Sechs Femizide allein in diesem Jahr: Sie mussten sterben, weil sie Frauen sind

Stefanie W. wurde erstochen – ihr Mann Derek flüchtete mit dem gemeinsamen Kind, bevor er sich stellte.
Stefanie W. wurde erstochen – ihr Mann Derek flüchtete mit dem gemeinsamen Kind, bevor er sich stellte.

Farmsen-Berne, ein warmer Sonntagmittag. Es ist der 20. Juli 2025. Plötzlich zerreißen Schüsse die Stille in der Straße Hopfenhof. Der 77-jährige Manfred A. zieht seine Waffe und schießt auf seine aus Thailand stammende 56-jährige Ehefrau, die noch versucht, sich in den Garten der Nachbarn zu retten. Der Ehemann – ein Sportschütze, der seine Waffe legal besitzt – verfolgt sie, bedroht den Nachbarn mit dem Revolver, feuert erneut auf seine Frau, schießt ihr in den Kopf und kehrt schließlich auf sein Grundstück zurück, wo er sich selbst richtet. Laut Polizei eine Beziehungstat, tatsächlich aber ein Femizid. Seine Frau wollte die Trennung, das war zu viel für ihn.

Nur zehn Tage später liegt an der Alsterdorfer Straße ein älteres Ehepaar tot in der Wohnung. Ein 66-jähriger Mann hat seine 70-jährige Frau mit einem Messer getötet, dann sich selbst. Die Polizei findet einen Abschiedsbrief. Die Frau war schwer krank. Ob sie ihren Tod wollte, ist unklar. Dass er entschied, dass sie sterben soll, könnte eine letzte Machtdemonstration gewesen sein – auch dieser Fall passt womöglich ins Muster eines Femizides.

Das Anti-Feminizid-Netzwerk dokumentierte bereits sechs Fälle in Hamburg in diesem Jahr

Frau von Mann erschossen als sie sich trennen wollte. Danach nimmt sich der Täter selbst das Leben
Straße Hopfenhof in Farmsen-Berne: Hier erschoss Manfred A. (77) seine Frau und dann sich selbst. Die Tür des Hauses ist versiegelt.

Von Anfang Januar bis Ende Juli 2025 verloren in Hamburg bereits sechs Frauen ihr Leben, weil sie Frauen waren – so dokumentiert es das Anti-Feminizid-Netzwerk Hamburg anhand von Presseberichterstattung. Die 2022 gegründete Initiative zählt neben vier Intim-Femiziden – also Tötungen durch (Ex-)Partner – auch zwei sogenannte Matrizide: Fälle, in denen ein Sohn seine Mutter bzw. Stiefmutter tötet.

Der Begriff „Femizid“ wurde 1976 von der US-amerikanischen Soziologin Diana E. H. Russell beim „International Tribunal on Crimes against Women“ in den wissenschaftlichen Diskurs eingebracht. Gemeint ist die vorsätzliche Tötung von Frauen, weil sie Frauen sind. Zur Unterscheidung: Kein Femizid liegt dann vor, wenn eine Frau etwa bei einem Raub getötet wird. Entscheidend ist also die geschlechtsspezifische Motivation.

Femizide kommen häufiger vor, als die meisten denken: 2023 wurden in Deutschland 938 Mädchen und Frauen Opfer von versuchten oder vollendeten Tötungsdelikten. 360 starben – 155 davon durch den (Ex-)Partner. Mit anderen Worten: Fast jeden zweiten Tag tötete ein Mann seine (ehemalige) Lebensgefährtin. In Hamburg wurden im selben Jahr 13 Frauen getötet. Sechs überlebten den Tötungsversuch. Zahlen für 2024 liegen bislang nicht vor.

Häufig beginnt es mit „Lovebombing“

Es gibt Warnsignale, die auf eine Gewaltbereitschaft in einer Beziehung hindeuten. Häufig beginnt es mit einer Überidealisierung des Partners, auch „Lovebombing“ genannt: „Du bist mein Engel, meine Rettung – ohne dich bin ich nichts.“ Dann folgen Kontrolle, Eifersucht, Abwertung von Freunden und Familie, schließlich Drohungen und Gewalt. Männer, die in besonders patriarchalen Strukturen aufgewachsen sind, neigen eher dazu, partnerschaftliche Konflikte mit Gewalt zu lösen.

Das Anti-Feminizid-Netzwerk Hamburg sagt, Männer töten Lebenspartnerinnen deshalb, weil sie nicht ihren Erwartungen entsprechen. Es handele sich um „Bestrafungen“. „Es geht um die Ausübung oder Wiederherstellung eines vermeintlichen Machtanspruchs. Die Ursache dafür sind patriarchale Vorstellungen, nach denen Frauen Männern untergeordnet sind.“ Der Mann betrachtet die Frau als Eigentum. Deshalb ist der Moment der Trennung für die Frau in der Regel der gefährlichste.

Femizide erschüttern Hamburg

Die Reste der Silvesterböller sind kaum von den Straßen gefegt, da gibt es 2025 schon die erste tote Frau in Hamburg: Stefanie W. (38), Managerin bei Lufthansa-Technik aus Groß Borstel. Der Ehemann Derek W. (ebenfalls 38) soll im Streit auf sie eingeschlagen, sie dann gewürgt und ihr schließlich ein Messer in den Hals gestochen haben. Sie stirbt am Abend des 2. Januar im Treppenhaus – das gemeinsame Kind, drei Jahre alt, muss alles mitansehen. Derek W. behauptet, seine Frau habe psychische Probleme gehabt, Drogen genommen. Sie habe ihn häufig geschlagen und er habe Angst um sein Kind gehabt. Das Verfahren läuft noch. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Mord aus Heimtücke vor.

Warum führt Hamburgs Polizei keine eigene Femizid-Statistik?

Am 8. Juli stirbt eine 21-jährige Mutter in Barmbek-Nord. Der Ex-Partner will nicht akzeptieren, dass sie mit einem neuen Mann zusammenlebt. Er sticht sie in ihrer Wohnung nieder – dann tötet er sich selbst. Das acht Monate alte Baby ist zum Glück abwesend. Ein typischer Femizid: Der Mann will nicht, dass sie ein neues Leben beginnt – seine Logik lautet: „Wenn ich sie nicht haben kann, darf sie niemand haben!“

Wie kürzlich eine Kleine Anfrage der Linksfraktion an den Senat zutage gefördert hat, führt Hamburg keine eigene Statistik zu Femiziden. Das heißt: Es wird lediglich erfasst, wie viele Frauen in der Stadt getötet wurden, aber nicht das Motiv der Tat.

Derek W. soll mehrfach auf seine Ehefrau eingestochen haben. Anschließend flüchtete der 38-jährige Mann mit dem Kind.
Derek W. soll am 2. Januar 2025 mehrfach auf seine Ehefrau eingestochen haben. Anschließend flüchtete der 38-jährige Mann mit dem Kind.

Ebenfalls wird statistisch nicht erfasst, ob es vor der Tat Warnzeichen gab – etwa Bedrohungen, Polizeieinsätze – oder ob Maßnahmen nach dem Gewaltschutzgesetz verhängt wurden, also Kontaktverbote oder Wegweisungen.

Das bedeutet: Selbst, wenn eine Frau zuvor mehrfach von ihrem Partner bedroht wurde, sich an das Jugendamt gewandt hat oder polizeibekannt war – in keiner zentralen Datenbank tauchen diese Informationen auf. So wirken viele der Taten, als kämen sie aus dem Nichts. Tatsächlich aber hätten sie in manchen Fällen vielleicht verhindert werden können – wären Warnzeichen rechtzeitig erkannt und ernst genommen worden.

„Es wäre sehr begrüßenswert, wenn es eine Statistik von Femiziden so wie in Spanien gäbe“, sagt das Anti-Feminizid-Netzwerk Hamburg. „Statistiken zu Femiziden sind wichtig, um die geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen sichtbar zu machen und zu bekämpfen. Sie helfen, das Ausmaß des Problems zu verstehen, Ursachen zu analysieren und wirksame Präventionsmaßnahmen zu entwickeln.“

Neue Zahlen des Bundeskriminalamts zeigen, dass häusliche Gewalt stark zunimmt: Alle zwei Minuten wird in Deutschland ein Mensch in seinen eigenen vier Wänden angegriffen – in 73 Prozent der Fälle sind Frauen die Opfer. Insgesamt wurden in der Bundesrepublik im Jahr 2024 fast 257.000 Betroffene registriert – so viele wie nie zuvor. Und der Femizid ist eine extreme Erscheinungsform häuslicher Gewalt.

Mitten in Barmbek-Nord ist am Dienstag ein schweres Gewaltverbrechen passiert, die Polizei war mit einem Großaufgebot vor Ort.
Ein 31-Jähriger hat am 8. Juli 2025 in diesem Mehrfamilienhaus an der Lorichsstraße eine 21-Jährige Frau erstochen und sich danach selbst das Leben genommen. Die Frau hatte sich von dem Mann getrennt.

Was getan werden muss, um Femizide zu bekämpfen? Vor allem müssen Kinder – insbesondere die männlichen – möglichst schon im Kindergarten lernen, Konflikte mit Worten und nicht mit Gewalt zu lösen. „Wir brauchen feministische Bildungsarbeit in Kindergärten, Schulen, Universitäten, Ausbildungsstätten, medizinischen Einrichtungen und staatlichen Institutionen“, so das Anti-Feminizid-Netzwerk Hamburg. Aufklärung sei einer der wesentlichen Bausteine, um die Gesellschaft zu verändern und patriarchalen Einstellungen entgegenzuwirken. „Auch braucht es vermehrt akute Schutzmaßnahmen für gefährdete Frauen. Es muss ihnen viel leichter möglich sein, sich aus gewaltvollen Beziehungen zu lösen.“

Männer müssen schon im Kindergarten lernen, Konflikte gewaltlos zu lösen

Hamburg ist als Großstadt, noch dazu rot-grün regiert, bei Beratungsangeboten vergleichsweise gut aufgestellt. Trotzdem beklagt die Opferhilfe Hamburg, dass die Kapazitäten ausgeschöpft sind. „Wenn wir mehr Stellen hätten und mehr Öffentlichkeitsarbeit machen würden, dann könnten wir auch noch mehr Frauen beraten. Wenn irgendwas hilft, dann ist es, Frauen anzusprechen.“

Viele Frauen schämen sich, suchen keine Hilfe – oder bekommen keine. Männer, die ihre Partnerinnen kontrollieren, isolieren ihre Frau von ihrem Umfeld, machen Freunde und Familie schlecht, sorgen dafür, dass sie sich immer weniger jemandem anvertraut. Gleichzeitig kehren sie die Schuld für ihre eigenen Taten um – geben der Frau die Verantwortung für Streit, Eskalation und Gewalt. Wer jahrelang eingeredet bekommt, dass er selbst schuld ist, wenn der Partner ausrastet, beginnt daran zu glauben.

Die Folge ist, dass viele Frauen in hochgefährlichen Situationen verharren – ohne Ausweg, ohne Hilfe, ohne Schutz.

Istanbul-Konvention verpflichtet Staaten zur Prävention und Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt

Die Istanbul-Konvention, seit 2018 auch in Deutschland völkerrechtlich bindend, verpflichtet Staaten zur Prävention und Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt. Doch die Realität sieht anders aus: Weder in Hamburg noch bundesweit gibt es bislang ein offizielles Monitoring von Femiziden. In der Realität werden Taten immer noch häufig als „Beziehungsdrama“ oder „Tragödie“ abgetan. Gerichte sprechen von „Mord aus Eifersucht“, selten von Hassverbrechen. Der Bundesgerichtshof hat 2019 entschieden, dass es unter Umständen strafmildernd sein kann, wenn sich das Opfer vor der Tat getrennt hat. Ein fatales Signal.

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Die Universität Tübingen arbeitet gemeinsam mit der Kriminologischen Forschungsstelle Niedersachsen an einer empirischen Studie zu Femiziden. Ziel ist: endlich klare Definitionen, einheitliche Erfassung, fundierte juristische Konsequenzen.

Solange Femizide nicht gezählt, benannt und analysiert werden, erscheinen sie als tragische Einzelfälle. Dabei sind sie Ausdruck eines strukturellen Versagens. Und es ist höchste Zeit, das zu benennen.