„St. Lustig und St. Liederlich“: Als die Reeperbahn ihre zwei Gesichter entwickelte

Historikerin Eva Decker zeigt: So sah das Gebäude mit dem Kiez-Penny noch vor hundert Jahren aus. Der Taxi-Stand ist noch da.
Historikerin Eva Decker zeigt: So sah das Gebäude mit dem Kiez-Penny noch vor hundert Jahren aus. Der Taxi-Stand ist noch da.

Luden, Lust und Laster – dafür ist die Reeperbahn bekannt. Doch um die ganze Geschichte der 400 Jahre alten Straße zu erfahren, muss man tiefer graben als in die Archive der 1980er und 1990er Jahre. Eine, die Ahnung hat von goldenen Zeiten, großen Bränden und viel nackter Haut auf St. Pauli, ist die Historikerin Eva Decker. Sie verrät, wann die Reeperbahn zu ihrem verruchten Image kam, warum sie gern Mäuschen bei Oma-Gesprächen in den 1950er Jahren spielen würde und weshalb der Kiez immer der Kiez bleiben wird.

Eva Decker hat im Auftrag des „BID Reeperbahn“ festgestellt, dass sich die sogenannten Reepschläger, die Schiffsseilmacher, im Jahr 1626 auf der heutigen Reeperbahn angesiedelt haben. „Das damals noch Hamburger Berg genannte St. Pauli befand sich außerhalb der Stadtmauern. Hier war Platz für ihre Arbeit“, erklärt die Historikerin.

Die 51-Jährige hat zwar einen breiten Wiener Dialekt, lebt aber schon seit Beginn der 2000er in Hamburg, hat in verschiedenen Museen auf dem Kiez gearbeitet und jahrelang Archive durchforstet. „Der Kiez ist ein Spiegel der Gesellschaft“, sagt sie. „Eine Projektionsfläche für sämtliche Ängste und Hoffnungen, die man haben kann.“

Reeperbahn: Ein Stripclub neben dem anderen

Für den Rundgang hat sie laminierte historische Bilder mitgebracht, und jedes Mal, wenn sie ein neues herausholt, strahlt sie. „Das ist doch Wahnsinn“, sagt Decker und deutet auf den heutigen Kiez-„Penny“: „Das Gebäude ist über 100 Jahre alt. In den 1920er Jahren befand sich darin das berühmte Varieté-Theater „Alkazar“. Menschen aus ganz Europa kamen, um hier Akrobaten, Jongleure, Zauberer und Kabarettisten zu sehen.“

Im 19. Jahrhundert entwickelte die Reeperbahn ihren heutigen Charakter – auch „dank“ eines Feuers, das Napoleon auf St. Pauli gelegt hatte und das den Boden für einen Wandel ebnete. „Durch die Reeperbahn verläuft eine unsichtbare Grenze. Früher nannte man die beiden Hälften St. Lustig und St. Liederlich“, erklärt Decker. Im Osten der Reeperbahn die Theater, Schauspielhäuser und Attraktionen für die Familie, im Westen das Rotlichtmilieu. „In den 1950er Jahren reihte sich auf der Großen Freiheit ein Stripclub an den anderen, mit Namen wie „Pariser Wäscheschau“. Ich würde zu gern mal Mäuschen bei Gesprächen alter Damen in dieser Zeit spielen. Die müssen empört gewesen sein.“ Damals seien auch die ersten Drag-Queens auf den Kiez gekommen.

Historikerin Eva Decker (Mitte) im Gespräch mit den MOPO-Redakteurinnen Pauline Reibe (re) und Katharina Langenbach.
Historikerin Eva Decker (M.) im Gespräch mit den MOPO-Redakteurinnen Pauline Reibe (r.) und Katharina Langenbach.

Prostitution habe es aber schon viel länger gegeben, nur besser getarnt unter dem Deckmantel erotischer und kunstvoller Tänze, erklärt Eva Decker.

Sie deutet auf acht Figuren, die an der West-Fassade der Davidwache angebracht sind und streng auf die Geschäfte an der Davidstraße schauen. „Es hat seinen Grund, warum sie nicht in Richtung Spielbudenplatz schauen. Mit dem Wachstum des Rotlichtmilieus stieg auch der Bedarf an polizeilicher Überwachung. Aber nicht nur durch die Prostitution, sondern auch weil sich hier Arbeiter trafen und man ‚sozialistische Umtriebe‘ unterbinden wollte.“ Die heutige Davidwache existiert seit Beginn des 20. Jahrhunderts.

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Eva Decker bezeichnet die Reeperbahn gern als „Broadway des Nordens“. Wie blickt sie in die Zukunft? „Die Unterhaltungskultur verändert sich, das ist klar.“ Dass es heute mehr Kioske gebe und die Clubs sterben, habe mit der sinkenden Kaufkraft zu tun. Aber die Reeperbahn habe sich immer verändert, die Historikerin ist sich sicher: „Der Kiez wird immer der Kiez bleiben.“