Trinkgeld-Revolution: Kleiner Kasten – große Verlegenheit
Vor dem Tresen hat sich eine lange Schlange gebildet. Der Sommer in Hamburg steht in den Startlöchern. Die Leute haben Lust auf Eis. „Eine Kugel Mango in der Waffel bitte!“ Dann geht es ans Bezahlen: „Mit Karte gerne.“ Plötzlich wird es heikel, denn bevor das Smartphone oder die Girocard angehalten werden kann, will das Lesegerät noch etwas wissen: Möchten Sie Trinkgeld geben? Ein Euro? Zwei Euro? Drei Euro? Dazu der erwartungsvolle Blick des Verkäufers. Diese kleinen Geräte sind recht neu. Gastronomen setzen vermehrt auf Bezahlterminals, die automatisch nach Trinkgeld fragen. Nötigung oder legitim?
Die „Eisbar Eiswerkstatt“ an der Eimsbütteler Chaussee (Eimsbüttel) ist ein echter Neuling unter den Eisdielen. Erst im März dieses Jahres öffnete das Geschäft den Eishungrigen erstmalig seine Türen. Der Look im Innern ist modern: Zimmerpflanzen, nackter Backstein, Kupferrohre unlackiert. Auch mit nagelneuen Kartenlesegeräten der Firma Sumup ist die „Eisbar“ ausgestattet. Beim Bezahlvorgang mit dem kleinen Kasten werden Kunden automatisch gefragt, ob sie Trinkgeld geben möchten. Standardmäßig können ein, zwei oder drei Euro per Touch ausgewählt werden. Darunter gibt es die Option „Kein Trinkgeld“, darüber und in kleiner Schrift die Auswahl „Trinkgeld manuell eingeben“.
Hamburg: Dieser kleine Kasten revolutioniert das Trinkgeld
Inhaber Roman Duncenko (34) ist wohl das, was man im Englischen einen Sonnyboy nennt. Ein athletischer Typ mit 5-Tage-Bart und charmantem Lächeln. Wie nehmen seine Gäste die Trinkgeld-Option auf? „Bisher ganz gut“, sagt er. Dennoch gebe es regelmäßig Erklärungsbedarf. Auch müssten er und sein Team darauf hinweisen, dass das Tippen freiwillig ist. Nach der Großzügigkeit seiner Gäste gefragt, muss der 34-Jährige lachen: „Also, wenn ich arbeite, läuft es besonders gut.“
Zu den Dienstleistungen, die traditionell mit einem Trinkgeld honoriert werden, wie in Restaurants, Friseursalons oder Taxis üblich, zählt das Verkaufen von Eis in der Regel nicht, abgesehen von Eiscafés natürlich. Doch daran stört sich Duncenko nicht. „Wir bieten den Gästen ja auch was: Ein freundliches Lächeln, einen Schnack, und natürlich guten Service.“
Wer nichts geben will, kommt schnell in Verlegenheit
Das Thema Trinkgeld ist heikel. Für die Menschen, die in der Gastronomie arbeiten, ist die Extrakohle ein Zeichen der Anerkennung, eine steuerfreie Aufwertung des Gehalts in einer Branche, in der viele für den Mindestlohn arbeiten. Selbst in Coffeeshops mit Selbstbedienung stehen inzwischen Sparschweine auf dem Tresen. Das offensive Werben um Geld könnte Kunden aber auch verunsichern.
Kartenlesegeräte mit Trinkgeldoption gibt es natürlich nicht nur in der „Eisbar“, sondern beispielsweise auch bei der Kaffeerösterei „Torrefaktum Café“ in Ottensen oder den Filialen der Hamburger Fast-Food-Kette „Vincent Vegan“. Dort werden die Empfehlungen in Prozent angegeben, 5 bis 20 Prozent des Gesamtbetrags stehen zur Auswahl. Verhaltensökonomen sprechen dabei von „Nudging“ (Deutsch: „anstupsen“). Die Entscheidung der Kunden wird gelenkt.
Coach: Trinkgeld ist Ausdruck von Wertschätzung
Wollen Gäste nicht mehr zahlen als nötig, müssen sie die Option erst wegklicken. Vor den Augen des Personals. Eine potenziell unangenehme Situation entsteht. Schließlich möchten sich die meisten Menschen sozial angepasst verhalten und nicht als knickerig gelten.
Das könnte Sie auch interessieren: Hamburger Restaurants trotzen mit einer „Selbsthilfegruppe“ der Gastro-Krise
Marc Nelson ist Business-Coach und Trainer für moderne Umgangsformen. Er stört sich an der Selbstverständlichkeit, mit der der Obolus inzwischen eingefordert wird. „Bezahlterminals, die zum Trinkgeld geben auffordern, empfinde ich als nötigend.“ In solchen Fällen könne man das Tippen mit gutem Gewissen ablehnen.
Grundsätzlich sei das Geben von Trinkgeld „eine feine Sache“. „Es ist Ausdruck von Wertschätzung, und ein Dankeschön für eine guten Service.“ Nelson empfiehlt, sich am etablierten Richtwert von zehn Prozent des Rechnungsbetrages zu orientieren. In besonderen Fällen oder bei kleinen Beträgen dürfe es aber auch gerne mehr sein.