Rundgang durchs Reichenviertel: „Mehr als Blankeneser kann ein Hamburger nicht sein“
Nach St. Pauli ist Blankenese vermutlich der bekannteste Stadtteil Hamburgs. Wohnort der Pfeffersäcke. Villengegend. Segler-Hochburg. Reich lebt neben noch reicher. Treppenviertel. Elbvorort. Lieder wurden über Blankenese geschrieben, Gedichte und Räuberpistolen verfasst. Viele würden hier gerne wohnen, können es sich aber nicht leisten, andere finden die Gegend ohnehin viel zu versnobt. Und die Blankeneser selbst? Die mögen sich eigentlich ganz gerne. Ein Rundgang durch einen Stadtteil über den es gefühlt noch mehr Vorurteile als Einwohner gibt.
Sabine Möller arbeitet in der Traditionsbäckerei Körner an der Blankeneser Landstraße. Die Bäckermeisterin ist stolz auf ihre Franzbrötchen, die mehrmals mit Auszeichnungen versehen wurden. Und sie ist stolz auf ihren Stadtteil.
Bäckermeisterin unterteilt Blankeneser in drei Kategorien
Etwas mehr als 13.000 Menschen leben hier auf 8,3 Quadratkilometern, von denen wirklich jeder sehenswert ist. Fragt man Möller nach dem größten Problem der Blankeneser in den vergangenen Monaten, führt sie einen zum Marktplatz im Zentrum des Stadtteils. „Der Bahnhofsvorplatz ist schrecklich kahl, und wir hatten Sorge, dass sie den Marktplatz ähnlich gestalten. Doch dank der Bürgerbeteiligung wurde das verhindert.“
Zwischendurch habe es Pläne für eine Tiefgarage unter dem Platz gegeben, doch das verhinderten die Blankeneser. Sie wollten nicht, dass der Wochenmarkt pausieren muss. Der findet dreimal die Woche statt. Klönschnack seit 1929. Die Blankeneser mögen es traditionell.
Für Sabine Möller, die über ihrem Laden wohnt, gibt es in Blankenese drei Gruppen Menschen: Die Reichen, die Eingeheirateten/Neureichen und die Touristen. „Aber“, sagt sie, „es gibt auch unter den Neureichen Vernünftige.“
Ja, sie kenne die Vorurteile über die versnobten Blankeneser, so die Bäckermeisterin. Aber die seien falsch, behauptet sie. Und sie müsse es ja wissen, schließlich würden alle bei ihr einkaufen. „Es gibt in Blankenese Menschen, die viel Geld haben. Aber viele haben normal viel Geld. Und gerade die, die richtig reich sind, sind oft bescheidener.“ Was normal viel Geld bedeutet, führt sie nicht weiter aus.
Oliver Diezmann von der Blankeneser Interessengemeinschaft pflichtet ihr bei. „In Blankenese sind alle vertreten: vom Sozialhilfeempfänger bis zum Millionär. Längst nicht jeder hat einen Porsche oder drei Häuser auf der Welt. Außerdem leben hier überdurchschnittlich nette Menschen“, findet Diezmann. Sozialhilfeempfänger gibt es, stimmt, im Dezember 2022 erhielten lediglich 2,3 Prozent der Blankeneser Sozialhilfeleistungen nach SGB ll. Im Rest der Stadt waren es im Schnitt 10 Prozent.
Um Reichtum oder nicht soll es hier in erster Linie auch nicht gehen. Wir wollen Blankeneses DNA finden. Was macht diesen Stadtteil so besonders? Besonders liebt Sabine Möller die Häuser in ihrem Stadtteil. „Die haben alle noch ein Gesicht und sind nicht so einheitlich wie überall sonst“, meint sie. „Hier leben Familien oder Eltern, deren Kinder mittlerweile ausgeflogen sind.“
Stadtteiltour: Blankeneser sind stolz auf ihre alten Trachten
Auch auf die Kirche, außen Backstein, innen elegant weiß gestrichen und mit Schiffsmodellen verziert, sind die Blankeneser laut Möller sehr stolz. „Wir haben ein reges Vereinsleben, es gibt etwa 90 Vereine, die einen von der Krippe bis zur Bahre begleiten. Wer hier keine Gruppe findet, der will es auch nicht“, sagt sie und lacht.
Blankenese ist auch schon immer Anziehungsort der Stadtprominenz. Die Villa Jako befindet sich hier, die Karl Lagerfeld Anfang der 1990er gekauft hatte. Der Maler Horst Janssen wohnte hier. Modedesigner Guido Maria Kretschmer, jahrelang Berliner, hat seinen Lebensmittelpunkt hierher verlegt. Liedermacher Rolf Zuckowski, Komiker Otto Waalkes, Publizist Stefan Aust, Persönlichkeiten aus Medizin, Politik, Kultur, sie alle haben ihr Zuhause. Die Elbe führt hier raus aus der Stadt, Richtung Meer. Nimmt man mal die Landungsbrücken aus, gibt es kaum einen Ort in der Stadt mit einer maritimeren Identität.
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Der Marktplatz geht fließend in die Einkaufsstraßen von Blankenese über. In der Bahnhofstraße und dem Blankeneser Teil der Elbchaussee reihen sich die inhabergeführten Geschäfte aneinander. Auch ein kleines Programmkino mit zwei Sälen ist da. „Leerstand gibt es bei uns nicht“, sagt Interessensgemeinschafts-Vorsitzender Oliver Diezmann. „Damit hatten wir zuletzt 2008 Probleme. Während der Pandemie gab es viel Zusammenhalt unter den Gewerbetreibenden.“
Sabine Möller, die nach eigener Aussage nur noch zweimal im Jahr „nach Hamburg“ fährt, geht gern hier einkaufen. „Ich bin froh, dass das keine dieser anonymen Kettenstraße ist. Ich würde nicht zu einem Brillendiscounter nach Ottensen fahren, sondern kaufe vor Ort bei unserem Optiker.“
Wer in Hamburg einen Ort für einen schönen Spaziergang sucht, ist im Blankeneser Treppenviertel gut aufgehoben. Der Blick durch die kleinen Häuschen – und im Sommer auch Blumen – hinunter auf die Elbe ist atemberaubend. Sabine Möller zeigt einen Weg, der unter Touristen nicht so bekannt sein soll.
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Er führt vorbei am Haus von Klaus (83) und Christa Schade (82). Christa und ihre Freundin Helga Neugebauer (75) sind wie Sabine Möller Mitglieder im Trachtenverein und präsentieren die selbstgeschneiderte Blankeneser Fischer- und die Kirchgangstracht. „Wir sind schon seit 30 Jahren dabei und international unterwegs auf Trachtenfesten“, erzählt Schade. Gemeinsam mit ihrem Mann holt sie anschließend Kieler Schnaps für alle. Klaus Schade war früher Lotse. Vor seiner Tür hängt noch immer eine Schiffsglocke.
„Mehr als Blankeneser kann ein Hamburger nicht sein“
„Ich hasse dieses Vorurteil, hier würden nur reiche Menschen leben. Ich wünschte, es wäre so“, sagt der 83-Jährige und lacht. „Man kennt und hilft sich. Wenn hier einer einbricht, dann pfeife ich und Wolf-Dieter hält ihn unten auf. Der ist auch noch Anwalt.“ Klaus Schade deutet auf ein Haus nahe der Elbe.
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Die drei Rentner lassen den Nachmittag auf der Terrasse der Schades ausklingen, während Sabine Möller die MOPO-Reporter noch ein wenig durchs Treppenviertel und den Blankeneser Gemeindepark führt. Christa Schade beendet das Gespräch mit den Worten: „Mehr als Blankeneser kann ein Hamburger nicht sein.“