Umstrittene Siedlung im Hamburger Norden: Erster Blick in die Neubauten
Aus alt mach neu: „Ich komme zurück nach Hause“, freut sich Mario Döpke (56) aus Langenhorn. Rund 20 Jahre wohnte er in der Wulffschen Siedlung, doch die Gartenstadt aus der Nachkriegszeit hatte ihren Zenit überschritten. Der Eigentümer, die GWG Gruppe, hat mehrere Wohnblöcke abgerissen und durch schicke Neubauten ersetzt – nachdem die Pläne zunächst für heftige Proteste im Stadtteil gesorgt hatten. Jetzt durften die ersten Mieter ihre neuen Wohnungen besichtigen, für die deutlich mehr Miete fällig wird.
Eine helle Mauerfassade, moderne Balkone oder Terrassen und eine Tiefgarage – Mario Döpke freut sich schon auf den Umzug. Im September geht es endlich los. Vier Jahre lang hatte der examinierte Krankenpfleger während der Bauzeit die Wohnung einer Bekannten angemietet, jetzt kehrt er endlich wieder in „seine“ Siedlung an der Straße Wulffsgrund zurück.
Wulffsche Siedlung: Moderne Neubauten vorgestellt
Eine Ausgleichswohnung wäre ihm vom Vermieter auch angeboten worden, betont Döpke, aber er wollte gern einen Garten haben. „Ich bin gern Langenhorner, hier ist es dörflich, familiär. Ich habe immer gesagt: Aus dieser Wohnung werde ich mit den Füßen zuerst herausgetragen“, sagt Döpke.
Insgesamt 54 Bestandswohnungen hat die GWG abgerissen und durch 79 neue barrierefreie Wohnungen ersetzt – davon 15 gefördert. Möglich wurde das unter anderem, weil die zugehörigen 42 Parkplätze jetzt einer Tiefgarage liegen. Die Wohnungen haben zwei bis fünf Zimmer (50 bis 140 Quadratmeter), eine Einbauküche, bodentiefe Fenster und erfüllen mit Wärmepumpen und Photovoltaik die neuesten Energie-Standards.
Mario Döpke lebte vorher auf 64 Quadratmetern für rund 800 Euro im Monat (12,50 Euro pro Quadratmeter). Jetzt zahlt er rund 1000 Euro für 52 Quadratmeter – mehr als 19 Euro pro Quadratmeter. Unfair findet er das aber nicht: „Schauen Sie sich den Wohnungsmarkt heutzutage an, das ist eben so bei einem Neubau“, sagt er. „Dafür habe ich jetzt zum Beispiel einen Aufzug oder einen Tiefgaragenstellplatz und alles ist neu.“
Langenhorn: Protest gegen Abriss und Neubau
In den alten Gebäuden aus den 1950er Jahren hatten die Mieter zum Teil bereits mit Feuchtigkeit und Schimmel zu kämpfen. Trotzdem hingen vor allem die älteren Mieter an ihren Wohnungen. Sogar eine Bürgerinitiative hatte sich gegründet, um den Bebauungsplan „Langenhorn 73“ zu verhindern. Im Jahr 2011 kam es zum Bürgerentscheid – die Mehrheit stimmte gegen die Pläne.
Doch weil die Stadt schon damals dringend Wohnraum brauchte, zog der Hamburger Senat die Entscheidungshoheit über das Gebiet später an sich und genehmigte die Planungen. Allerdings wurde eine Sozial-Charta vereinbart, die den Mietern die Vermittlung von Ersatzwohnraum und ein Rückkehrrecht gewährleistet.
Etwa 40 Prozent der ehemaligen Bestandsmieter haben sich so wie Mario Döpke dafür entschieden, trotz erhöhter Miete in die Neubauten zu ziehen. Direkt gegenüber stehen noch einige der alten Wohnblocks, deren Mieter sich ebenfalls auf die neuen Wohnungen bewerben konnten.
Weitere Wohnblöcke in Planung
Im Rahmen eines „konstruktiven Prozesses“ seien gute Lösungen erarbeitet worden, um an diesem Standort mehr modernen Wohnraum zu angemessenen Mieten zu schaffen, sagte Jacqueline Charlier, Staatsrätin der Baubehörde bei der Besichtigung am Freitag. Nord-Bezirkschefin Bettina Schomburg ergänzte: „Die schrittweise Aufwertung des Quartiers ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie Nachverdichtung sozialverträglich und im Einklang mit den Menschen vor Ort umgesetzt werden kann.“
Das könnte Sie auch interessieren: Neue Pläne für riesiges Bauprojekt: Große Versprechen – aber nur kleine Änderungen
Bisher sind etwa 70 Prozent der Wohnungen vergeben, weitere zehn Prozent sind reserviert. Und es geht noch weiter: In einem zweiten Bauabschnitt plant das Wohnungsunternehmen der R+V Versicherungsgruppe nun bis voraussichtlich Ende 2028 mehr als 50 weitere Wohnungen. Die GWG ist ebenfalls in Gesprächen mit der Stadt, wie mit den weiteren alten Wohnblöcken in der Siedlung verfahren wird.