Ultrareich dank Russen-Öl: Das verstörende Bekenntnis eines Hamburgers (31)
Jeden Tag sterben in der Ukraine Menschen. Die Weltwirtschaft ächzt unter den Folgen des Krieges. Und jeder einzelne Bürger spürt die hohen Energie- und Verbraucherkosten täglich im Geldbeutel. Kurz: Der Krieg Russlands gegen die Ukraine ist eine Katastrophe. Aber nicht für alle. Manche Geschäftemacher profitieren massiv.
Die ganze Ölbranche – nicht nur in Deutschland – hat sich ungläubig die Augen gerieben, als jetzt der 31-jährige Hamburger Christopher Eppinger der renommierten britischen „Financial Times“ (FT) freimütig davon berichtete, er habe zwischen 2022 und 2025 allen Embargos und Sanktionen zum Trotz in großem Stil mit russischem Öl gehandelt und dabei so richtig abgesahnt. Runde 250 Millionen Dollar! Geld, das er nun dazu verwende, es sich gut gehen zu lassen. Für sieben Millionen Euro habe er sich eine Villa an der Côte d’Azur gekauft, lasse sie jetzt für weitere 14 Millionen Euro sanieren und mit teuren Gemälden ausstatten: Andy Warhol, Caravaggio usw.
Christopher Eppinger wurde durch den Handel mit russischem Öl reich
In der Ölbranche im In- und Ausland ist die Skepsis groß: Als der Artikel erst in der „FT“ und dann ins Deutsche übersetzt auch auf den Online-Seiten von „Capital“ und „Stern“ erschien, fragten sich viele: Eppinger? Wer zum Teufel ist das überhaupt? So gut wie keiner kennt ihn.
Wer also ist er? Geboren wurde er in Neumünster, er ist Sohn von Spätaussiedlern aus der Sowjetunion. Sein Vater und seine Mutter konnten dank der deutschstämmigen Großmutter in den 1980er Jahren in die Bundesrepublik übersiedeln.
Nach MOPO-Informationen besuchte Eppinger ab der 10. Klasse das Wilhelm-Gymnasium in Harvestehude, wohnte damals mit der Mutter in der HafenCity. Der „Financial Times“ erzählt Eppinger, dass er vom Ölgeschäft geträumt habe, seit er als Jugendlicher die Geschichten von Fiesling „J. R. Ewing“ in der TV-Serie „Dallas“ sah. Außerdem sei der Vater eines Jugendfreundes im Ölgeschäft tätig gewesen.
Eppinger begann ein BWL-Studium an der HafenCity-Universität, das er aber abbrach, weil er lieber praktisch arbeiten wollte. Mit 21 Jahren absolvierte er ein Praktikum bei einer kasachischen Ölgesellschaft und bekam anschließend bei der Hamburger Ölgesellschaft S.E.T. Select Energy GmbH einen Job, bevor er sich schließlich selbstständig machte und in Hamburg die Firma CE Commodities GmbH gründete.
Als dann nach dem russischen Angriff auf die Ukraine der Westen Sanktionen gegen russisches Öl verhängte, war das seine Chance. Die großen Player der Branche wendeten sich von Russland ab – und Eppinger stieg mit seiner in Dubai ansässigen neuen Firma CE Energy ins Ölgeschäft ein. Von 2022 bis 2025 habe er mit russischem Öl im Wert von zwei Milliarden Dollar gehandelt, sagt er. Und er behauptet, das sei ganz legal gewesen.
Legal? Wie das? Hat Eppinger Schlupflöcher gefunden, die es ihm ermöglichten, trotz der Sanktionen gesetzeskonform mit russischem Öl zu handeln? Er sagt ja.
Freimütig erklärt Eppinger, auf welche Weise er angeblich legal mit russischem Öl dealte
Eppinger wandte demnach zwei Methoden an. Methode eins: Er blieb unter der Preisobergrenze. Was das bedeutet, erklärt die „Financial Times“ so: „Da Öl letztlich als zu wichtig für die Weltwirtschaft angesehen wird, einigt sich der Westen (im Jahr 2023) auf eine Preisobergrenze. Sie soll Russland ermöglichen, weiterhin zu exportieren, gleichzeitig aber seine Einnahmen begrenzen. Darauf springen eine Handvoll Risikofreudiger auf, um von Geschäften zu profitieren, die andere nur ungern tätigen.“ Eppinger sagt, er habe bei den Geschäften mit russischem Öl den „Price Cap“ stets respektiert.
Weil die meisten westlichen Banken nach der russischen Invasion nicht mehr bereit sind, Geschäfte mit Russland zu machen, sind russische Ölproduzenten laut „Financial Times“ gezwungen, gegen alle Gepflogenheiten der Branche auf offene Rechnung zu verkaufen. Normalerweise muss das Öl schon bei Abnahme gezahlt werden, jetzt erst, wenn der Händler es selbst verkauft hat – er muss also nichts vorfinanzieren. „Dieses System bietet kleinen Firmen wie CE Energy, die nie mehr als eine Handvoll Mitarbeiter hatten, eine seltene Gelegenheit“, so die „FT“: „Öl kann im Wert von mehreren Milliarden Dollar verkauft und überproportionale Gewinne erzielt werden.“
Auch über die zweite Methode, die er anwandte, spricht Eppinger offen: Demnach handelte er mit russischem Öl, das in den Vereinigten Arabischen Emiraten mit Öl aus anderen Herkunftsländern gemischt worden war. Nach dem Mischen erhielt das Öl demnach ein neues Zertifikat: „Öl gemischt in den Vereinigten Arabischen Emiraten“. Die russische Herkunft war nicht mehr erkennbar.
Klingt für uns nach Etikettenschwindel.
Angeblich hat Eppinger zwischen 2022 und 2024 rund 3,3 Millionen Tonnen Öl gehandelt
Wir wollen wissen: Hat Eppinger denn gar kein schlechtes Gewissen? Laut „Financial Times“ hat seine Firma CE Energy zwischen 2022 und 2025 mit 3,3 Millionen Tonnen Öl gehandelt und Kunden in Ländern wie Nigeria, Bahamas, Spanien, Brasilien und China beliefert.
Wenn das stimmt, dürfte Eppinger tüchtig mitgeholfen haben, Putins Krieg gegen die Ukraine zu finanzieren, oder?
Wir schreiben eine Mail an Eppingers Firma in Dubai, bitten um ein Interview und sind überrascht, dass schon 30 Minuten später das Telefon klingelt. Er duzt uns sofort, ist überfreundlich. Wir spüren, hier ist ein Menschenfänger am Werk. Einer, der weiß, wie er Leute um den Finger wickelt.
Schnell wird klar: Eppinger hat wegen seiner Russland-Deals keine Gewissensbisse. Herauszuhören ist: Moral? Das ist in seinen Augen eine Kategorie für Politiker. Er sei Händler. Und außerdem: So wie er hätten es alle gemacht.
Wir wollen von Branchenkennern und Experten wissen, was sie zu Eppingers Geschichte sagen. Ist es wirklich so leicht, legal Geld mit russischem Öl zu verdienen?
„Als ich den Artikel in der ,Financial Times‘ gelesen habe, habe ich schallend gelacht“, sagt Yury Orekhov, ein in Hamburg ansässiger Geschäftsmann, der vor einigen Jahren wegen eines angeblichen Sanktionsverstoßes selbst schon ins Fadenkreuz der US-Justiz geriet. Er kennt sich also mit Sanktionen aus. „Um 250 Millionen Dollar in drei Jahren zu verdienen“, so Orekhov, „musst du eine eigene Tankerflotte von 50 Schiffen oder mehr besitzen. Eine One-Man-Show wie Eppinger kommt niemals auf solche Profite.“
Yury Orekhov hat Zweifel: „Um 250 Millionen Dollar Profit zu machen, brauchst du eine Flotte von 50 Schiffen“
Dem hält Eppinger entgegen, dass der Wettbewerber „Trafigura“ zwischen 2022 und 2024 mit 30 eigenen Schiffen einen Profit von 13 Milliarden US-Dollar erzielt habe und „Vitol“ mit 50 eigenen Schiffen fast 37 Milliarden Dollar.
Aber unabhängig davon, wie realistisch Eppingers Gewinne sind – war es möglich, russisches Öl mit fremdem zu mischen, um so an ein „sauberes“ Zertifikat zu kommen?
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Wir fragen beim Bundeswirtschaftsministerium, beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle und beim Wirtschaftsverband Fuels und Energie (en2x) nach. Keiner möchte sich zum Fall Eppinger äußern, alle sagen aber, generell sei es nach den Sanktionsbestimmungen so, dass das bloße Mischen von russischem Rohöl mit anderem Öl in einem Drittstaat und die Ausstellung eines neuen Ursprungszertifikats „grundsätzlich nicht geeignet“ seien, das EU-Verbot für Importe in die EU zu umgehen. Alexander von Gersdorff von „en2x“ betont, das habe auch 2022 und 2023 schon so gegolten.
Und was sagt Prof. Viktor Winkler, einer der angesehensten Experten für Sanktionsrecht? Auch er vertritt den Standpunkt: Sind die Sanktionen anwendbar, ändert es nichts, russisches Öl mit legalem Öl zu vermischen – „im Gegenteil, die Gerichte nehmen dann regelmäßig an, dass die kriminelle Energie größer ist, und die Strafe fällt höher aus als ohne ein solches Vermischen“.
Als wir Eppinger mit diesen Aussagen konfrontieren, bringt er sofort seine Anwälte in Stellung, die uns schreiben, dass es sich bei dem Interview, das Eppinger der MOPO wenige Tage zuvor gegeben hat, gar nicht um ein Interview gehandelt habe, sondern um ein „Hintergrundgespräch“, das ausdrücklich nicht zur Veröffentlichung bestimmt gewesen sei. Der MOPO wird untersagt, daraus zu zitieren.
Eppinger bringt seine Juristen gegen die MOPO in Stellung: 1310-seitiges Anwaltsschreiben
Dabei hatte Eppinger noch ausdrücklich betont, wie gern er der Lieblingszeitung seiner Jugend dieses – so wörtlich – „Interview“ gebe. Er betont, wie blöd er es finden würde, Anwälte zu beauftragen, um einem Journalisten mitzuteilen, dass er mit ihm nicht reden wolle.
Genau das tut er nun. Im Nachhinein.
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Die Strategie von Eppingers Anwalt scheint zu sein, die MOPO mit Papier zu erschlagen. Die Mail des Juristen umfasst – inklusive Anlagen – 1310 (!) Seiten. Beigefügt ist ein auf Englisch verfasstes Gutachten einer Sanktionsrechts-Kanzlei aus Dubai, dessen Inhalt sich so zusammenfassen lässt: Sämtliche Öl-Geschäfte Eppingers seien zu dem Zeitpunkt, als sie abgewickelt wurden, legal gewesen. Das Mischen von russischem Öl sei eine sogenannte „wesentliche Transformation“ – dadurch sei es offiziell nicht mehr russischen Ursprungs. Später in Kraft getretene Sanktionen hätten keine Rückwirkung. So weit Eppingers Anwälte.
Demnach hat der 31-jährige Hamburger tatsächlich Lücken in den EU-Sanktionen genutzt und ist so steinreich geworden.