Hamburg

Psychotherapeuten auf Zinne: „Hier wird an falscher Stelle gespart“

„Die Kürzungen sind eine Katastrophe“: Psychotherapeut Andy Sharifatpour (32) in seiner Praxis in Eidelstedt.
„Die Kürzungen sind eine Katastrophe“: Psychotherapeut Andy Sharifatpour (32) in seiner Praxis in Eidelstedt.

Hamburgs Psychotherapeuten gehen auf die Straße. Der Eidelstedter Therapeut Andy Sharifatpour erklärt, warum.


Im April mussten sie bereits eine Honorarkürzung von 4,5 Prozent hinnehmen. Jetzt trifft die Psychotherapeuten in Deutschland der nächste Schlag: Die Krankenkassen planen eine Budgetierung psychotherapeutischer Leistungen. Heißt: Es gibt ein festes Limit pro Quartal – und noch weniger Geld für die Therapeuten. An diesem Samstag gehen Hamburgs Psychotherapeuten gegen die Pläne auf die Straße. Einer von ihnen erklärt, warum.

Herr Sharifatpour, was bedeuten die Pläne der Gesundheitsministerin für die Psychotherapeuten und ihre Patienten?

Andy Sharifatpour: Die Pläne bedeuten definitiv eine Verschlechterung der psychotherapeutischen Versorgungslage in Deutschland. Und das bei einem gleichzeitigen Anstieg der psychischen Belastungen. Das ist nicht nur rein menschlich eine Katastrophe. Es ist auch wirtschaftlich extrem kurz gedacht.

Wie spüren Sie die Zunahme der Belastungen in Ihrer Praxis?

Die Anfragen nehmen zu, die Wartelisten werden länger. Das liegt auch daran, dass die Hemmschwelle, sich in Therapie zu begeben, gesunken ist. Früher haben gerade Männer ihre Probleme mit Alkohol betäubt. Heute kommen sie rechtzeitig, um sich Hilfe zu holen. Und das ist gut so. Dennoch sind die meisten Klienten noch immer Frauen. Bei mir stehen 20 bis 30 Leute auf der Warteliste. Das bedeutet, die Menschen bekommen erst in 24 Monaten einen Platz. Bei den Kollegen ist die Situation nicht anders. Das kann – je nach Krankheitsbild – ziemlich dramatisch werden.

Was haben die Menschen, die zu Ihnen kommen?

Ich decke das ganze Spektrum ab. Das reicht von schweren Depressionen, Panikattacken, posttraumatischen Belastungsstörungen bis zu Traumatisierungen.

Was passiert, wenn diese Menschen keinen Therapieplatz finden?

Die Gefahr ist immer, dass die Betroffenen aus dem Sozialsystem herausfallen. Je länger eine Depression unbehandelt bleibt, desto eher kann sie chronisch werden und die Menschen finden nicht mehr heraus. Sie können nicht mehr arbeiten, sie können nicht mehr das Haus verlassen, sie können nicht mehr einkaufen, Bus fahren oder mit ihrer Familie sprechen. Die Kosten, die dadurch entstehen, sind viel höher als die Kosten für eine Psychotherapie.

Das müssen Sie erklären.

Wenn die Menschen krank sind, beziehen sie Krankengeld. Wenn sie längerfristig nicht mehr arbeiten können, bekommen sie Bürgergeld. Und ein Klinikaufenthalt übersteigt die Kosten für eine Psychotherapie, die genau das verhindert hätte, um ein Vielfaches. Wir Psychotherapeuten helfen den Menschen, dabei, ihre soziale Teilhabe zu behalten. Genau deshalb sind die Sparmaßnahmen der Gesundheitsministerin absolut kontraproduktiv.

Sie sagen, Sie haben jetzt schon lange Wartelisten. Inwieweit wird die Situation jetzt verschlimmert?

Durch die Honorarkürzung im April verdiene ich aufs Jahr gerechnet jetzt schon 6000 Euro weniger. Um das auszugleichen, musste ich mir ein zweites Standbein aufbauen. Ab Juli biete ich ADHS-Diagnostik für Selbstzahler an. Ich mache mehr Social-Media-Arbeit und plane eine Praxis für Privatpatienten. Das muss sein, schließlich habe ich meine Praxis erst vor einem Jahr eröffnet und die Kosten für den halben Kassensitz (50.000 Euro) und die Einrichtung (30.000 Euro) mit der Bank unter der Annahme der bestehenden Einkünfte berechnet.

Und was wäre die Folge der jetzt außerdem noch vorgesehenen Budgetierung pro Quartal?

Bei den Berechnungen wird mit Fantasiezahlen Realpolitik gemacht. Ich habe einen halben Kassensitz, so wie 70 Prozent aller Therapeuten. Damit können wir pro Woche 30 Patienten behandeln. Kommt die Budgetierung, können wir nur noch 18 Patienten pro Woche behandeln, alles darüber wäre unvergütete Arbeit. Auf diese Weise würden ein Viertel aller Therapieplätze in Deutschland auf einen Schlag wegfallen. Psychische Erkrankungen halten sich nicht an Budgets. Therapie darf kein gedeckeltes Gut sein. Für mich persönlich wäre diese weitere Reduzierung nicht mehr tragbar. Ich könnte mir meine Praxis und selbst meine Wohnung nicht mehr leisten.

Befürchten Sie, dass die Maßnahmen auch Auswirkungen auf den Nachwuchs haben werden?

Ja. Auf jeden Fall. Berufsanfängerinnen wird der Einstieg erschwert. Viele kommen aus einer Ausbildung, die sie finanziell stark belastet hat, oft mit hohen Krediten. Und jetzt wird genau dieser Bereich weiter abgewertet. Zumal es schon für die Studentinnen gerade sehr schwierig ist, einen Pflichtpraktikumsplatz zu finden. Ich kann solche Plätze aufgrund der Kürzungen ab Oktober nicht mehr anbieten. Die Gehälter von Psychotherapeuten liegen ohnehin schon unter dem Niveau aller anderen Facharztgruppen. Vermutlich, weil in diesem Beruf vornehmlich Frauen arbeiten. Aus meiner Sicht handelt es sich bei den Maßnahmen um Frauendiskriminierung. Da sollten alle Alarmglocken schrillen.

Die Demo „Psychotherapie retten“ startet am 13. Juni um 17 Uhr in der Großen Bergstraße/Ecke Max-Brauer-Allee. Außerdem haben die Psychotherapeuten eine Bundestagspetition unter dem Titel „Sicherstellung der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung durch angemessene Vergütung“ gestartet, mit der sie die Kürzungen stoppen wollen.

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