Quietschende Reifen über den Dächern Hamburgs: Was war da los?
Zwei hochgezüchtete PS-Boliden driften quer über ein Parkhausdach durch die Nacht. Reifen quietschen über den Asphalt, mehr als 1000 Menschen stehen in einer Traube um die Fahrzeug-Choreografie. Kurz wird die Titelmelodie vom Autoposer-Kultfilm „Tokyo Drift“ aus der „Fast & Furious“-Reihe angestimmt, dann verstummt die Musik wieder und nur noch aufjaulende Motoren hallen zwischen den Betonmauern des Parkdecks wider. Alles wirkt wie eine Szene direkt aus besagtem Film. Nur eben nicht vor dem Mount Fuji, sondern mit den Türmen der St. Nikolai und dem „kleinen Michel“ im Hintergrund – mitten in Hamburg. Was war da bloß los?
Eigentlich ist die Hansestadt bislang nicht gerade als Zentrum automobiler Subkultur bekannt. Oldtimer-Treffen mit älterem Publikum hier, die oft verrufenen Parkplatz-Treffen am Stadtrand dort. Genau dazwischen versucht sich am Mittwochabend beim „SUNDOWNER: Night Shift“ nun also etwas Neues zu etablieren: eine Szene zwischen Nachtleben, Social Media, Streetwear, Musik und Autokultur. „Eine Szene für Menschen, die Autos nicht nur als Fortbewegungsmittel sehen, sondern als Teil ihrer eigenen Geschichte“ – so beschreibt es zumindest Veranstalter Emil Pourkian selbst, der ein ganzes Parkhaus in der Großen Reichenstraße (Altstadt) anmietete.
Hamburg im „Need for Speed“? – Autoszene trifft auf Clubkultur
Der 32-jährige Hamburger, früher fast zehn Jahre in der Schifffahrt bei Hamburg Süd tätig, heute im Bereich Content Creation und Fahrzeugvermarktung aktiv, läuft an diesem Abend sichtbar gestresst durchs Parkhaus. Telefon in der Hand, Tunnelblick, ständig irgendwo zwischen Security, Fahrern und Besuchern unterwegs. Gleichzeitig bleibt er immer wieder stehen, redet minutenlang mit Gästen über Stimmung, Autos, das Konzept. „Wir verbinden die Welt von Need for Speed, Midnight Club oder Gran Turismo mit der Ästhetik von Filmen wie Fast & Furious“, hatte er vorab gesagt. Genau so fühlt sich der Abend streckenweise auch an: irgendwo zwischen echter Subkultur, Playstation-Nostalgie, Clubnacht und Instagram-Ästhetik.
Schon beim Reinkommen dröhnen House-Beats und frühe 2000er-Hits von Nelly oder Timbaland durchs Betonparkhaus. In der Mitte der spiralförmigen Korkenzieherauffahrt hängt eine Discokugel über den Fahrzeugen, unten vibriert der Bass durchs DJ-Deck, während sich der Geruch von verbranntem Sprit, warmem Reifenabrieb und ungefilterten Abgasen durchs gesamte Gebäude zieht. Auf mehreren Ebenen stehen Lautsprecherboxen, selbst oben auf den Parkdecks hallen die Bässe noch durch die Betonwände. Und anders als bei einer typischen Clubnacht beginnt die eigentliche Show hier nicht irgendwann nach Mitternacht, sondern direkt zu Beginn.
Zwischen Ferrari, Streetwear und Neonlicht: Wer hier auftaucht, will gesehen werden
Denn schon gegen 21.30 Uhr stehen dutzende Fahrzeuge Schlange, um Teil des Events zu werden. Die spiralförmige Auffahrt wird plötzlich zum Laufsteg für automobile Fantasien aller Generationen. Porsches rollen Stoßstange an Stoßstange an den Besuchern vorbei, manche geschniegelt wie frisch aus dem Werk in Zuffenhausen, andere tief, breit und komplett umgebaut. Dazwischen Ferraris, alte Käfer, BMWs mit Motorsportfolierung und japanische Sportwagen mit Neon-Unterbodenlicht. Besonders viel Aufmerksamkeit zieht ein grellgrüner Mitsubishi Eclipse auf sich, der fast haargenau aussieht wie das ikonische Fahrzeug von Brian O’Connor aus dem ersten „Fast & Furious“-Film. Nur wenige Meter weiter: ein seltener Mercedes SLR McLaren Stirling Moss und ein roter Ferrari Testarossa, der wirkt, als wäre er direkt aus „Miami Vice“ herausgefahren.
Das Interessante an diesem Abend sind allerdings nicht nur die Autos, sondern die Menschen dazwischen. Das hier hat wenig mit der klassischen Altherrenversammlung auf Oldtimertreffen oder dem typischen Parkplatz-Tuningtreffen zu tun. Junge Männer in Oversize-Hoodies und Y2K-Motorradjacken stehen neben geschniegelt auftretenden Porsche-Fahrern in Loafern und Stoffhose. Frauen mit Oversize-Blazern, Goldschmuck und Overknees fotografieren exotische Sportwagen, während wenige Meter weiter über Felgenbreiten und Motorumbauten gefachsimpelt wird. Blitzlichter zucken im Sekundentakt auf, irgendwo werden Instagram-Reels gedreht, während andere einfach mit Drinks an ihren Autos lehnen und reden. Auffällig: Es sind ungewöhnlich viele Frauen da. Fast fifty-fifty wirkt die Menge an diesem Abend.
„Sonst hast du auf Porsche-Treffen oft immer die gleichen Leute und die gleichen Autos.“
„Ich habe mich überhaupt nicht fehl am Platz gefühlt“, sagt Laura (37), die selbst mit einem beigefarbenen Käfer von 1970 samt Porsche-Motor gekommen ist. Gerade diese Mischung aus Eventcharakter und Autoszene habe Hamburg bislang gefehlt. „Das ist hier nicht dieses klassische Männerding.“ Auch Marco (18), der vor allem wegen japanischer Importfahrzeuge gekommen ist, spricht vom „krassesten Treffen“, das er bislang erlebt habe. Der Partyaspekt sei ihm eigentlich fast egal – entscheidend sei diese „Underground-Car-Stimmung“. Und selbst Jens (49), adrett im Maßanzug mit Seitenscheitel und Porsche 911, fühlt sich zwischen all den Streetwear-Outfits nicht fehl am Platz. Erst am Vortag war er noch auf der OMR unterwegs, jetzt steht er mit einem Drink neben seinem Wagen im Parkhaus. Gerade die Mischung aus Menschen und Fahrzeugen mache den Reiz aus. „Sonst hast du auf Porsche-Treffen oft immer die gleichen Leute und die gleichen Autos.“
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Perfekt funktioniert das Ganze allerdings noch nicht. Dafür ist das riesige Parkhaus stellenweise fast zu groß für die Menschenmengen. Unten wird getanzt, Häppchen werden gereicht, House dröhnt aus den Boxen, während oben Besucher minutenlang einfach zwischen den Fahrzeugen stehen und über Modifikationen diskutieren. Der angekündigte Clubcharakter verliert sich zwischendurch immer wieder in der Weitläufigkeit des Gebäudes. Gleichzeitig ist genau das vielleicht der Grund, warum sich der Abend nie komplett künstlich anfühlt. Eher wie ein erster ernsthafter Versuch, unterschiedliche Szenen zusammenzubringen: Autokultur, Nachtleben, Design, Musik und Social Media.
Mitternacht, Motorenlärm und das Gefühl, dass gleich noch etwas passiert
Kurz nach Mitternacht folgt schließlich das große Finale auf dem obersten Parkdeck. Mehr als 1000 Menschen drängen sich um die beiden Driftfahrzeuge, Smartphones leuchten durch die Dunkelheit, eine Drohne zieht ihre Kreise über der Menge. Ganz reibungslos läuft selbst das nicht: Zwischenzeitlich muss erst der Besitzer eines gelben Porsche 911 gefunden werden, weil er versehentlich einen der Driftwagen zugeparkt hat. Veranstalter Pourkian löst die Spannung spielerisch auf: „Ich sag gelber – ihr sagt 911er!“ Die Menge macht mit, wenige Minuten später ist der Fahrer gefunden.
Eigentlich soll die Veranstaltung noch bis zwei Uhr nachts gehen. Doch nach der „Tokyo Drift“-Show leert sich das Parkhaus überraschend schnell. Besucher steigen wieder in ihre Fahrzeuge, Motoren starten, Kolonnen bewegen sich langsam Richtung Ausgang. Und plötzlich bekommt der Abend noch einmal genau diesen leicht verruchten Underground-Vibe, als würde sich die Szene jetzt gemeinsam zum nächsten geheimen Spot aufmachen.
Zwischen „Tokyo Drift“ und deutscher Bürokratie endet die Nacht im Drehzahlbegrenzer
Angestachelt von der Driftshow beginnen immer mehr Fahrer beim Herausrollen ihre Motoren hochzujagen. Nachdem laut Veranstalter einige Gäste spontan selbst mit ihren Privatfahrzeugen auf dem Dach Szenen aus „Tokyo Drift“ nachstellen wollen, tauchen plötzlich „sechs nette Beamte“ auf und sprechen eine Verwarnung aus. Ab diesem Moment steht Pourkian fast wie ein Ordnungsbeamter am Ausgang und ermahnt Fahrer nachdrücklich, ihre Motoren nicht unnötig in den Drehzahlbegrenzer zu jagen. Statt „Fast & Furious“ heißt es in der regulierten deutschen Realität plötzlich doch wieder ein bisschen „Law & Order“. Ganz verhindern lässt sich der Vibe aber trotzdem nicht. Denn kaum springt draußen an der nächsten Kreuzung die Ampel auf Grün, hallt das Jaulen der Motoren weiter durch die Hamburger Nacht.