Zeuge schildert Messer-Attacke: Timo S. stand am Gleis, als die Kapuzen-Frau zustach

Einsatzkräfte am Hamburger Hauptbahnhof. Bei einem Messerangriff wurden mindestens 17 Menschen verletzt.
Einsatzkräfte am Hamburger Hauptbahnhof. Bei einem Messerangriff am 23. Mai wurden 18 Menschen verletzt.

Im dichten Gedränge des normalen Hauptbahnhof-Trubels hat am Freitagabend eine Frau wahllos auf Reisende eingestochen und insgesamt 18 verletzt, teils lebensgefährlich. Die 39-Jährige wurde festgenommen und wird höchstwahrscheinlich in eine Psychiatrie kommen. Timo S. (23) hat die Attacke hautnah miterlebt. In der MOPO schildert er die schrecklichen Momente auf Gleis 13 und 14. Und er erklärt, warum er nie wieder sauer sein wird, wenn der Bus zu spät kommt.

Der 23-Jährige war in Hamburg, um eine Freundin zu besuchen. Die vergangenen Tage verbrachten beide bei „mal besserem, mal schlechterem Wetter“ in der Hansestadt. Zum Wochenende werde er wieder in der Heimat erwartet, er studiere in Frankfurt und wolle später mal Lehrer werden.

„Dann wurden die Schreie immer lauter“

Seinen Angaben zufolge hatte er ein Ticket für den ICE 885, der um 18.01 Uhr nach Fulda abfahren sollte. „Auf dem Weg zum Hauptbahnhof habe ich einen Bus verpasst, kam viel später an, als ich eigentlich wollte. Sowas nervt mich sonst immer schon sehr“, erzählt er. Er sei durch den Bahnhof gelaufen und die Treppen zum Gleis hinunter. „Es war voll, einen Platz vorne habe ich gar nicht mehr bekommen.“ Sonst stehe er immer in der ersten Reihe.

Erst habe er es nicht wahrgenommen, weil Getümmel und ein lauter Pegel normal an solch großen Bahnhöfen seien. Doch dann seien Schreie immer lauter geworden. „Sie kamen von hinten. Ich schaute mich um. Dann sah ich, weiter vor mir, eine Person laufen, die sich durch die Menschenmassen drückte und lief. Dabei stach sie einfach auf Menschen ein, die nah an der Bahnsteigkante standen. Es war total surreal, nicht einmal die, die sie angegriffen hatte, wussten, was da gerade passiert.“

Zwei bis drei Männer seien ihr hinterhergelaufen, sagt Timo S., der unerkannt bleiben will, „weil man ja heutzutage nicht mehr weiß, wer einem was Böses will“. Die Passanten hätten die Frau gestellt und ihr das Messer abgenommen. Unmittelbar danach seien erste Bundespolizisten dazugekommen. „Das ging alles so schnell: die Tat und die Festnahme. Großen Dank an die Passanten und Sicherheitsleute, die da wirklich unheimlich schnell reagiert haben.“

„Gefühl ist total schräg“

Fotos oder Videos habe er keine gemacht. Wie das andere schaffen, könne er sich gar nicht vorstellen. „Wie gesagt, das ging alles so verdammt schnell. Ich wäre da niemals drauf gekommen, mein Handy rauszuholen.“ Einen solchen Moment könne man sich nicht vorstellen. „Das Gefühl ist total schräg. Ich möchte das nicht noch einmal erleben.“

Das könnte Sie auch interessieren: Prügel-Nacht in Hamburger Nobel-Hotel: Gerichts-Showdown um Reality-Star Marc Terenzi

Die Täterin wird von einer sogenannten Quattro-Streife festgenommen, ein Bund aus Landes- und Bundespolizisten sowie Wachleuten von Bahn und Hochbahn. Die 39-Jährige – dunkel gekleidet, die Kapuze über ihren Kopf gestülpt, „Adidas“-Jogginghose und Turnschuhe – wird von zwei Beamten in Handschellen abgeführt. Die Polizei geht davon aus, dass die Frau die Tat höchstwahrscheinlich in einem psychischen Ausnahmezustand begangen hat. Sie soll am Samstag in eine psychiatrische Einrichtung gebracht werden.

Wie sich Timo S. nach der Attacke fühlt? „Ich bin einfach nur dankbar, dass es mich nicht getroffen hat und dass die Verletzten alle überlebt haben.“ Ob er nun öffentliche Verkehrsmittel meiden werde? S.: „Nein, das wäre Quatsch. Es ist leider überall möglich, dass sowas passiert. Angst sollte man nicht haben. Ich werde mich nur nicht mehr ärgern, wenn ich mal wieder einen Bus verpasse. Wer weiß, was sonst hier in Hamburg mit mir passiert wäre.“