Schulleiter spricht Klartext: „Migrationshintergrund? Interessiert uns nicht“

Volker Clasing ist Schulleiter des Helmut-Schmidt-Gymnasiums in Wilhelmsburg.
Volker Clasing ist Schulleiter des Helmut-Schmidt-Gymnasiums in Wilhelmsburg.

Kulturelle Konflikte, internationale Krisen, soziale Spannungen – und 1000 Jugendliche auf einem Schulhof in Wilhelmsburg: Am Helmut-Schmidt-Gymnasium treffen Lebenswelten aufeinander. Wie werden Unterschiede da nicht zu verhärteten Fronten? Und wie gelingt guter Unterricht? Schulleiter Volker Clasing räumt im MOPO-Interview mit Etiketten wie „Migrationshintergrund“ auf, erklärt, was für den Bildungserfolg entscheidend ist, seine Schüler Kindern aus bessergestellten Vierteln sogar voraus haben und warum es auf seinem Schulhof nicht „die Türken“, „die Albaner“ oder „die Deutschen“ gibt.

MOPO: In Wilhelmsburg und auf der Veddel leben fast 60.000 Menschen – darunter mehr als 11.500 Kinder und Jugendliche. Für sie alle gibt es nur ein Gymnasium: Ihres. Wie macht sich das bemerkbar?

Volker Clasing: Wir sind im besten Sinne ein „Stadtteil-Gymnasium“. Wir haben über 1000 Schülerinnen und Schüler aus bis zu zehn Grundschulen. Wir sind für alle Kinder da, die diesen tollen Stadtteil ausmachen. Unsere Schüler sind sehr divers, mit unterschiedlichen Voraussetzungen, und wir sind sehr breit aufgestellt.

„Wir erheben den Migrationshintergrund nicht“ – warum der Begriff nichts bringt

Mehr als 34 Prozent der Wilhelmsburger Bevölkerung haben keinen deutschen Pass. 78,1 Prozent der unter 18-Jährigen haben einen Migrationshintergrund, auf der Veddel sind es sogar 91 Prozent. Wie ist die Quote auf Ihrer Schule?

Den sogenannten Migrationshintergrund erheben wir nicht. Der Begriff ist ja unterschiedlich definierbar – soziologisch oder als eine reine Zuschreibung von außen. Uns interessiert das nicht. Wir erfassen die Staatsbürgerschaft – die meisten haben die deutsche – und die hauptsächlich im Elternhaus gesprochene Sprache. Ansonsten kommen hier Kinder mit ihren Geschichten.

So schafft das Gymnasium mehr Übergänge, als die Empfehlung vorsieht

Warum erheben Sie das nicht?

Wenn man „Wilhelmsburg“ oder „sozial niedriger Status“ hört, entstehen schnell Zuschreibungen, die der Wirklichkeit nicht gerecht werden. Das wollen wir aufbrechen. Wir haben Schüler, die ein 1,0-Abitur anstreben, und solche, die aus einer Internationalen Vorbereitungsklasse kommen. Wenn Sie unbedingt Zahlen wollen: Wir liegen im Durchschnitt des Hamburger Abiturs und qualifizieren mehr Kinder für Jahrgang 7, als mit einer Gymnasialempfehlung aus der Grundschule herkommen.

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Wie gelingt das? Problem ist doch, dass der Bildungserfolg maßgeblich von den Eltern abhängt. Und gerade in Wilhelmsburg sind viele auf Sozialhilfe angewiesen.

Dahinter dürfen wir uns im Bildungssystem aber nicht verstecken. Diesen Zusammenhang aufzubrechen und Bildungsbiografien aktiv umzusteuern, ist daher erklärtes Ziel unserer Schule. Wir sind Teil des bundesweiten Startchancenprogramms, setzen in den Jahrgängen 5 und 6 auf den gebundenen Ganztag und arbeiten bereits seit über einem Jahrzehnt in multiprofessionellen Teams.

Oder liegt es daran, dass sich bei Ihnen die Bildungselite des Stadtteils trifft? Es gibt hier ja auch eine Mittelschicht. Nur 26,8 Prozent der Wilhelmsburger Schüler gehen aufs Gymnasium. Von denen, die auf der Veddel wohnen, sind es sogar nur 21 Prozent. Deutlich weniger als im Hamburger Schnitt von 45 Prozent.

Wilhelmsburg ist in der Tat auch in Bezug auf die sozialen Lagen vielfältiger, als die Daten es erscheinen lassen. Unsere Schülerschaft bildet diese Bandbreite ab, und das ist gut so. Ich bin im Übrigen davon überzeugt, dass die Bildungselite, die es hier immer schon gab, und die Bildungselite, die durch unsere Arbeit neu entsteht, im Hinblick auf überfachliche Kompetenzen, z.B. im Bereich demokratischer Resilienz, anderen Quartieren einiges voraushaben.

Was Kinder wirklich stark macht

Was ist Ihrer Erfahrung nach für den Bildungserfolg eines Kindes entscheidend?

Lesen, lesen, lesen, das ist nach wie vor der Schlüssel. Bildung erschließt sich über Sprache und Neugier. Kinder und Jugendliche müssen sich zudem in entscheidenden Entwicklungsjahren in erster Linie wohlfühlen, Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten entwickeln und Zuspruch von allen Seiten erfahren. Sie benötigen neben stabilen sozialen Bindungen flankierende Strukturen, die ihnen Sicherheit geben und gleichzeitig Chancen und Freiheiten eröffnen. Und nicht zuletzt geht es auch darum, anspruchsvolle Ziele zu setzen und gemeinsam zu verfolgen.

Nur ein einziges Gymnasium für so viele Kinder. Problem – oder Vorteil, weil soziale Blasen aufbrechen?

Soziale Durchmischung ist immer ein Vorteil. Auch die Stadtteilschulen auf den Elbinseln führen im Übrigen zum Abitur, haben dafür sogar noch ein Jahr länger Zeit. Die Schulen arbeiten hier traditionell gut vernetzt und kooperativ.

Gaza-Krieg, Ukraine, Weltkrisen: Wie Schule damit umgeht

Wie klappt das Zusammenleben denn praktisch? Spüren Sie internationale Konflikte wie den Gaza-Krieg?

Ja, Krisen in der Welt sind auch Krisen in der kleinen Welt bei uns – vor allem, wenn es persönliche Beziehungen gibt. Wir haben Schüler, deren Familien vor Generationen aus den palästinensischen Gebieten geflohen sind, aber auch Schüler, die über Theaterprojekte mit jüdischen Israelis befreundet sind. Um den 7. Oktober wollten wir ein Theatertreffen mit Jugendlichen aus Israel in Córdoba durchführen. Das war sehr einschneidend.

Gab es Spannungen zwischen Schülern?

Wie beim Ukraine-Krieg gilt: Wenn Menschen aus betroffenen Regionen in der Schule sind, muss man über die Konflikte sprechen. Wir haben im Unterricht zum Beispiel viel über das Schicksal der Zivilbevölkerung gesprochen, denn das hat viele bewegt.

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Das eine ist der Unterricht, aber was passiert, wenn sich unterschiedliche Gruppen auf dem Schulhof treffen?

Es geht auf unserem Schulhof genauso friedlich zu wie im Unterricht. Die Zuschreibung „Gruppen“ funktioniert nicht. Es gibt nicht „den Islam“, es gibt nicht „die Türken“, „die Albaner“ oder „die Deutschen“. Zum Glück nicht. Cliquen bilden sich durch Interessen und Freundschaften wie überall. Zudem sind wir Lehrkräfte präsent und gehen ins Gespräch, wenn es doch mal zu Missverständnissen kommt.

Die Schülerschaft ist also so divers, dass kulturelle Prägungen aus dem Elternhaus keine Rolle mehr spielen?

Das ist natürlich nicht so und wäre auch nicht erstrebenswert. Aber die kulturellen Prägungen sind eben nur eine Facette, und junge Menschen lassen sich darauf zu Recht nicht mehr reduzieren. Mindestens so wichtig ist doch, was uns vereint, welche Werte wir über Grenzen hinweg teilen und zum Kern unseres zukünftigen Zusammenlebens erheben wollen.

Aber das ist doch kein Selbstläufer.

Nein, das geht nur über Dialog. Wir hören einander zu, nehmen Gefühle wie Wut oder Hilflosigkeit ernst und nutzen sehr multikausale Konflikte eben nicht dazu, um auf andere Einfluss zu nehmen. Ein gutes Gespräch beginnt mit gutem Zuhören – das üben wir von klein auf. Je mehr das gelebt wird, desto weniger disziplinarische Probleme gibt es.

Wie bringt man Zuhören bei?

Mit kleinen Übungen: Ein Kind spricht eine Minute über seine Familie, das andere hört nur zu und fasst dann zusammen. Danach wird gewechselt. So üben wir Interaktion, Perspektivwechsel und vor allem Empathie. Empathie ist eines der wichtigsten Bildungsziele unserer Zeit.

Und wenn Dialog an seine Grenzen stößt?

Probleme verstärken sich, wo sich Fronten verhärten. Aber das sind Einzelfälle und kann schnell aufgebrochen werden. Kinder wollen gesehen und ernst genommen werden. Dann entwickeln sich eigentlich immer gute Gespräche. Wilhelmsburg muss sich nicht kleinmachen lassen – im Gegenteil. Ich glaube, dass viele in diesem Land von uns lernen können, wie gutes Zusammenleben in einer super diversen Gesellschaft funktioniert.

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Ihr Tipp für ein gutes Miteinander?

Eine Kultur des Dialogs. Wir reden zu viel übereinander und zu wenig miteinander. Und: Demokratie ist ein langsamer Prozess. Wenn wir Menschen ernst nehmen, ihre Perspektiven verstehen wollen und uns Zeit nehmen, entsteht ein positives Miteinander.