„Riesenchance“: Hamburg soll eine Hyperloop-Teststrecke bekommen
Mit 1000 Kilometern pro Stunde durch eine Vakuumröhre sausen, da wäre man ja binnen weniger Minuten in Berlin! Klingt nach Science Fiction, ist aber tatsächlich schon ganz gut erforscht. Was nun in Hamburg geplant ist, könnte die Wissenschaftler einen weiteren Riesenschritt nach vorne bringen: Eine Referenzstrecke für einen „Hyperloop“, die längste in Europa. Die MOPO sprach mit einem Wissenschaftler von der Hochschule Emden/Leer, die eine eigene Forschungsanlage betreibt. Die Sache mit dem Minutentrip nach Berlin wird wohl nichts, aber der „Hyperloop“ hat trotzdem das Zeug, den Personenverkehr zu revolutionieren.
Die Stadt Hamburg hat einen „Letter of Intent“, also eine Absichtserklärung, für eine Hyperloop-Teststrecke unterschrieben, wie zuerst das „Abendblatt“ berichtete. Das Konsortium „Mode 5“, bestehend aus Industrie- und Entwicklungspartnern, soll demnach eine Teststrecke bauen und betreiben, die mit drei bis fünf Kilometern die mit Abstand längste Hyperloopröhre Europas wäre. An der TU München gibt es eine 24 Meter lange Teststrecke und kürzlich hat die Hochschule Emden/Leer auf dem Campus Emden mit 27 Metern die bislang längste Hyperloopanlage Deutschlands in Betrieb genommen. Die längste Strecke Europas steht im European Hyperloop Center im niederländischen Veendam in der Nähe von Groningen, aber selbst die würde mit ihren 420 Metern von dem Hamburger Vorhaben weit in den Schatten gestellt.
Bezahlen müsste der Bund
Wo die Hamburger Strecke entstehen soll, ist noch nicht bekannt, die Verkehrsbehörde hält sich bedeckt, erklärt nur so viel: „In einem ersten Schritt soll eine Fahrzeugentwicklung erfolgen, in einem zweiten Schritt wird eine Referenzstrecke geprüft, auf der die Fahrzeuge und die Systemfunktionen getestet werden sollen.“ Bezahlen müsse das Ganze allerdings der Bund. Und die Planungen hätten auch nichts mit einer möglichen Olympiabewerbung der Stadt zu tun, betont der Behördensprecher.
„Die in Hamburg geplante Teststrecke wäre eine Riesenchance für die Stadt und ein gewaltiger Schritt für die Forschung“, sagt Professor Walter Neu, der die Testanlage in Emden zusammen mit seinem Kollegen Professor Thomas Schüning betreut. Der Physiker ist Feuer und Flamme für das Vorhaben: Eine mehrere Kilometer lange Röhre, in der könnte man in der Praxis ausprobieren, was bisher nur in Simulationen und Modellen errechnet werden kann: Es könnten richtige Fahrtests mit maximalen Geschwindigkeiten durchgeführt werden, es könnte geprüft werden, wie die Kabinen im Dauerbetrieb reagieren, Schwebetechniken könnten getestet werden.
Warum es keine Minutentrips nach Berlin geben wird
Der Vorstellung, dass die Menschheit demnächst mit 1000 Kilometern pro Stunde durch Röhren von A nach B schießt, erteilt der Wissenschaftler aber eine Absage: Dafür wäre eine zu hohe Beschleunigung nötig und der Bremsweg wäre gigantisch. Darum wird es auch nichts mit der Minutenspritztour von Hamburg nach Berlin. „Aber 500 Kilometer pro Stunde wären denkbar im Personenverkehr“, sagt Neu.
Theoretisch wäre diese Geschwindigkeit auch mit dem ICE oder dem französischen Schnellzug TGV möglich, aber zu einem hohen Preis: „Der Energiebedarf würde sich verachtfachen und der Verschleiß wäre extrem.“ Denn: So ein ICE muss die ganze Zeit Luft wegschieben, eine Hyperloop-Kapsel aber, die saust fast ohne Widerstand durch die Vakuumröhre. Dafür braucht man so wenig Strom, dass Solarpanels, die auf der Röhre angebracht wären, mehr Energie erzeugen, als der Hyperloop verbraucht – in Emden bereits zu sehen.
Hyperloop-Röhren auf Autobahnmittelstreifen
Wie so eine Hyperloopstrecke einmal im echten Betrieb aussehen könnte, dazu gibt es bereits konkrete Überlegungen, erklärt Professor Neu: „Man könnte beispielsweise Mittelstreifen von Autobahnen dafür nutzen, darauf zwei Röhren auf Ständern zu stellen, eine für jede Richtung.“ Die Reisekabinen müssten auch nicht komplett neu erfunden werden: „Nehmen Sie einem Airbus Flügel und Heck und Sie haben eine gute Vorstellung einer druckdichten Kapsel für den Hyperloop.“
Nun hat Hamburg vor einigen Jahren beim Thema Hyperloop schon einmal in die Röhre geguckt: Der Hafenkonzern HHLA hatte 2018 ein Joint Venture für einen Hyperloop gegründet, der Hafencontainer mit einem Affenzahn ins Umland schießen sollte. Das Vorhaben wurde vier Jahre später beerdigt. Warum sollte es diesmal anders laufen?
Hyperloop für Container: Projekt wurde gestoppt
Ein Hyperloop für Container sei tatsächlich sehr aufwendig, sagt der Professor. Die Röhren müssten einen Durchmesser von sieben, acht Meter haben. Zum Vergleich: Für den Personenverkehr reichen 3,5 bis vier Meter, die große Teströhre in Groningen hat 2,50 Meter Durchmesser. Und: Bei welchen Waren, die wochenlang auf See unterwegs waren, lohnt es sich, die allerletzten Kilometer für sehr viel Geld in ein paar Minuten statt Stunden zurückzulegen?
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Für den Transport von Menschen hingegen könnte die neue Technik bereits um das Jahr 2040 eine energiesparende Alternative zu Flugzeug und Bahn werden. Europa sollte diese Chance nicht verspielen, so Professor Neu: „Wir haben die Wahl: Jetzt selbst entwickeln oder in zehn Jahren zum Beispiel in China oder Indien kaufen.“ Hamburg könnte dabei eine entscheidende Rolle spielen.