Saif (15†) stürzte aus dem achten Stock und starb – jetzt spricht der Vater
Saif Ibrahim stürzt im April aus dem achten Stock eines Hochhauses in Wilstorf und stirbt. Mehrere bewaffnete Männer sollen in die Wohnung gestürmt sein und den 15-Jährigen in den Tod getrieben haben. Am Montag beginnt der Prozess gegen die zehn Angeklagten. Sein Vater Ali Ibrahim hofft auf Antworten.
Es ist ein kühler Montagmorgen, der 14. April. Ali Ibrahim ist bei der Arbeit, als sein Chef sagt, die Polizei wolle ihn sprechen. Der Taxifahrer denkt, er hätte einen Fehler gemacht, im Straßenverkehr vielleicht. Aber an so etwas habe er nicht gedacht, sagt er. Niemals.
Auf der Wache in Billstedt erfährt Ibrahim, was passiert ist: Sein 15-jähriger Sohn ist tot. Saif stürzte in der Nacht von einem Balkon aus dem achten Stock eines Hochhauses. Kein Unfall, er soll von bewaffneten Männern in den Tod getrieben worden sein.
„Dass ich mich irgendwann wieder fühle wie vor diesem Tag, ist unmöglich“
Sieben Monate später sitzt Ibrahim in der MOPO-Redaktion, unterstützt von einem Übersetzer, um darüber zu sprechen, was seinem Sohn zugestoßen ist. „Dass ich mich irgendwann wieder fühle wie vor diesem Tag, ist unmöglich“, sagt er. Seine Stimme ist gefasst, sein Blick schmerzerfüllt. Saifs Tod hat alles verändert.
„Er hatte immer ein Lächeln auf dem Gesicht“, erinnert sich Ibrahim. Saif hatte viele Freunde und führte ein „ganz normales Teenager-Leben“ – inklusive Diskussionen darüber, wann er zu Hause sein muss. Manchmal gab es Ärger mit der Polizei, er wurde ein paar Mal verdächtigt, war am Ende aber immer unschuldig gewesen, sagt Ibrahim. Unter all seinen Freunden gab es jedoch einen, bei dem der Vater immer ein schlechtes Gefühl hatte: den Freund, bei dem Saif zu Besuch war, als er starb. „Mein Sohn war zur falschen Zeit am falschen Ort“, so der Vater.
Wilstorf: Saif Ibrahim fiel aus dem achten Stock – und starb
Anhand der Anklage der Staatsanwaltschaft lässt sich rekonstruieren, was in der Wohnung am Soltauer Ring passiert sein soll: Zehn Männer zwischen 17 und 24 Jahren fuhren zu dem Hochhaus, fordern Saifs Freund auf, nach unten zu kommen, doch er will nicht. Daraufhin stürmen sieben der Männer gegen 1 Uhr in den achten Stock, bewaffnet mit einer Machete, Messern und einem Baseballschläger. Sie brechen die Wohnungstür auf, Saif flieht mit drei Freunden auf den Balkon.
Einer von ihnen schafft es laut Staatsanwaltschaft, aus dem achten in den siebten Stock zu springen und sich so in Sicherheit zu bringen. Dann klettert Saif über die Brüstung, er verliert den Halt – und stürzt etwa 20 Meter in die Tiefe. Die Angeklagten bedrohen die anderen zwei, schlagen einem von ihnen ins Gesicht und erbeuten 1000 Euro, ein Handy, Karten und ein leeres Magazin. Dann fliehen sie. Saif bleibt im Hinterhof zurück. Nachbarn werden durch die Schreie wach und versuchen, Erste Hilfe zu leisten, aber der 15-Jährige stirbt noch am Tatort.
Genauer Hintergrund vor Prozessbeginn unklar
An Saifs Fingern sollen Verletzungen festgestellt worden sein, sagt Patrick Purbacher, der die Familie vor Gericht vertritt. Ob der Junge abstürzte oder einer der Männer ihm auf die Finger schlug und ihn so zu Fall brachte, müsse sich vor Gericht zeigen. Neun Syrer und ein Deutscher sind angeklagt, sieben von ihnen sitzen in Untersuchungshaft. Die meisten wurden wenige Stunden nach der Tat festgenommen.
Ali Ibrahim versteht bis heute nicht, wie es so weit kommen konnte. Anhand der Anklage kann erahnt werden, wie sein Sohn starb. Die Frage nach dem Warum bleibt.
„Wie so oft wird es um Geld gegangen sein“, sagt Purbacher. Der Angriff soll laut Anwalt auf einen Streit zwischen dem Freund, bei dem Saif zu Besuch war, und einem der Angeklagten zurückgehen. „Genau wissen wir es nicht, aber wir wollen das unbedingt herausfinden.“
„Egal, was passiert, nichts wird meinen Sohn zurückbringen“
Der Vater sagt mit Blick auf den Prozess: „Wenn ich durch das Urteil enttäuscht werde, bin ich überzeugt, mein ganzes Leben falsch geplant zu haben.“ 2015 floh er gemeinsam mit seiner Frau und Saif aus dem Irak nach Deutschland – auf der Suche nach Sicherheit. „Jetzt habe ich Angst um meine Kinder, wie ich sie damals im Irak hatte“, sagt Ibrahim. Wer nach Deutschland komme, müsse sich integrieren und die Gesetze respektieren, so wie er und seine Familie es getan haben, sagt Ibrahim. Wer das nicht tue, solle ausgewiesen werden – damit wenigstens andere Kinder geschützt werden. „Was mir passiert ist, wünsche ich niemandem. Niemand sollte sein Kind zu Grabe tragen müssen.“
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Seit dem Tod ihres Sohnes sind Ali Ibrahim und seine Frau in psychologischer Behandlung und können nicht mehr arbeiten. Was den Vater jetzt antreibt, ist die Verantwortung für Saifs Geschwister, die selbst mit dem Verlust ihres Bruders zurechtkommen müssen. Sein 13-jähriger Sohn ist depressiv geworden, erzählt er, seine zwölfjährige Tochter ist seit April fast durchgängig krank. Die jüngste Tochter versteht mit ihren vier Jahren bis heute nicht, was passiert ist. Sie fragt oft, wann ihr großer Bruder wiederkommt – „zuletzt gestern“, sagt der Vater.
Doch Saif kommt nicht zurück. Nicht zu seiner kleinen Schwester, nicht zu seinen Freunden, nicht zu seinen Eltern. Der Vater weiß: „Egal, was passiert, nichts wird meinen Sohn zurückbringen.“