Hamburg
Schrauber-Klischees adé? Hamburgerin Hanna Schönwald über die Zukunft der Autoszene
Motoren-Krach, Testosteron, breitbeiniges Mansplaining und der Geruch von Öl und Schweiß. Autos gelten als Männerdomäne – Hanna Schönwald sieht das anders. Die Hamburger Designerin spricht über ihr Nürburgring-Art-Car, Klischees in der Szene und die neue Generation von Auto-Enthusiasten.
Für das legendäre 24-Stunden-Rennen am Nürburgring wurde die Hamburger Designerin Hanna Schönwald mit einem besonderen Projekt betraut: Sie verwandelte den HWA EVO.R in ein Art Car, das Motorsport, Design und Kunst miteinander verbinden soll.
Im MOPO-Interview spricht die 30-Jährige über ihre Faszination für Automobile, Frauen in der Car Culture, die Hamburger Autoszene und die Frage, warum das Auto für viele Menschen noch immer ein Symbol von Freiheit ist.
Frau Schönwald, was reizt Sie an Autos am meisten?
Hanna Schönwald: Autos sind für mich der Inbegriff von Freiheit und Unabhängigkeit. Gerade in Deutschland, wo vieles stark reguliert ist, wirkt ein „unbegrenzt“-Schild auf der Autobahn fast wie ein Gegenentwurf. Zugleich bietet das Thema unzählige Zugänge: Über Autos trifft man Menschen aus unterschiedlichsten Lebenswelten und kann über Design, Technik, Innovation oder gesellschaftliche Entwicklungen sprechen. Weil das Auto für viele zum Alltag gehört, wird es auch zu einer Art Requisite in den Geschichten, die wir über unser Leben erzählen.
Gab es ein Auto oder einen Moment, mit dem Ihre Leidenschaft angefangen hat?
Ich wurde definitiv von Filmen wie Fast and the Furious oder Cars geprägt und gehöre gleichzeitig zur letzten Generation, die komplett analog aufgewachsen ist. Das prägt sehr. Wenn ich ehrlich bin, fing die Begeisterung wahrscheinlich schon mit dem Gefühl an, das ich hatte, als ich mit zwei oder drei Jahren das erste Mal auf einem Bobbycar saß und in Wuppertal die Bürgersteige erobert habe.
Sie haben gerade aus einem Rennwagen ein Art Car gemacht. Was war die Idee dahinter?
Für mich persönlich war das eine Hommage an mein erstes großes Projekt in der Selbstständigkeit, nachdem ich die Autoindustrie verlassen hatte, um mich als Künstlerin zu etablieren. Das weiße Porsche 964 Art Car von damals hat das Konzept des HWA Art Cars für das 24-Stunden-Rennen am Nürburgring stark inspiriert.
Mir war wichtig, dass die Kunst nicht nur mit dem Auto verschmilzt, sondern auch mit der Umgebung arbeitet, in der sich das Fahrzeug bewegt – vor allem bei Nacht. Durch meinen Background im Fahrzeugdesign sehe ich das Auto dabei immer als bereits fertig gestaltetes Kunstwerk, auf beziehungsweise mit dem ich arbeite.
Sie zeigen Autos sehr ästhetisch. Ist das Ihr Gegenentwurf zum klassischen PS- und Schrauber-Klischee?
Ich sehe hinter Autos immer auch die Skizzen, Modelle und die Menschen, die diese Fahrzeuge gestalten und entwickeln. Wahrscheinlich spiegelt sich genau diese Perspektive auch in meinen Bildern wider. Mich interessiert oft weniger die reine Leistung als die Idee, die hinter einem Fahrzeug steckt, und der gesamte Prozess, der zu dessen Entstehung geführt hat.
Sind Sie Carfluencerin oder ist Ihnen das Label zu eng?
Naja, da ist schon sehr viel Auto-Content auf meinen Kanälen, deshalb trifft das vermutlich auf eine gewisse Weise zu. Das Label selbst ist mir aber ziemlich egal. Ich sehe mich in erster Linie als Designerin und Künstlerin, die sich mit Themen beschäftigt, für die sie sich begeistert – und dazu gehören Autos nun einmal seit vielen Jahren.
Ist Hamburgs Auto-Szene eher laut, edel oder unterschätzt?
Ich würde sagen: hanseatisch zurückhaltend. Hamburg hat eine sehr spannende Auto-Szene, die oft weniger laut auftritt als in anderen Städten. Gerade dadurch entdeckt man hier viele interessante Menschen, Sammlungen und Projekte oft erst auf den zweiten Blick.
Autos gelten als Männersache. Wie falsch ist dieses Klischee?
Es ist nur ein Klischee und keine Tatsache. Die Begeisterung für Gestaltung, Technik oder Motorsport hat schließlich nichts mit dem Geschlecht zu tun. Trotzdem hält sich dieses Bild bis heute erstaunlich hartnäckig. Ich bin aber optimistisch, dass sich das in Zukunft weiter verändern wird. Hoffentlich müssen wir irgendwann gar nicht mehr darüber sprechen.
Müssen sich Frauen in der Auto- und Tuning-Szene mehr beweisen als Männer?
Ich glaube, im Durchschnitt müssen sich Frauen generell mehr beweisen als Männer. Das ist allerdings ein abendfüllendes Thema. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass sich in den letzten Jahren viel bewegt hat und heute deutlich mehr unterschiedliche Perspektiven sichtbar werden als noch vor einigen Jahren.
Was müsste passieren, damit Frauen in der Szene nicht mehr als Ausnahme gelten?
Ich denke, das passiert automatisch, sobald Frauen in der Autoszene nicht ständig erst beweisen müssen, dass sie „wirklich Ahnung haben“. Sobald Interesse nicht mehr überraschend wirkt, sondern normal, verschwindet auch die Ausnahmerolle. Und das passiert vor allem dann, wenn die Szene weniger über Gatekeeping und mehr über gemeinsame Leidenschaft definiert wird. Aus meiner eigenen Erfahrung habe ich oft das Gefühl, dass Frauen zunächst stärker auf ihre Kompetenz geprüft werden, während Männern Interesse an Autos häufig automatisch zugeschrieben wird.
Dabei sollte es völlig egal sein, ob jemand Designerin, Rennfahrerin oder Ingenieurin ist, im Marketing oder Vertrieb arbeitet oder einfach begeisterte Autofahrerin ist. Ich denke, jede Szene lebt davon, dass unterschiedliche Menschen ihre Perspektiven einbringen. Je selbstverständlicher diese Vielfalt wird, desto weniger wird überhaupt noch darüber gesprochen werden müssen, ob jemand als Frau „dazugehört“ oder nicht.
Klima, Lärm, Poser: Wie zeitgemäß ist Autoliebe noch?
Ich denke, das Auto hat deutlich mehr Facetten als nur Lärm, Umwelt oder Status. Deshalb würde ich sagen: absolut zeitgemäß. Außerdem verändert sich auch der Begriff von Luxus mit jeder neuen Generation. Für manche Menschen ist ein Auto heute vor allem ein Fortbewegungsmittel, für andere ein technisches Kulturgut, ein Designobjekt oder ein Stück Freiheit. Ich glaube, die Leidenschaft für Autos verschwindet nicht, sondern verändert ihre Form. Junge Generationen interessieren sich oft für andere Aspekte als früher – beispielsweise Design, Nachhaltigkeit, Technologie oder die Geschichten hinter den Fahrzeugen.
Am Ende begeistert Menschen eben nicht nur das Auto selbst, sondern auch das, was es ermöglicht: Reisen, Erlebnisse, Erinnerungen und Begegnungen. Diese Sehnsucht nach Freiheit und Individualität ist heute genauso aktuell wie vor 50 Jahren und wird es vermutlich auch bleiben.
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