eltern-Kind-Entfremdung“ fest, die zwei Kinder seien von ihrem Vater eindeutig manipuliert worden. „Ihr Wohl ist akut gefährdet“, steht dort.

Konzept „Eltern-Kind-Entfremdung“ ist fachlich umstritten

Allerdings: Das Konzept der „Eltern-Kind-Entfremdung“ ist fachlich umstritten, im November 2023 bewertete das Bundesverfassungsgericht es als „überkommen und fachwissenschaftlich“ widerlegt. Auf MOPO-Nachfrage erklärt Rücker, dass ihm die Hintergründe des Urteils nicht vorlägen, grundsätzlich seien aber verschiedene Ansichten zu Theorien und deren Umsetzungen vertretbar. Entfremdung sei durchaus ein in der Wissenschaft kontroverser Begriff.

Vor Gericht kommt raus: Für seine fachliche Einschätzung hatte Rücker nie persönlich mit den zwei Kindern gesprochen – dafür mit Christina Block, ihrer weiter in Hamburg lebenden Tochter und Lebenspartner Gerhard Delling. Außerdem nutzte er Berichte des Jugendamts sowie Unterlagen des Familiengerichts. Das sei eine normale Methodik, verteidigt sich der Psychologe im Gericht.

Rücker erstellte zudem ein „Rückführungskonzept“, in dem unter anderem geraten wird, einen Reisebus für den Transport der Kinder zu verwenden. Dieses Konzept, betont Rücker vor Gericht, sei aber immer erstellt worden unter der Prämisse, dass diese Rückführung auf legalem, freiwilligem Wege erfolge.

Psychologe Rücker war bei Aktion in Dänemark dabei

Rückers Unterstützung für Christina Block ging allerdings weit darüber hinaus. In Tagebuchnotizen beschreibt Block etliche Telefonate und Treffen, an vieles kann er sich vor Gericht allerdings nicht erinnern.

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Im November 2022 begleitete Rücker Block dann nach Dänemark – begleitet von sechs ehemaligen Polizisten, Privatdetektiven und Personenschützern. Der Plan laut Rücker: die Kinder auf dem Weg von der Schule abfangen und überreden, freiwillig mit nach Deutschland zu kommen.

Er saß damals mit Block in einem Auto, schildert Rücker. Doch das vereinbarte Zeichen sei nicht gekommen. Stattdessen nahm die Polizei die sechs Sicherheitsleute fest, ließ diese später aber wieder frei.

Aufnahmen einer Sicherheitskamera sollen Stefan Rücker (ganz links) in der Lobby eines Hotels in Dänemark zeigen.
Aufnahmen einer Sicherheitskamera sollen Stefan Rücker (ganz links) in der Lobby eines Hotels in Dänemark zeigen.

Nur einen Monat später, im Dezember 2022, tauchten vor Stephan Hensels Haus in Dänemark Demonstranten auf. Auf den Plakaten standen die Namen der Kinder. In einer vor Gericht abgespielten Sprachnachricht an einen der Teilnehmer ist eine männliche Stimme zu hören: „Es wäre gut, wenn es so aussieht, als wäre es eine rein dänische Organisation“, sagt diese. „Es wäre gut, wenn mein Name da komplett rausgehalten würde.“

Das klinge nach seiner Stimme, sagt Rücker im Gerichtssaal, er müsse die Echtheit prüfen. Er habe aber keine Erinnerung daran. Er sei weder auf dieser Demo gewesen, noch habe er diese organisiert.

Neben vielen Erinnerungslücken gab es vor Gericht harsche Kritik. Der Anwalt von Hensel warf Rücker „wissenschaftlich völlig haltlose“ Arbeit vor: „Ich bestreite, dass der Zeuge irgendeinen Sachverstand hat!“

Psychologe habe „über 100 Stunden“ für Block gearbeitet

Tatsächlich ist seine Arbeit nicht unumstritten: Wie der „Spiegel“ berichtet, soll eine Richterin am Oberlandesgericht Frankfurt in einem anderen Verfahren Rückers Gutachten fehlende wissenschaftliche Anforderungen in „eklatantem Maße“ bescheinigt haben.

Rücker betont auf Nachfrage „explizit“, dass er „keine Gutachten“, sondern „fachliche Stellungnahmen“ schreibe. „Diese folgen einem anderen Maßstab.“ Die Frankfurter Richterin habe ihn zudem nicht kontaktiert, daher habe er keine Möglichkeit zur Stellungnahme gehabt. Allerdings: Auf seiner Webseite wirbt er mit der Erstellung von „fundierten Privatgutachten“.

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Auf seinem LinkedIn-Profil bezeichnet er sich zudem als „Leiter Arbeitsgruppe Kindeswohl“. Eine solche Arbeitsgruppe gab es an der Uni Bremen, sie wurde aber 2020 laut Universität aufgelöst. Laut Bremer Senat hatte die Uni Rücker 2024 aufgefordert, seine Tätigkeit korrekt auszuweisen.

Für Christina Block hat Rücker nach eigenen Angaben weit über 100 Stunden gearbeitet. Berichte, dass er dafür über 40.000 Euro erhalten haben soll, bestreitet er.

Rücker sah die Kinder im Januar 2024 nach der Entführung

Definitiv sicher ist, dass Rücker einer der wenigen Menschen war, die die zwei Kinder nach der Entführung im Januar 2024 im Haus von Christina Block sahen. „Von einer gewaltsamen Entführung wusste ich nichts“, sagt er im Gericht. Christina Block habe ihm geschildert, einen Anruf bekommen zu haben, um die Kinder abzuholen. „Ich ging davon aus, dass alles juristisch statthaft war.“

Genauer nachgefragt habe er nicht, auch nicht bei den Kindern. Diese seien bei einem kurzen Gespräch sehr distanziert gewesen, hätten wahrscheinlich Vorbehalte ihm gegenüber gehabt. Als die Sachverständige des Gerichts Rücker fragt, mit welcher psychologischen Methodik er die Kinder denn angesprochen habe, wiederholt er ihre Frage zweimal – ohne konkret zu antworten. Das sei alles ergebnisoffen gewesen, erwidert er schließlich vage.

Er ist als Experte für Trennungskonflikte und Kinderpsychologe in vielen Medien präsent und hat Christina Block mehr als 100 Stunden beraten. Jetzt trat Dr. Stefan Rücker als Zeuge im Entführungsprozess auf – und geriet dabei selbst unter Beschuss. Tatsächlich werfen einige Punkte Fragen auf.