Sexualmord im Schanzenpark: Als die Wut der Frauen hochkochte

Peter M. wurde 1986 am Schulterblatt von wütenden Frauen gejagt und verprügelt. Der 22-Jährige erlitt einen Nasenbeinbruch.
Peter M. wurde 1986 am Schulterblatt von wütenden Frauen gejagt und verprügelt. Der 22-Jährige erlitt einen Nasenbeinbruch.

Demos habe ich in den 47 Jahren bei der MOPO Hunderte besucht, doch an eine erinnere ich mich bis heute noch sehr genau. Am 10. März 1986 zogen 600 Frauen mit Fackeln durch die Schanze und machten Jagd auf Männer. Ja, richtig gelesen: Die wütenden Frauen jagten Männer (auch mich!) und verprügelten einige von ihnen. Lesen Sie hier, warum die Demonstrantinnen so wütend waren.

Zwei Tage vor der Demo war die britische Austausch-Studentin Helga Roberts im Schanzenpark vergewaltigt und ermordet worden. Die 22-Jährige hatte Sonnabendnacht einen Kiezbummel mit Freunden gemacht und war um 6.30 Uhr zu Fuß vom Bahnhof Sternschanze entlang der Gleise in Richtung ihrer Wohnung an der Rentzelstraße gegangen. In Höhe des heutigen Kulturhauses „Schrödingers“ griff ein Mann die junge Frau an und zerrte sie an das Gebäude, in dem sich damals eine Kita befand. In einem Keller-Niedergang kam es dann zu dem furchtbaren Verbrechen.

Fälle meines Lebens: Als die Wut der Frauen hochkochte

Gewalt gegen Frauen war auch vor rund 40 Jahren schon ein Thema, und so formierte sich zwei Tage nach dem Mord die unangemeldete Demo. Unter Parolen wie „Vergewaltigung ist Folter. Vergewaltigung ist Mord!“ oder „Aus Trauer wird Hass. Aus Hass wird Wut. Zerschlagen wir die Männerbrut!“ zogen die Frauen, die zumeist aus der linken Szene kamen, ab 21 Uhr über die Rentzelstraße zum Tatort im Schanzenpark und dann ins heutige Ausgehviertel am Schulterblatt.

Damals war die Schanze ein eher einfaches Arbeiterviertel. Statt Szene-Treffs gab es biedere Bierkneipen wie „Zur Insel“ an der Ecke Schulterblatt/Susannenstraße. Abends hockten hier vor allem Männer am Tresen und pichelten Holsten oder Astra.

Angelockt vom Lärm der Demo verließen einige Zecher die Kneipe und grölten: „Bravo! Bravo!“ Keine gute Idee …

Einer von ihnen, der Maurer Dirk G. (22), sagte mir damals: „Sofort stürzten sich diese Frauen auf uns. Erst nur eine, dann sechs! Ich rannte wie noch nie in meinem Leben, erreichte einen Peterwagen. Doch die Polizistinnen machten nichts, stellten nicht mal Personalien der Schlägerinnen fest.“ Der Maurer blieb unverletzt, doch sein Freund Peter M. (22) war nicht schnell genug. Er erlitt einen Nasenbeinbruch, Kratzwunden im Gesicht und blaue Flecken.

Mann in grüner Jacke
Als Polizeireporter war MOPO-Urgestein Thomas Hirschbiegel (64) ein harter Hund. Doch manchmal wurde es persönlich. Diese Einsätze gingen ihm nah.

Die Frauen zogen weiter in Richtung Amandastraße, griffen auch dort Männer an und warfen Farbbeutel auf Eckkneipen. Weiter ging es in Richtung Bernstorffstraße. Ich hielt mich immer schön abseits und fotografierte den Demozug ohne Blitz, mit Teleobjektiv. Doch die wütenden Frauen nahmen mich schließlich doch ins Visier und rannten plötzlich auf mich zu. Ich schoss schnell noch ein letztes Foto und lief davon, entkam den Demonstrantinnen.

„Gefahr für die Allgemeinheit“

Der Mord an Helga Roberts wurde 17 Jahre nach dem Verbrechen aufgeklärt. 2003 ergab ein Routineabgleich von DNA-Proben einen Treffer. Der führte zu einem 39-Jährigen, der als psychisch kranker und gefährlicher Rechtsbrecher im geschlossenen Haus 18 der Klinik Ochsenzoll einsaß.

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Er war unter anderem wegen Kindesmissbrauchs verurteilt worden. 2005 wurde der Mann zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt. Die milde Strafe erging wegen „erheblich verminderter Schuldfähigkeit“. Ein Gutachter hatte dem Angeklagten schwere sexuelle Störungen und eine unterdurchschnittliche Intelligenz attestiert. Deswegen entschied der Richter auch, dass der Verurteilte nach Haftverbüßung auf unbestimmte Zeit weiter in die geschlossene Psychiatrie muss. Der Vorsitzende Richter: „Der Angeklagte ist eine Gefahr für die Allgemeinheit.“ Nach MOPO-Informationen sitzt der Täter auch heute noch im Haus 18 in Ochsenzoll.