„Wir haben alles verloren – bis auf dieses Gemälde“

Hedwig-Maria Koch (67) heute. Dank ihrer Schwester hat dieses eine Bild die Flut überstanden (Montage).
Hedwig-Maria Koch (67) heute. Dank ihrer Schwester hat dieses eine Bild die Flut überstanden (Montage).

Mein Name ist Hedwig-Maria Koch, geborene Vernunft. Ich war sieben Jahre alt, als die Sturmflut kam. Wir wohnten auf der Kattwyk-Halbinsel. Heute ist da nur noch Hafen. Damals lebten dort auch Menschen. Mein Vater hatte uns ein kleines Häuschen ganz in der Nähe seines Arbeitsplatzes gebaut, tief unten in einer Senke. Da wären wir dann fast ertrunken.

An dem Tag war ich nach der Schule noch bei meiner Freundin Renate. Auf dem Heimweg musste ich die Kattwykbrücke überqueren. Es war so stürmisch, dass mich der Brückenwärter hinüberbrachte. Als wir drei Geschwister schon im Bett lagen, hat unser Papi in der Küche noch Fotos entwickelt. Mit einem Mal hörte er Wasser. Wasser, das durch den Briefkasten in die Wohnung schwappte. Er weckte uns Kinder und die Mama und sagte, wir sollten uns schnell anziehen. Mein Bruder Kalle versuchte noch mit einem Feudeleimer das Wasser, das durch den Briefkasten kam, aufzufangen und aus dem Fenster zu kippen. Natürlich vergeblich.

Sturmflut 1962
Aus der überschwemmten Wohnung ist lediglich dieses Gemälde gerettet worden – die Schwester hatte es vor der Flucht aus dem Haus auf den Schrank gestellt.

Mama und Papa schrien, wir müssen jetzt raus. Meine Schwester Gerlinde kam irgendwie auf den Gedanken, das Bild an der Wand, das sie so mochte, auf einen Schrank zu stellen, um es vor dem Wasser zu retten, und war dann die Erste, die aus dem Fenster sprang. Dann sprang mein Bruder. Mich hatte er im Arm. Schließlich sprangen Mama, Papa und die Katze.

„Das Wasser lief sogar durch den Briefkasten in die Wohnung“

Mama trug einen Pelzmantel. Der saugte sich so voll, dass sie fast unterging. Papa rettete Mama, indem er sie am Kragen packte und rauszog. Wir mussten rund 500 Schritte bis zu einer Treppe laufen, die uns nach oben führte, in Sicherheit. Wir haben es geschafft und haben überlebt.

Am nächsten Tag gingen wir zum Haus, um nachzusehen, aber alles war weg. Wir hatten alles verloren – bis auf das eine Bild, das dank meiner Schwester die Flut überstanden hat.

Eine Woche später wurden wir kleinen Kinder nach Wien verschickt „Wien hilft Hamburg“, so hieß das Programm. Das war schön.

Als ich wieder daheim war, schliefen wir alle gemeinsam in einem Raum, den Papa getrocknet hatte. Noch im gleichen Jahr zogen wir nach Rahlstedt.

Hedwig-Maria Koch (67), pensionierte Postbeamtin, wohnt heute in Rahlstedt.