Trotz Bränden und Hygienemängeln: Hamburgs Skandal-Unterkunft soll länger bleiben
Verdreckte Duschen, zerstörte Sanitäranlagen, Müll, Fäkalien und immer wieder muss die Feuerwehr zu Brandeinsätzen anrücken: Erst vor wenigen Tagen hat die MOPO erneut über die Zustände in Hamburgs größter Flüchtlingsunterkunft am Überseering 26 berichtet. Ein junger Ukrainer hatte Fotos aus dem früheren Bürogebäude in der City Nord vorgelegt und die Lage als „menschenunwürdig“ bezeichnet. Nun zeigt eine Senatsantwort auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion: Ein schnelles Ende des umstrittenen Standorts ist keineswegs sicher. Im Gegenteil – Betreiber Fördern & Wohnen (F&W) prüft eine Verlängerung des Betriebs bis Ende 2027.
Beschlossen ist diese Verlängerung noch nicht. Nach Angaben des Senats endet der aktuell gültige Mietvertrag für das Gebäude am 31. Dezember 2026. Das Belegungsende ist derzeit weiterhin für den 30. September 2026 geplant – damit im Fall einer Schließung genug Zeit bleibt, die Bewohner anderweitig unterzubringen, Rückbauarbeiten vorzunehmen und das Gebäude im vereinbarten Zustand an den Vermieter zu übergeben.
Eigentlich endet der Mietvertrag Ende 2026, aber eine Verlängerung ist geplant
Aber zugleich heißt es in der Antwort des Senats ausdrücklich: Ziel ist eine Fortführung des Unterkunftsbetriebs über 2026 hinaus. Eine abschließende Entscheidung liege bisher nicht vor, Umfang und möglicher Zeitraum einer Verlängerung befänden sich noch in Abstimmung.
Für die Linksfraktion ist das ein Alarmsignal. „Eine Verlängerung des Betriebs der Interimsunterkunft am Überseering 26 wäre eine sehr schlechte Nachricht für die Bewohner, aber auch Anwohner“, sagt Carola Ensslen, fluchtpolitische Sprecherin der Fraktion. „Knapp 1000 Menschen auf so engem Raum sind zu viel. Die Hoffnung, dass das nun ein baldiges Ende hat, scheint sich zu zerschlagen.“ Ensslen fordert den Senat auf, die Unterkunft nicht zu verlängern und die Belegung zügig zu reduzieren.
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Tatsächlich leben am Überseering noch immer sehr viele Menschen. Zum Stichtag 30. April waren dort nach Senatsangaben 954 Personen untergebracht. Darunter sind 608 Menschen in Familien, 121 alleinstehende Frauen und 225 alleinstehende Männer. Besonders brisant: In der Unterkunft leben 364 Kinder und Jugendliche – 68 von ihnen sind zwischen null und drei Jahre alt, 66 zwischen vier und sechs, 127 zwischen sieben und zwölf und 103 zwischen 13 und 17 Jahren. Immerhin ist die Zahl der Bewohner bereits gesunken – von 1366 im Mai 2025 auf 987 Ende März. Bis Ende Juni 2026 soll die Zahl der Bewohner auf 900 zurückgehen.
Links-Fraktion: „Eine Verlängerung wäre eine schlechte Nachricht für Bewohner und Anwohner“
Zu den zahlreichen Feuerwehreinsätzen im Objekt sagt die Linken-Politikerin Ensslen, sie seien bislang „glimpflich verlaufen, aber es scheint nur eine Frage, bis Schlimmeres passiert“. In der Antwort des Senats heißt es, dass für das Jahr 2026 bis zum 17. Mai insgesamt 34 Brandeinsätze für das Adressobjekt Überseering 26 erfasst wurden. Der Senat schränkt ein, dass an dieser Adresse auch Einsätze stattgefunden haben können, die nicht im Zusammenhang mit der Unterkunft stehen. Bislang seien erst 22 der 34 Einsatzberichte vollständig ausgewertet. Bei neun Einsätzen habe tatsächlich ein Brandereignis vorgelegen. Vier Brände wurden mit einem Kleinlöschgerät der Feuerwehr bekämpft, fünf waren bereits vor Eintreffen der Feuerwehr gelöscht. Eine Person wurde wegen des Verdachts auf Rauchgasvergiftung behandelt.
Bei 13 Einsätzen habe eine „nicht bestimmungsgemäße Auslösung der Brandmeldeanlage“ vorgelegen – etwa durch missbräuchliche Auslösung oder technische Störungen. Ob es sich jeweils um Missbrauch oder eine technische Störung handelte, lasse sich nicht zweifelsfrei unterscheiden.
Die hygienischen Probleme, über die die MOPO berichtet hatte, beschäftigen inzwischen auch F&W und das Hygieneinstitut. Nach einem Termin Anfang Mai wurden weitere Maßnahmen vereinbart. Die reguläre Reinigung soll ausgeweitet werden. Ab Juni soll zusätzlich eine Reinigungskraft ausschließlich für Sonderreinigungen eingesetzt werden. Außerdem soll ein weiteres Reinigungsmittel getestet werden, um unangenehme Gerüche besser zu beseitigen.
Bei mindestens neun Brandeinsätzen hat 2026 tatsächlich ein Brandereignis vorgelegen
Der Senat kündigt damit weitere Maßnahmen gegen die Hygienemängel an. Die Stundenzahl für die reguläre Reinigung werde erhöht, ab Juni 2026 eine zusätzliche Reinigungskraft beschäftigt, welche ausschließlich für Sonderreinigungen zuständig ist. Geprüft würden zudem zusätzliche Sanitärkapazitäten.
Die Unterkunft am Überseering 26 ist seit Frühjahr 2023 in Betrieb. Das frühere Bürogebäude der Postbank ist die größte Flüchtlingsunterkunft Hamburgs – und seit Monaten Gegenstand von Beschwerden. Anwohner berichteten über Lärm, Trinkgelage und Menschen, die in Vorgärten urinierten. Bewohner beklagten defekte Duschen, verschmutzte Toiletten und zu wenig funktionierende Sanitäranlagen. Ein 23-jähriger Ukrainer, der sich an die MOPO wandte, sagte, häufig seien nur wenige Duschen nutzbar gewesen, manchmal müsse er zwei Stunden warten, bevor er drankomme.
Klar ist nun: Aus dem offiziell als Interimsstandort bezeichneten Gebäude könnte ein deutlich längeres Provisorium werden. Für die fast 1000 Menschen am Überseering – und für die Anwohner in der City Nord – ist damit offen, wie lange die Probleme an Hamburgs größter Flüchtlingsunterkunft noch weitergehen.