Tod und Lebenswille: Wie ein Hamburger den Krieg in der Ukraine einfängt
Granateneinschläge und brennende Panzer: Als Hami Roshan sich nach längerer Zeit wieder in der MOPO-Redaktion meldete, schickte er ein Video, das er von der Rückbank eines Autos aufgenommen hatte, das bei der zurzeit heftig umkämpften ukrainischen Stadt Charkiw über eine Landstraße rast – auf der Flucht vor russischen Attacken. Der ehemalige MOPO-Reporter war die vergangenen Wochen im Gefechtsgebiet und hat verstörende Bilder aus dem Krieg mitgebracht. Warum tut er sich das an?
Hami ist eigentlich ein Schöngeist. Ein bedächtiger Erzähler. Ein Ästhet, fasziniert von Mode und hochwertiger Fashion-Fotografie. Der Krieg und das Leid aber, das lässt ihn nicht los. Nach zehn Wochen sitzt er nun in der MOPO-Redaktion in Ottensen und zeigt seine Bilder.
Fotos von Menschen und ihren Traumata – und ihrem Lebenswillen
Es sind Bilder von Beerdigungen. Von Zerstörung. Vor allem aber von Menschen und ihren Traumata und ihrem Lebenswillen.
Warum riskiert er so viel? „Mir geht’s nicht so sehr um die Fotos“, sagt Hami. „Oder um Adrenalin. Mir geht’s darum, den Menschen dort eine Stimme zu geben.“
Fotograf Hami Roshan flüchtete 2013 aus dem Iran
Hami flüchtete 2013 aus dem Iran, weil den islamistischen Machthabern seine Fotos nicht gefielen. Ihm wurde gesteckt, dass sie kommen wollten, um ihn zu verhaften, erzählt er. Er ging mit einer Tasche Gepäck und ließ alles zurück.
Heute studiert er Foto-Journalismus in Hannover, arbeitet zurzeit an seiner Bachelor-Arbeit. Wenn er in der Ukraine unterwegs ist, allein, auf eigene Rechnung, ohne finanzielle Unterstützung durch einen Auftraggeber, dann nimmt er sich vor allem eines: Zeit. „Die Agentur-Fotografen müssen von einem Hotspot zum nächsten fahren. Sie sind immer nur kurz anlassbezogen da, fotografieren und verschwinden. Ich bleibe.“
Hami erzählt die Geschichte eines alten Paares in einem völlig zerstörten Viertel Charkiws. Ihr riesiger Plattenbau ist eine zerschossene Ruine. Sie sind die Letzten, die hier ausharren. Svetlana (75) und Sascha (74), der fast taub ist und ihr ständig sagt, der Krieg müsse vorbei sein, es seien keine Angriffe mehr zu hören.
Oder die Geschichte eines Soldaten, 23 Jahre alt, immer in vorderster Frontlinie im Einsatz, der seine Woche Fronturlaub nutzt, um seine Dämonen jeden Abend in einer Bar mit Alkohol zu betäuben. „Die Leute sind so angespannt. Viele sind bewaffnet. Ein kleiner Anlass reicht, und es kommt zu Stress.“
An einer Ballettschule in Charkiw inszenierte er das Bild der Eleven, die den Schrecken der permanenten Angriffe für ihn widerspiegelten. Sie dankten es ihm mit einer Vorstellung nur für ihn. Eine bizarre und berührende Erfahrung, dort, wo der Kampf überall so nah ist.
Er erlebte einen tödlichen Angriff aus nächster Nähe
Der tödliche Angriff auf einen Baumarkt, Hami erlebte ihn aus nächster Nähe. Als er eine Frau mit ihrem Hund fotografierte, schlug im Hintergrund eine Bombe ein.
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Nächste Woche gibt er seine Bachelor-Arbeit ab. Der Titel: „The Poetry of Survival“. Im Juli will er zurück in die Ukraine.
Wie lange will er das noch machen? Wo will er in fünf Jahren sein? „Hm“, macht er und sagt dann lange nichts. „Ich glaube, ich werde im Krieg sein. Denn ich habe das Gefühl, dass wir dann nicht weniger Krieg haben werden, sondern mehr.“