Tempelruine Poolstraße: Was wird aus der Wiege des Reformjudentums?
Die Ruine des historisch außerordentlich bedeutsamen jüdischen Tempels an der Hamburger Poolstraße (Neustadt) scheint vor weiterem Verfall gesichert. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Hinter den Kulissen tobt dennoch ein Streit. Es geht um eine ganz entscheidende Zukunftsfrage.
Was soll auf dem Grundstück künftig entstehen? Hier meldet der Israelitische Tempelverband zu Hamburg von 1817 Ansprüche an. Er sieht sich moralisch als Eigentümer des Tempels, denn er wurde 1937 von den Nazis gezwungen, das Gebäude zu verkaufen, erhielt aber nie eine Entschädigung.
Der Tempelverband – dort sind die liberalen Juden zuhause – verlangt Gleichbehandlung: So wie die orthodoxe Jüdische Gemeinde beim geplanten Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge das Sagen hat, so will der Tempelverband über die Zukunft der Ruine in der Poolstraße selbst entscheiden dürfen.
Der Tempel an der Poolstraße ist die Wiege des Reformjudentums weltweit
„Wir wünschen uns wieder eine Synagoge, ein Zuhause für unsere Gemeinde“, sagt Eike Steinig, der 2. Vorsitzende des Tempelverbandes. „Seit 1942 gibt es keine liberale Synagoge mehr in Hamburg.“ Aktuell veranstalte die 320-köpfige Gemeinde ihre Gottesdienste deshalb in einer Turnhalle. Dieser Zustand müsse ein Ende haben.
Nachdem sich die Tempelruine an der Poolstraße Jahrzehnte lang im Privatbesitz befand – unter anderem war dort eine Autowerkstatt angesiedelt – ging sie 2020 in das Eigentum der Stadt über. Nun ist die Stadtentwicklungs- und Erneuerungsgesellschaft (STEG) damit beauftragt, eine Machbarkeitsstudie über die Zukunft der Tempelruine zu erstellen.
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Genau damit ist der Tempelverband nicht einverstanden. „Wir sind nicht zufrieden, wie das läuft“, so Eike Steinig zur MOPO. Seine Gemeinde wolle eine eigene Machbarkeitsstudie in Auftrag geben. „Wir wollen, dass die Stadt uns zugesteht, unsere künftige Synagoge selbst gestalten zu dürfen.“
Steinig erinnert daran, dass es sich beim Tempel an der Poolstraße um die Wiege des Reformjudentums handele und er deshalb für liberale Juden in der ganzen Welt ein ganz wichtiger Ort sei. Deshalb werde seine Gemeinde jetzt den Antrag stellen, die Ruine zum Nationaldenkmal zu erheben, um die Bedeutung des Ortes zu betonen. Damit seien Fördermittel verbunden, die in die Sanierung des Tempels gesteckt werden könnten.
„In den nächsten Jahrhunderten wird kein Schindluder mehr getrieben mit diesem Ort“
Am Mittwoch nahmen Steinig und Hamburgs Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) gemeinsam an einer Podiumsdiskussion der Patriotischen Gesellschaft teil, bei der es um die Zukunft der Poolstraße ging. Dabei war Dressel bemüht, den Tempelverband wieder ins Boot zu holen: Der Senator betonte, es sei ihm sehr wichtig, dass der Tempelverband in die Konzeption „ganz eng eingebunden wird“. Sein Ziel sei, dass die liberalen Hamburger Juden „ihren Frieden machen mit dem, was da kommt“. Gleichzeitig, so Dressel, „sollten aber auch andere gute Ideen eine Chance haben“.
So ist zum Beispiel davon die Rede, den offenen Innenhof wieder zu überdachen – beispielsweise mit Glas – , um einen Raum für Gottesdiente als auch für andere Veranstaltungen zu schaffen. Daneben gibt es die Idee, ein Café und Wohnungen für Künstler, sogenannte „Künstler-Residenzen“, zu schaffen.
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Gerüchten, die Stadt wolle das Poolstraßen-Grundstück wieder verkaufen, widersprach Finanzsenator Dressel. „Was für ein Irrwitz wäre das? Auf gar keinen Fall wird das wieder verkauft. Das wäre absurd.“ Dressel versprach: Für die „nächsten Jahrhunderte“ werde sichergestellt, dass „kein Schindluder mehr getrieben wird mit diesem Ort“.
Aktuell ist auf dem Gelände der Ruine ein Gerüst aufgestellt. Zu den Teilen des ehemaligen Tempels, die erhalten sind, gehört eine sogenannte Apsis, ein halbkreisförmiger Raum, der von einer Halbkuppel überwölbt wird. Um sie zu erhalten, muss der gesamte Mörtel zwischen den Backsteinen entfernt werden. Das wird in Kürze geschehen.
Archäologen hoffen, Bodendenkmäler in der Ruine zu finden
Außerdem werden am Boden archäologische Untersuchungen stattfinden. Historiker vermuten, dass dort noch sakrale Bodendenkmäler erhalten sein könnten. Die Hoffnung ist, auf den Grundstein des 1844 erbauten Tempels zu stoßen. Darin könnte sich beispielsweise die Gründungsurkunde befinden.
Senator Dressel betonte, dass es noch Jahre dauern wird, bis das Projekt beendet sei. Er sagte zu, nach Möglichkeiten zu suchen, dass Interessierte einen Blick auf die Baustelle werfen können – denn Juden aus der ganzen Welt pilgern nur deshalb nach Hamburg, um sich die Reste des berühmten Tempels anzusehen. Aktuell ist das kaum möglich. Das Grundstück befindet sich in einem Hinterhof, der Zugang zur Baustelle ist verschlossen.