Kindermord: Kurz vor 22 Uhr vermisst Vater Klaus seine kleine Tochter
Am Krähenwald ist die Bille die Grenze zwischen Hamburg und Wentorf. Ein idyllisches Eckchen und Paradies für Wanderer und Naturfreunde. Doch vor mehr als 40 Jahren wurde der Krähenwald zum Tatort. Direkt an der Bille ermordete ein Sexualverbrecher die elfjährige Isabel Wellershaus.
Der 19. Juni 1981 war ein warmer Sommertag. Die Klasse 8b des Hansa-Gymnasiums feierte mit Eltern und Angehörigen im Lokal „Waidmannsruh“ am Bergedorfer Weg in Wentorf ein Klassenfest mit Grillabend. Die 14-jährige Schülerin Juliane Wellershaus war mit ihren Eltern und der kleinen Schwester Isabel dabei.
Gegen 19.30 Uhr verließ die Elfjährige die Party und ging Richtung der nahen Bille, um sich „etwas abzukühlen“, wie sie sagte. Kurz vor 22 Uhr vermisste Vater Klaus Wellershaus seine kleine Tochter. Seine Größere machte sich auf die Suche. Sie fand ihre Schwester kaum 300 Meter Luftlinie vom Lokal entfernt, an einer Biegung der Bille unweit der Bahnlinie Bergedorf–Reinbek. Isabel war nur noch teilweise bekleidet und ihr Oberkörper blutüberströmt. Wie Gerichtsmediziner später feststellten, war das Kind missbraucht und mit zehn Messerstichen in den Oberkörper getötet worden. Acht der Stiche waren tödlich.
Vater des Opfers war bekannter NDR-Redakteur
Klaus Wellershaus (1938-2016), der Vater des Opfers, war ein bekannter Mann. Er hatte Musik studiert und 1965 beim NDR angefangen. Mit der Reihe „Nach der Schule – Musik für junge Leute“ hatte er einen Riesenerfolg. Erstmals gab es bei dem damals doch arg verschlafenen Sender ein Programm für junge Leute jenseits von Schlager und Klassik. 1967 war bei ihm sogar Jimmy Hendrix zu Gast und es kam zu einer Aufnahme im Funkhaus an der Rothenbaumchaussee.
Aus diesem Funkhaus rief Moderatorin Marianne Scheuerl nun am 21. Juni 1981 mit tränenerstickter Stimme die Hörer dazu auf, bei der Suche nach dem Mörder der Tochter ihres Kollegen mitzuhelfen. An dem besagten Sommerabend waren zur Tatzeit einige Spaziergänger an der Bille unterwegs. Die Kripo fragte: Wer hat am Tatabend einen Mann mit blutverschmierter Kleidung am Billewanderweg zwischen Bergedorfer Gehölz und Krähenwald gesehen?
Die Ermittler standen unter Druck. 1979 waren in Reinbek und Barsbüttel, also in der Nähe des aktuellen Tatorts, bereits zwei sechs und zehn Jahre alte Mädchen Opfer eines Sexualmörders geworden. Außerdem waren Anfang 1981 im Krähenwald bereits mehrere Mädchen von einem Verbrecher mit einem Messer bedroht und missbraucht worden. Das Mobile Einsatzkommando (MEK) Kiel observierte damals tagelang im Wald – ohne Ergebnis.
Obwohl die Kripo eine zwölfköpfige Sonderkommission bildete, trauten Kollegen von Klaus Wellershaus den Ermittlern die Aufklärung der Morde nicht zu. Sie sammelten Geld, um einen Privatdetektiv zu engagieren.
Am 24. Juni wurde Isabel Wellershaus auf dem Friedhof Wentorf beigesetzt. Ihr Vater trug weiße Kleidung und hatte auch alle der 100 Trauergäste gebeten, keine schwarze Trauerkleidung zu tragen, sondern in Weiß zu erscheinen. Klaus Wellershaus wollte so in der für ihn und seine Familie so schweren Zeit ein Zeichen der Hoffnung setzen. Freunde von ihm trugen den kleinen Sarg aus der Kapelle zum Grab und schaufelten die Grube selbst zu. Nach der Zeremonie pflanzten die Trauergäste Bäume. Der Pastor sagte: „So wollen wir zeigen, dass wir dem Leben weiterhin positiv gegenüberstehen.“
Kindermord in Hamburg: 600 Hinweise bei der Kripo eingegangen
Anfang Juli 1981 waren bei der Kripo bereits 600 Hinweise aus der Bevölkerung eingegangen – doch eine heiße Spur war nicht darunter. Polizisten verteilten 50.000 Flugblätter mit einem Fahndungsaufruf. Hunderte Plakate mit Fotos von Isabel Wellershaus und den beiden anderen ermordeten Mädchen wurden aufgehängt. Durch Spenden war eine Belohnung von 60.000 Mark (30.000 Euro) für die Aufklärung der Verbrechen ausgesetzt worden. Schließlich durchkämmten 140 Beamte der Bereitschaftspolizei erfolglos den Krähenwald.
Im August 1981 ergab sich ein Verdacht gegen den 1950 geborenen Dieter F. Im Alter von acht Jahren war der Schaustellergehilfe in ein Heim gekommen und schon mit 14 stand er vor Gericht, wurde wegen „Unzucht mit einem Kinde und Körperverletzung“ zu einer Jugendstrafe verurteilt. 1968 wurde der offenbar schwer gestörte und psychisch kranke junge Mann entlassen und ohne jede Therapie zu seinen Angehörigen zurückgeschickt. 1970 kam es zu weiteren Sexualverbrechen und ersten psychiatrischen Befunden. Dieter F. landete 1977 in der geschlossenen Psychiatrie von München-Haar. Ein Gutachter erkannte eine „sadistisch pädophile Perversion“ bei F. und riet von einer Entlassung wegen „erheblicher Rückfallgefahr“ ab.
Täter aus Psychiatrie ausgebrochen
Dieter F. brach aus und beging in Norddeutschland erneut Sexualverbrechen. Er wurde gefasst und 1979 in Kiel zu zweieinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. So landete Dieter F. 1980 schließlich in der geschlossenen Psychiatrie von Neustadt/Holstein. Ende Mai 1981 bekam er dort Ausgang, nutzte diesen zur Flucht und tötete schließlich Isabel Wellershaus.
Die Tat gestand Dieter F. vor der Kripo kurz nach seiner Festnahme am 19. August 1981. Er gab an, am Tattag auf einer Bank an der Bille gesessen zu haben, als Isabel Wellershaus vorbeikam. Dann zerrte er das Mädchen ans Ufer und verging sich an ihr. Als Isabel schrie, um Spaziergänger auf dem nahen Wanderweg zu Hilfe zu rufen, erstach der Sexualverbrecher sein Opfer. Im April 1984 wurde Dieter F. in Lübeck wegen Mordes und sexuellen Missbrauchs von Isabel Wellershaus zu 15 Jahren Haft verurteilt.
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Klaus Wellershaus und seine Frau hatten den Prozess als Nebenkläger verfolgt. Sie wollten weder Rache noch Vergeltung, aber sie hofften, dass durch Erkenntnisse aus dem Verfahren vielleicht anderen Eltern ihr Schicksal erspart bliebe. Klaus Wellershaus sagte: „Ich kann solche Menschen nicht hassen, weil sie Ergebnisse unserer Gesellschaft sind.“
Im Dezember 1984 hatte das Verfahren ein Nachspiel. In Oldenburg/Holstein stand eine 64-jährige Ärztin der Psychiatrie in Neustadt vor Gericht. Sie hatte Dieter F. offenbar falsch behandelt und seinen Ausgang genehmigt. Fehlende Akten mit Untersuchungsergebnissen über Dieter F. hatte sie nicht angefordert, so die Gefährlichkeit des Mörders unterschätzt. Außerdem hatte sie unterlassen, Dieter F. triebdämpfende Medikamente zu verabreichen. Alle diese Versäumnisse in der geschlossenen Psychiatrie führten schließlich zum Mord an Isabel Wellershaus. Der Anwalt der Medizinerin argumentierte, die Ärztin sei stark überlastet gewesen, habe sich um 120 psychisch kranke Straftäter kümmern müssen. Das Urteil für die Medizinaldirektorin: 12.000 Mark (6000 Euro) Geldstrafe wegen fahrlässiger Tötung.