Teure Poller-Posse: „Haben kein Elterntaxi-Problem“ – Polizei sieht das anders
Donnerstagmittag, kurz nach 12 Uhr: Über den Hof der Elisabeth-Lange-Schule in Eißendorf schallt der Gong – Schulschluss für die meisten. Jetzt folgt die Armada der Elterntaxis – sollte man meinen. Schließlich hat die Stadt hier mit Pollern durchgegriffen, um dem vermeintlichen Problem Herr zu werden. Schulleiter Tobias Langer versteht die Welt nicht mehr. Und auch die Anwohner sind sauer.
Als die Schüler:innen am ersten Schultag nach den Ferien aus dem Gebäude am Ehestorfer Weg strömen, stehen in der Tat ein Dutzend Autos auf dem Parkstreifen vor der Schule. Mittelklasse-Familienkutschen und ein paar teure SUV. Mal mit laufendem Motor für die Klimaanlage, mal ohne. Übermäßig viele sind es aber nicht – die meisten Schüler:innen sind zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs.
Schulleiter: „Kein krasses Problem mit Elterntaxis“
Die Momentaufnahme bestätigt auch Schulleiter Tobias Langer: „Weit über 90 Prozent der Kinder werden nicht mit dem Auto hergebracht“, sagt er im Gespräch mit der MOPO. „Wir haben hier – anders als an anderen Schulen – kein krasses Problem mit Elterntaxis.“
Und trotzdem hat die Stadt genau an dieser Stelle reagiert – und in den Sommerferien auf der anderen Straßenseite entlang des Gehwegs Poller installiert. Auf einem rund 500 Meter langen Abschnitt, auch weit vor und hinter dem Schulgelände. Kostenpunkt inklusive Einbau und Reparatur des Gehwegs: gut 32.000 Euro.
Das Problem aus Sicht der Polizei: Eltern fuhren hier auf eine Grundstückseinfahrt, setzten die Kinder vor der Schule ab, fuhren weiter über den Rad- und Gehweg und bogen an der nächsten Einfahrt wieder auf die Straße. „Durch ein solch unzulässiges Fahrverhalten ergeben sich teils nicht unerhebliche Gefahren für Fußgänger und den Radverkehr“, sagte die Polizei kürzlich auf MOPO-Anfrage. Erhebliche Kontrollen habe es gegeben, aber keine „dauerhafte und spürbare Verbesserung der Situation“ – deshalb habe man in Rücksprache mit dem Bezirk die rot-weißen Poller aufgestellt, wie vor zwei Wochen auch in der MOPO zu lesen war.
Vom Bau der Poller habe Schulleiter Langer ebenfalls aus den Medien erfahren, sagt er. „Vor den Ferien hat niemand mit mir gesprochen und auch bis jetzt hat sich niemand offiziell gemeldet.“ Ob er die Maßnahme sinnvoll finde? „Wenn ich hier wohnen würde, dann würde ich mich ganz schön aufregen.“
„Wenn ja wenigstens Reflektoren an den Dingern dran wären“
Einer derer, die sich jetzt aufregen, ist Karl-Heinz Ertel. Der Rentner wohnt direkt gegenüber der Schule. „Von der Optik her sieht das für mich aus wie ne Wanderbaustelle“, sagt er. „Der Winterdienst kommt mit der Kehrmaschine doch gar nicht mehr durch.“ Seine Frau Erna sieht zudem ein Sicherheitsproblem: „Wenn ja wenigstens Reflektoren an den Dingern dran wären – aber wenn hier Radfahrer bei Dunkelheit lang fahren, dann fürchte ich, dass es viele Unfälle geben wird.“
An Unfälle im Zusammenhang mit der Ankunft und Abholung von Schüler:innen wiederum kann sich Schulleiter Langer nicht erinnern. „Ich bin seit sieben Jahren an der Schule und es gab nie eine Situation, in der ich gesagt hätte: Hier muss sofort was gemacht werden, weil die Gesundheit der Schüler:innen gefährdet wäre. Überhaupt nicht.“
Er hätte sich vorab vor allem Gespräche gewünscht. Langer: „Wenn die Polizei wirklich meint: Das ist das drängendste Problem hier in Harburg, da muss etwas gemacht werden – dann hätte man ja darüber sprechen können.“ Davon wiederum zeigt sich Polizeisprecher Florian Abbenseth am Donnerstagnachmittag auf MOPO-Rückfrage überrascht: Ein Stadtteilpolizist habe im Austausch mit Lehrkräften und dem Sekretariat gestanden.
Schulleiter versteht Anwohner-Ärger
Und wie sieht es mit dem Unmut der Anwohner:innen aus? Schulleiter Langer sagt, massive Beschwerden seien ihm nicht bekannt. „Wir kennen ja die Eltern – wenn hier welche verkehrswidrig wenden, kann man ja mit denen sprechen.“ Die Schule sei allerdings in den vergangenen Jahren stark gewachsen, räumt der Schulleiter ein. Deshalb verstehe er schon, wenn sich Anwohner:innen ärgern würden, dass mehr los sei.
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Auf der anderen Straßenseite ist jetzt vor allem der Ärger über die Poller groß. „Das auf dieser langen Strecke alles zuzupollern, ist einfach ein großer Schwachsinn“, schimpft Anwohner Ertel. Es sei ein „Armutszeugnis“, dass es keine andere Lösung gebe. Aus seiner Sicht sollte die Polizei häufiger vorbeikommen und die „Unbelehrbaren“ zur Kasse bitten. „Dann kommt wieder Geld rein.“ Er widerspricht der Darstellung der Polizei: Kontrollen habe er hier bislang nicht erlebt.
Elterntaxis in Hamburg: Was die Politik jetzt tun will
Dem generell leidlichen Problem mit den Elterntaxis will die Politik jetzt mit individuellen Lösungen begegnen: Laut einem gemeinsamen Bürgerschaftsantrag von SPD und Grünen sollen alle Hamburger Schulstandorte auf ihre Verkehrssicherheit überprüft werden. Denkbar ist demnach die Einrichtung von Schulstraßen – also temporären Sperrzonen für Autos – zu Stoßzeiten; alternativ auch die Einrichtung von Hol- und Bringzonen.
Schulen, Eltern, Kinder, Nachbar:innen, die Bezirke und die örtliche Polizei würden die Situation vor Ort am besten kennen, heißt es in dem Antrag. Alle Akteur:innen müssten „in alle Prozesse zum Thema Schulweg eingebunden werden, um zu einer guten Lösung zu finden“, heißt es.