Hamburg
Tote Kinder und ein Aufstand der Eltern – mit Folgen für Hamburgs Verkehrspolitik
1983 starben in Hamburg mehrere Kinder im Straßenverkehr. Angehörige und Anwohner protestierten – ihr Druck veränderte die Verkehrspolitik.
Tote im Straßenverkehr waren vor 40 Jahren in Hamburg alltäglich. Auch Kinder starben auf den Straßen der Hansestadt. Doch 1983 wollten die Menschen das nicht mehr hinnehmen. Angehörige von Opfern und Anwohner sperrten Straßen und demonstrierten.
Tanja (8) und Jens (8) wollten am 12. März 1983 zu Freunden auf der anderen Straßenseite und winkten dem Vater des Mädchens, der am Fenster des Wohnzimmers stand, fröhlich zu. Am Zebrastreifen der Straße Finkenwerder Norderdeich hielt ein Autofahrer, um die Kinder passieren zu lassen. Tanja und Jens liefen los.
Plötzlich kam ein Renault angerast
Plötzlich kam ein Renault R4 herangerast. Am Steuer saß ein Student (26), der den haltenden Wagen am Zebrastreifen halsbrecherisch überholen wollte. Tanja wurde vom Auto erfasst und war sofort tot. Jens blieb unverletzt. Die Eltern des getöteten Mädchens erlitten einen schweren Schock.
Empörte Anwohner sperrten die Straße. Ich machte Bilder der Aktion. Die Menschen hielten Spruchbänder hoch, auf denen stand: „Schluss mit dem Verkehr, keine toten Kinder mehr!“ oder „Umgehungsstraße her – keine toten Kinder mehr!“
Der Ortsamtsleiter von Finkenwerder forderte eine Ortsumgehung, sagte der MOPO: „Täglich fahren 38.000 Autos durch unseren Ortskern.“ Nach 29 Jahren (!) Planung wurde die Ortsumgehung 2012 endlich für den Verkehr freigegeben.
Das Unglück war kein Einzelfall
Das Unglück, bei dem die kleine Tanja starb, war kein Einzelfall. Wenige Wochen vor dem Unfall war auf der Durchfahrtsstraße in Finkenwerder der siebenjährige Dirk angefahren und schwer verletzt worden. Erst nach langem Krankenhausaufenthalt konnte er entlassen werden.
Das könnte Sie auch interessieren:
Am 22. April 1983 war die vierjährige Michaela auf der Hans-Sachs-Straße in Altona überfahren und getötet worden. Die Eltern klagten an: „Ein Kind zu verlieren, ist wohl das Schlimmste, was einen Menschen treffen kann.“ Sie stellten einen Kinderwagen mit einem Schild des Todesdatums an die Straße. Doch niemanden kümmerte es. Als der MOPO-Fotograf vor Ort Bilder machte, rasten die Autos an ihm vorbei. Michaelas Vater: „Kinder sind Freiwild auf unseren Straßen.“ Das Verfahren gegen den Autofahrer (52), der Michaela überfuhr, wurde eingestellt.
Am 1. Oktober 1983 traf es erneut ein Kind: Bianca (4) wurde auf der Straße Rotenhäuser Damm (Wilhelmsburg) von einem Auto erfasst. Das Mädchen erlitt einen Genickbruch, war sofort tot.
Sie sind bereits M+ Abonnement?