Seeadler legen Windrad lahm – die AfD freut sich und ein Bauer spricht Tacheles
Etliche Windräder drehen sich in der Elbmarsch in Altengamme. Doch ein Seeadler-Paar scheint das nicht zu stören, es hat sich ausgerechnet in der Nähe eines Rotors einen Horst gebaut. Muss die Anlage stillgelegt werden? Muss die Stadt womöglich die Kosten dafür tragen? Für die windkraftkritische AfD kommt der Fall wie gerufen. Ein Landwirt, den die MOPO vor Ort trifft, sieht die Aufregung dagegen deutlich gelassener. Er hat überraschende Erkenntnisse.
Zur Elbe und zu weiteren Gewässern ist der Weg nicht weit und der Brutplatz in einer Pappel ist sehr geschützt vor neugierigen Blicken, weil das gesamte Gebiet weiträumig umzäunt und abgesperrt ist. Für das Seeadler-Paar in Altengamme ein idealer Nistplatz. Dass sich zehn Windanlagen nördlich des Nestes drehen, hat die beiden Vögel offenbar nicht gestört.

Mittlerweile ist auch ein Küken geschlüpft. Laut Umweltbehörde ist der Horst, den die Seeadler auf einer dünnen Pappel gebaut haben, genau 419 Meter von der ersten Windanlage des Parks entfernt. Die weiteren neun Anlagen sind deutlich weiter weg. Aber die Nähe der ersten Anlage ermöglicht es der Behörde, dem Betreiber Auflagen zu erteilen.
Umweltbehörde prüft Maßnahmen an Windrädern
Das ist bisher noch nicht passiert, die Umweltbehörde prüft noch, welche Auflagen sie verhängen will und kann. Auch die staatliche Vogelschutzwarte ist eingebunden. Allerdings hat der Betreiber des Windparks bereits vor drei Wochen freiwillig das Windrad abgeschaltet. Der Betreiber der Windanlagen Jens Heidorn (NET) wartet aber darauf, dass die Behörde jetzt eine Habitat-Analyse durchführt, um zu ermitteln, wie groß die Gefahr denn nun wirklich ist. „Ich sehe da keine Gefährdung, da die Vögel sich ja Richtung Wasser orientieren.“ Und die Windräder befinden sich landeinwärts und nicht zwischen Horst und Fluss.

Viel größere Sorgen macht sich ausgerechnet die AfD, die eine Anfrage an den Senat gestellt und mittlerweile einen offenen Brief an den Betreiber NET veröffentlicht hat. Sie fordert den unbedingten Schutz der Seeadler in Altengamme bis hin zu einem kompletten Rückbau des Windparks, wenn der Schutz des Brutpaares anders nicht zu gewährleisten ist. Für die entschiedene Anti-Windkraft-Partei ist der Fall ein gefundenes Fressen.
Windparkbetreiber NET hat Anlage ausgeschaltet
Der NABU ist deutlich weniger aufgeregt: „Das Seeadler-Paar hat sich den Standort in Bergedorf ja trotz der Windkraftanlagen ausgesucht. Eine allgemeine Störung scheint vom Windpark also nicht auszugehen“, so NABU-Sprecher Jonas Voß. „Wir vermuten, dass die erwachsenen Tiere hauptsächlich Richtung Süden abfliegen, weil dort die Elbe liegt und die Adler dort ihre Nahrung finden.“
Voß denkt aber auch an den Nachwuchs: „Wir begrüßen ausdrücklich, dass der Windparkbetreiber die eine betroffene Anlage ruhen lässt. Wir würden uns wünschen, dass die Anlage weiterhin ruht, bis der aufgezogene Jungvogel das Nest verlässt, denn die ersten Flugversuche erfolgen in unmittelbarer Nähe um das Nest.“

Das kann allerdings noch mehrere Wochen dauern. Derweil steht ein Rotor still – und das kostet Geld. Heidorn spricht bereits von einem fünfstelligen Verlust. Bleibt die Anlage länger abgeschaltet, könne daraus schnell ein sechsstelliger Betrag werden. „Es gibt eine gesetzliche Zumutbarkeitsschwelle für wirtschaftliche Einbußen“, sagt der Geschäftsführer. Nach seiner Auffassung ist diese bereits erreicht. Sollte das Windrad noch länger stillstehen müssen, will der Betreiber deshalb mögliche Entschädigungsansprüche prüfen lassen.
Ein Landwirt, den die MOPO vor Ort traf, ist da viel entspannter. „Ich weiß nicht, wieso das jetzt so aufgebauscht wird. Die Seeadler sind hier schon seit zwei bis drei Jahren.“ Er und andere Bauern würden sie regelmäßig bei der Mahd sehen, weil die Vögel dabei hinter den Treckern herfliegen. Womöglich, um Kleintiere zu schnappen, wie es auch Störche, Möwen und Krähen bei der Mahd machen. „Die haben sich doch längst an die Windräder gewöhnt.“
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Die Umweltbehörde und auch der NABU wussten bisher nichts von diesem Horst. Dafür könnte es eine ganz einfache Erklärung geben: Entdeckt wurde der Horst auf der Pappel erst, als Hamburg Wasser dort auf seinem Gelände an einer Wasserschutzanlage eine ganze Baumreihe fällen wollte. In dieser Baumreihe befand sich auch das Zuhause der Seeadler. Zum Glück wurde das Nest rechtzeitig entdeckt und die Arbeiten kurz vor Vollendung eingestellt. Nun ist nur noch dieser eine weithin sichtbare Baum mit dem Adlerhorst stehengeblieben.
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