Trompeten für die Demokratie: Der Türmer von der Christuskirche
Ungewöhnliche Laute schallen seit zwei Wochen immer samstags um 17.45 Uhr von der Turmspitze der Christuskirche in Eimsbüttel: Trompetenklänge statt Glockengeläut! Was hat es damit auf sich?
Seit dem Mittelalter gibt es den Beruf des Türmers. Der Wächter des höchsten Turms einer Stadt warnte die Bevölkerung vor Gefahren wie Bränden oder Invasionen, indem er ins Horn blies.
Nordkirche ruft mit Pauken und Trompeten zur Stärkung der Demokratie auf
Eine solche Gefahr sieht die Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland aktuell herannahen: Angesichts der anstehenden Wahlen für Bundestag und Bürgerschaft wollen die Geistlichen vor dem Erstarken des Rechtsextremismus‘ warnen – mit Musik.
So wird seit Anfang Februar auf verschiedenen Wochenmärkten unter dem Motto „Laut für Demokratie“ gesungen, posauniert oder trompetet. Auch der Türmer der Kirchengemeinde Eimsbüttel an der Fruchtallee gibt sein Bestes – in 30 Metern Höhe.
„Viele Leute vergessen leider, dass es nicht selbstverständlich ist, in einer Demokratie zu leben“, sagt Jens Heemeier. Der 56-Jährige ist seit zehn Jahren Türmer der Christuskirche. Mit dem ehrenamtlichen Job verbindet der Mann mit vielseitiger Begabung (er hat sowohl Kirchenmusik als auch Ingenieurwesen studiert) Hobby und Beruf. Hauptamtlich arbeitet Heemeier als Ingenieur bei einem großen Hamburger Konzern.
„Unser Demokratie ist in Gefahr“: Türmer der Christuskirche fordert Bürger auf, wählen zu gehen
„Wir erleben gerade, wie die Demokratien in den USA, in Österreich, in in Ungarn, Italien und Frankreich ins Wanken kommen. Das ist furchtbar“, sagt Heemeier. Auch die damit verbundene Zuspitzung der weltpolitischen Lage und das Erstarken von Autokratien machen ihm Sorgen. „Wir müssen etwas tun, damit unsere Kinder nicht in den Krieg ziehen müssen“, so Familienvater, der zwei eigene und zwei Stiefkinder hat.
Zwar fehlt Heemeier aktuell bei allen Parteien der politische Zusammenhalt. Doch eins ist für ihn völlig klar: „Die AfD brüllt nur: ,Alles ist schlecht. Wir machen es anders.‘ Aber wie? Das sagen sie nicht! Weil sie in Wirklichkeit keinen Plan haben.“
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Deshalb wird Heemeier am Samstag mit seiner Trompete unterm Arm die vielen Stufen hoch in den Turm der Christuskirche klettern. Nach dem Glockenschlag um 17.45 Uhr wird er dann in alle vier Himmelsrichtungen Lieder spielen. Und zwar: „Die Gedanken sind frei“, „We shall overcome“ und „Von guten Mächten treu und still umgeben“. Passanten sind eingeladen, sich unten vor die Kirche zu stellen und mitzusingen.
Die gleichen Lieder werden – ebenfalls zum Mitsingen – am Samstag auf dem Wandsbeker Wochenmarkt (11 Uhr am Ausgang des Quarree) von einem Posaunenchor gespielt. Und auch vor St. Markus-Hoheluft (Heider Straße 1) und im Gemeindegarten der Melanchthonkirche Groß Flottbek (Ebertallee 30) sind die Anwohner am Samstag um 12 Uhr bei „Die Gedanken sind frei“ zum Einstimmen aufgefordert. Heemeier: „Wir sind laut! Wir müssen die Demokratie stärken.“