„Todesfälle durch Helmpflicht vermeidbar“ – Experte ist trotzdem dagegen
Zehn Fahrradfahrer starben 2024 durch Unfälle in Hamburg. Jüngst sorgte der Tod der Schauspielerin Wanda Perdelwitz (✝41) durch einen Dooring-Unfall am Dammtor für Trauer und Entsetzen. Im MOPO-Interview erklärt Unfallforscher Dr.-Ing. Heiko Johannsen, wie solche Todesfälle künftig vermieden werden könnten, wie viel eine Helmpflicht bringen würde – und warum er trotzdem keine solche fordert.
MOPO: Dr. Johannsen, Sie arbeiten seit vielen Jahren im Bereich der Unfallforschung, sind seit 2014 an der Medizinischen Hochschule Hannover tätig und dort mittlerweile Leiter Ihres Bereichs. In diesem Zeitraum haben vor allem E-Bikes einen Boom erlebt. Sind elektrische Fahrräder besonders gefährlich?
Heiko Johannsen: Nicht die Fahrräder sind gefährlich, ihre Nutzer sind besonders vulnerabel. E-Bikes motivieren Menschen zum Radfahren, die für herkömmliche Räder nicht mehr fit genug wären, vor allem Senioren. Und viele Unfälle, nach denen ein 20-Jähriger sich bloß den Dreck abklopfen würde, können für einen über 70-Jährigen tödlich enden. Aus meiner Sicht ist aber der gesundheitliche und gesellschaftliche Nutzen der E-Bikes größer als das Risiko.
Der Tod von Schauspielerin Wanda Perdelwitz hat in Hamburg Diskussionen über eine Helmpflicht losgetreten. Was denken Sie darüber?
Etwa 80 Prozent der Fahrradtoten sind durch Kopfverletzungen gestorben. Der Großteil davon wäre durch einen Helm vermeidbar gewesen, insbesondere bei Unfällen ohne Fremdeinwirkung. Wenn zu große Kräfte von außen wirken, sind auch die Belastungsgrenzen des Helms irgendwann ausgeschöpft.
Dennoch sehe ich das ähnlich wie bei den E-Bikes: Eine Helmpflicht könnte Menschen vom Fahrradfahren abhalten, und trotz des Unfallrisikos ist Fahren immer noch gesünder als Nichtfahren. Deshalb bin ich ausgesprochen dafür, dass Menschen einen Helm tragen – aber gegen eine Helmpflicht.
Wäre so eine Pflicht denn gut durchsetzbar?
Leider nicht, es gäbe wohl viele Verstöße. Wir beobachten aktuell, dass sogar die Anschnallquoten im Auto sinken. Und eine Pflicht einzuführen, an die sich keiner hält, würde die Glaubwürdigkeit des Staates untergraben. Ich setze daher auf Aufklärung, zum Beispiel in den Medien.
Erinnern Sie sich an Fälle, in denen der Helm schuld war an einer Verletzung? Und sind die zurzeit so angesagten Fahrrad-Airbags eine gute Alternative zum Helm?
So etwas hatte ich noch nie unter den Fingern. Mir fallen auch wenig Szenarien ein, in denen der Helm zum Problem werden könnte. Die Airbags sind sicherlich besser als nichts und haben den Vorteil, dass die Frisur intakt bleibt. Aber ich bezweifle, dass sie sich in jedem Fall schnell genug öffnen. Am sichersten bleibt der klassische Helm.
Fußgänger leben, gemessen an den Unfalltoten, gefährlicher als Radfahrer. Warum diskutieren wir also keine Helmpflicht für Fußgänger?
Bei Fußgängern wäre es wohl noch schwerer, einen Helm an den Mann zu bringen, als bei Radfahrern. Außerdem sind einzelne Konstellationen möglicherweise gefährlicher für Radfahrer als für Fußgänger – zum Beispiel der Alleinsturz, der bei Radfahrern häufiger vorzukommen scheint und mit schlimmeren Folgen verbunden ist. Außerdem deutet sich an, dass Radfahrer mit dem Kopf etwas eher im gefährlichen Bereich der Pkw-Front aufschlagen, als es Fußgänger tun.
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Gibt es denn tatsächlich so viele Dooring-Unfälle, wie es gerade den Anschein macht? Und wie könnte man sie verhindern?
Dooring-Unfälle sind sehr selten, und noch seltener enden sie tödlich – da gibt es aktuell eine mediale Verzerrung der Wirklichkeit. Und sie können verhindert werden: Vom sogenannten Holländischen Griff halte ich auf der Fahrerseite nicht viel, auf den anderen Plätzen kann er sinnvoll sein. Dagegen sollte ein Blick in den Rückspiegel vor dem Öffnen der Tür Standard sein.
Vor einiger Zeit gab es zudem den Vorschlag, die Autos so zu programmieren, dass sie vor dem Öffnen auf der entsprechenden Seite blinken. Den halte ich für sinnvoll, er hat sich aber leider nicht durchgesetzt. Übrigens: Viel häufiger kommt es zu Unfällen, wenn Radfahrer auf der linken Radspur fahren – was teilweise sogar erlaubt ist – und ein Pkw von links kommt und nach rechts einbiegen will. Die Autofahrer schauen dann selten noch mal nach rechts und schon ist es passiert. Auch viele Kreuzungssituationen sind gefährlich. Die größte Gefahr für Radfahrer sind rechts über den Radweg abbiegende Lkw. Auch wenn diese Unfälle relativ selten sind, führen sie häufiger als andere Unfälle zu sehr schweren Folgen. Auch wenn die Verantwortung dieser Unfälle in der Regel beim Lkw-Fahrer liegt, könnten manche dieser Unfälle auch durch mehr Achtsamkeit durch Radfahrer vermieden werden.