400 Jahre Reeperbahn: Was viele über den Kiez nicht wissen
Von Schiffstauen bis Beatles, von Bordellen bis Bassgitarren: Die Reeperbahn wird 400 Jahre alt und zeigt, wie sehr sich Hamburgs Kiez immer wieder neu erfindet. Wer mit Historikerin Eva Decker unterwegs ist, entdeckt eine Straße voller Geschichten, Originalschauplätze und kurioser Reliquien.
Eva Decker ist keine Hamburgerin. Und doch kennt kaum jemand die Geschichte der Reeperbahn so gut wie die gebürtige Wienerin. Für die 52-Jährige ist die Geschichte von St. Pauli längst ein Lebensthema geworden.
Zehn Jahre lang war Decker wissenschaftliche Leiterin des St. Pauli Museums. Das Museum, nicht zu verwechseln mit dem FC St. Pauli, gibt es inzwischen nicht mehr. Also hat sie ausgewählte Exponate an Originalschauplätzen im Viertel platziert. Der Titel ihrer Führung: „Reliquien der Reeperbahn“. Denn die Straße feiert in diesem Jahr ihren 400. Geburtstag.
400 Jahre Reeperbahn: So begann die Amüsierkultur auf St. Pauli
Die Tour startet an den Tanzenden Türmen. Die beiden markanten Hochhäuser markieren den östlichen Eingang zur Reeperbahn. Von hier bis zum Nobistor am anderen Ende sind es rund 930 Meter.
„Ab 1626 wurden hier Schiffstaue hergestellt“, sagt die freiberufliche Historikerin. Den Reepschlägern verdankt die Straße auch ihren Namen. Die Handwerker mussten einst umziehen, weil in der Nähe des Michels die Wallanlagen gebaut wurden. Sie galten als angesehen und gut bezahlt. Kein Wunder: Die Schiffstakelage, die sie fertigten, musste einiges aushalten.

Wie früh ihr Wirken sichtbar wurde, zeigt Decker mit einer Karte aus dem Jahr 1786. Darauf ist die Reeperbahn noch als staubige Landstraße außerhalb der Hamburger Stadtmauern zu sehen. Dann hält sie eine Lithographie von 1826 hoch. Zu sehen sei „flanierendes Bildungsbürgertum“ und im Hintergrund der „Trichter“. Der Trichter war zunächst nur ein schlichter Pavillon. Später wurde daraus ein populäres Konzerthaus. Für Decker markiert er den Beginn der Amüsierkultur auf St. Pauli.
Im Hotel „Arcotel Onyx“ neben den Tanzenden Türmen zeigt sie in einer Vitrine feines Besteck, mit dem einst im Trichter getafelt wurde. Dazu kommt ein Fotoalbum mit Autogrammkarten und Bildern aus den 1940er Jahren. Auch in der NS-Zeit lief das Varieté-Programm dort weiter.
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Fast zur selben Zeit entstand ein Foto von Bauarbeiten auf dem benachbarten Spielbudenplatz, den Decker „das Kulturpflaster St. Paulis“ nennt. Damals wurde dort ein Bunker gebaut. Nach dem Krieg sollte er als Tiefgarage genutzt werden – so hatten es die Nationalsozialisten bereits geplant.
In genau diese Tiefgarage führt Decker ihre Gäste heute. Dort hängt ein Schild, das fast das Einzige ist, was von der legendären Esso-Tankstelle geblieben ist. Früher kannte auf dem Kiez jeder die Tankstelle, weil man dort rund um die Uhr tanken konnte. Seit 2014 klafft an dieser Stelle eine große Brache. Im Kiezjargon heißt sie: „Platz der leeren Versprechungen“.
Direkt daneben standen einst die Holzbuden der Schausteller aus dem späten 18. Jahrhundert. Längst sind daraus Spielstätten gehobener Unterhaltung geworden. Häuser wie das Panoptikum oder das St. Pauli Theater bringen inzwischen selbst mehr als ein Jahrhundert Geschichte mit.
400 Jahre Reeperbahn: Davidwache, Herbertstraße und Rotlicht im Wandel
Auch die Davidwache gehört zu diesen alten Institutionen. Seit 1914 sitzt sie mitten im Amüsierviertel. „Strategisch günstig gelegen“, sagt Decker. Denn direkt auf der anderen Straßenseite beginnt „St. Liederlich“. So wurde diese Ecke schon in den 1840er Jahren genannt. In der Davidstraße gab es damals mehrere größere Bordelle. In dieser Zeit entdeckten auch die Seeleute das Viertel für sich. Kurz zuvor war auf Höhe der heutigen Landungsbrücken ein neuer Hafen entstanden. Das Gewerbe expandierte.
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Um 1900 reagierte die Stadt. Bordelle waren nur noch in wenigen Straßen erlaubt. Die bekannteste davon ist heute die Herbertstraße. Die Sichtblenden an beiden Seiten dieser Straße wurden 1933 von den Nationalsozialisten errichtet. Ihr Ziel: das Gewerbe eindämmen und kontrollieren. Seit 2024 stehen die Sichtblenden unter Denkmalschutz.

Am Hans-Albers-Platz bleibt Decker vor einem Laden stehen, der „Rotlicht“ heißt. Im Schaufenster liegt ein Paar knallrote Moonboots. Sie hätten einst die Füße einer Prostituierten gewärmt. Doch das alte Bild von der „sündigsten Meile der Welt“ passt immer weniger. Die Reeperbahn verändert sich. Weniger Rotlicht, mehr Musik- und Unterhaltungsprogramm.
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Gerade diese Mischung macht den Reiz aus. Sie lockt Touristen von nah und fern an. Pärchen ebenso wie Punker, Landfrauen-Gruppen ebenso wie Junggesellenabschiede. Und wenn dann ein Szene-Typ wie Marco Apfler um die Ecke kommt, drehen sich die Leute noch immer um. Der Tätowierer ist von Kopf bis Fuß zugestochen und wirkt wie sein eigener Werbeträger. Fotografieren lässt er sich gern. Erst recht, wenn Eva Decker dabei ist. Man kennt sich im Viertel.
Beatles, Friseurstühle und nackte Geschichte auf dem Kiez
Natürlich gehören auch die Beatles zur Geschichte der Reeperbahn. Die vier jungen Musiker aus Liverpool kamen 1960 nach Hamburg – damals noch völlig unbekannt. Sie spielten Rock ’n’ Roll. Ihr Haarschnitt war dagegen eher von gestern.
Die Hamburger Fotografin Astrid Kirchherr machte nicht nur die ersten professionellen Bilder der Band. Sie soll auch selbst zur Schere gegriffen haben. Den berühmten Pilzkopf bekamen die Beatles dann schräg gegenüber der Davidwache – im Salon Harry, Hamburgs ältestem Herrenfriseur.
Noch heute lassen sich dort Bands vor einem Auftritt auf der Reeperbahn die Haare machen, erzählt Franz Stenzel, einer der Betreiber des Salons. Die Beatles selbst hat er nicht mehr erlebt. Sein prominentester Kunde war Uwe Seeler, Hamburgs berühmtester Fußballer.
Beatles-Fans kommen bis heute regelmäßig in den Laden. Manche knien sogar vor den alten Friseurstühlen nieder. Eine weitere Pilgerstätte ist das „Zwick“ – halb Kneipe, halb Museum. Dort steht die weltweit größte Sammlung an Bassgitarren. Eine davon, sicher hinter Glas verwahrt und handsigniert, stammt von Paul McCartney.

Zum Ende der Tour geht es ins Erotic Art Museum. Dort können Besucher in den ersten „Nackedei-Magazinen“ blättern. Außerdem liegen dort einige der vielen Briefe, die in den 1980er Jahren an Domenica Niehoff geschrieben wurden – damals die prominenteste Prostituierte Deutschlands.
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Gegründet wurde das kleine private Museum von Ekkehart Opitz. Er steht neben einer lebensgroßen Werbetafel mit einem Pin-up-Girl und erklärt die Gesetzgebung aus der Kaiserzeit. Damals war das Ausstellen unzüchtiger Schriften und Abbildungen strafbar. In seinem Museum ist genau davon reichlich zu sehen.
Die offiziellen Feierlichkeiten zum 400. Geburtstag der Reeperbahn beginnen am 30. April auf dem Spielbudenplatz. Geplant sind zahlreiche weitere Veranstaltungen. (dpa/mp)
