Suchttherapeut: „Beim Koksen ist die Einstellung zu Alkohol entscheidend“
In Clubs auf der Toilette oder im Büro bei der Nachtschicht: Roman Kipp (53) weiß, wann und warum die Hamburger zum Kokain greifen. Der gelernte Sozialarbeiter und Suchttherapeut leitet die Drogenberatungsstelle Kodrobs Eimsbüttel. Wer zu ihm kommt, weiß dass er ein Problem hat und Hilfe braucht. Gemeinsam mit seinen Klienten erarbeitet Roman Kipp dann eine Strategie, wie ein Weg aus der Sucht aussehen könnte. Mit der MOPO sprach er über die Wirkung von Kokain, verschiedene Konsumtypen und was es braucht, um clean zu werden.
MOPO: Wer kokst, fühlt sich oft wie der tollste Hecht im Teich. Wie beschreiben Kokain-Abhängige ihr Selbstbild während und nach dem Konsum?
Roman Kipp: Kokain löst zunächst Euphorie, gesteigertes Selbstbewusstsein und erhöhte Leistungsfähigkeit aus. Konsument:innen beschreiben Kokain aber auch als „Ego-Droge“, die zu Gefühlskälte, Überlegenheitsgefühlen und Gier führt, was die Abhängigkeitsgefahr erhöht. Nach dem Konsum folgen oft Niedergeschlagenheit, Unsicherheit, Depression und teilweise Paranoia, bekannt als „Kokskater“. Dieser ist intensiver und hält länger als der Kater nach Alkohol.
Warum konsumieren Menschen denn Kokain?
Es gibt drei unterschiedliche Konsumtypen. Kokain wird hauptsächlich in der Freizeit, besonders auf Partys oder beim Ausgehen mit Freund:innen konsumiert. Verbunden ist damit häufig auch ein hoher Alkoholkonsum. Denn Kokain hilft, der sedierenden Wirkung des Alkohols entgegenzuwirken. Ein Klient sagte mir mal: „Mit Koks kann ich mehr und länger saufen“.
Ah, und welche zwei weiteren Konsumtypen gibt es neben den Partykoksern noch?
Kokain wird auch zur Leistungssteigerung in Berufsgruppen mit hohen Anforderungen wie Gastronomie, Medien, Werbung und Vertrieb genutzt. Es dient auch als Selbstmedikation bei psychischen Erkrankungen wie Depression oder ADHS, wobei es bei ADHS paradoxerweise zu mehr Ruhe und Fokus führen kann.
Wie viele Kokain-Abhängige gibt es überhaupt in Hamburg?
In Hamburg haben schätzungsweise 10.000 bis 15.000 Personen einen problematischen Kokainkonsum, überwiegend Männer. 2022 suchten ca. 12.000 Personen die Suchthilfe auf, 2400 davon wegen Kokain, was sie zur drittgrößten Gruppe nach Alkohol- und Cannabiskonsument:innen macht.
Wer sucht eher Hilfe: Männer oder Frauen?
Es sind mit 80 Prozent deutlich mehr Männer als Frauen, die Hilfe und Unterstützung suchen. Das Durchschnittsalter liegt bei 30 Jahren.
Ab wann gilt ein Konsument als abhängig?
Kokainabhängigkeit erkennt man an mehreren Merkmalen: starkes Verlangen, negative Auswirkungen auf das Sozial- und Gesundheitsleben, Toleranzentwicklung, Kontrollverlust und die zentrale Rolle der Droge im Leben. Drei dieser Merkmale genügen für eine Diagnose.
Wie kann man einen Abhängigen davon überzeugen, dass er Hilfe braucht?
Es ist schwer, auf Kokain-Konsument:innen einzuwirken. Angehörige suchen deshalb oft Unterstützung, um diese zu einer Behandlung zu motivieren. Es ist entscheidend, die Betroffenen direkt auf ihr Verhalten und die Veränderungen anzusprechen, um ihnen die eigene Sorge zu vermitteln. Konsumenten suchen häufig erst nach einem psychischen und sozialen Zusammenbruch Hilfe, oft ausgelöst durch eine intensive Konsumphase.
Welche Herausforderungen gibt es in der Arbeit mit Kokain-Konsumenten?
Wer in der Suchtarbeit tätig ist, braucht einen langen Atem. Abhängigkeit ist anders als ein Schnupfen, der nach zwei Wochen weg ist. Eine Kokainabhängigkeit bedarf, wie andere psychische Krankheiten auch, eines längeren Genesungsweges.
Wie beraten Sie Kokainabhängige?
Die Beratung bei Suchtproblemen ist anonym, kostenlos und vertraulich, wobei die Suchtberater:innen Schweigepflicht haben. In der Beratung wird individuell auf die Ziele der Betroffenen eingegangen, sei es Konsumreduktion oder Nüchternheit, und es werden gemeinsam maßgeschneiderte Strategien und Lösungswege erarbeitet.
Wie wird man clean?
Wir besprechen individuell mit Klient:innen, dass es viele Wege in und aus der Abhängigkeit gibt, und unterstützen bei der Suche nach einem passenden Ausweg, wie zum Beispiel eine sechsmonatige Reha mit anschließender Nachsorge. In der Therapie wird geschaut, welche Aspekte des bisherigen Lebens bewahrt oder verändert werden müssen, um das Konsumverhalten zu überwinden.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Die Einstellung zu Alkohol ist entscheidend; ein Klient von mir erkannte erst spät, dass Alkohol die Brücke zum Kokain ist. Dann wurde ihm klar, dass er seinen Alkoholkonsum deutlich reduzieren oder sogar abstinent werden muss, damit die Koks-Therapie erfolgreich sein kann. Rückfälle sind Teil der Sucht, wichtig ist, dass sie nicht andauern und Lernerfahrungen bieten.