Wieder Krawalle zu Silvester? Das will Hamburgs Polizeichef dagegen unternehmen

In der Silvesternacht kam es in Hamburg zu Krawallen, hier ein Polizeieinsatz in Harburg.
In der Silvesternacht kam es in Hamburg zu Krawallen, hier ein Polizeieinsatz in Harburg (Archivbild).

Es war sein zweiter Arbeitstag als neuer Polizeipräsident in Hamburg, da sorgte die Geiselnahme am Airport für weltweites Aufsehen. Weitere Großeinsätze folgten innerhalb kürzester Zeit. Für Falk Schnabel (54) waren das sehr aufreibende erste Wochen. Trotzdem verfolgt der studierte Jurist klare Ziele: In der MOPO erklärt er, wie sich die Polizei auf Silvester-Krawalle vorbereitet, warum er für konsequentere Strafen, aber gegen eine Cannabis-Freigabe ist, wieso er überhaupt nach Hamburg gekommen ist und was die Polizei hier besonders macht.

Kurz nach ihrem Amtsantritt hat es mehrere Großlagen in Hamburg gegeben. Eine echte Feuerprobe. Wie haben Sie Ihre ersten Wochen erlebt?

Falk Schnabel: Es war schon ein besonderer Einstieg für mich, den ich so nicht erwartet hatte. Ich glaube, es war erst der zweite Arbeitstag hier, als es die Geiselnahme am Flughafen gab. Das musste ich erstmal einordnen. Zum Glück ist das aber auch in Hamburg nicht der Normalfall.

Hamburgs neuer Polizeipräsident Falk Schnabel (54) in seinem Büro im Alsterdorfer Präsidium.
Hamburgs neuer Polizeipräsident Falk Schnabel (54) in seinem Büro im Alsterdorfer Präsidium.

Sie waren bereits in Köln und Münster Polizeipräsident. Wie bewerten Sie den hanseatischen Aspekt? Wo gibt es vielleicht Unterschiede?

Hamburg hat als zweitgrößte Stadt Deutschlands größere Herausforderungen als Münster und Köln, was die Quantität angeht, aber die Probleme sind oft vergleichbar. Nehmen wir die Situation hier am Hauptbahnhof. In Hamburg sind die Dimensionen nur andere. Ein großer Unterschied ist aber unser Hafen. Das ist für mich was ganz Neues und sehr spannend, insbesondere die Arbeit der Wasserschutzpolizei kennenzulernen, die besondere und einzigartige Aufgaben wahrnimmt.

Hamburgs Polizeichef Falk Schnabel im MOPO-Interview

Sie arbeiten sich derzeit in viele Bereiche ein. Gibt es etwas, das ganz oben auf ihrer Liste steht?

Was in den letzten Wochen sicherlich zu kurz gekommen ist, was aber auf der Agenda für den Jahresbeginn steht, sind größere Einsätze begleiten und auch mal im Streifenwagen mitfahren. Vor allem, damit ich weiß, wie es den Kolleginnen und Kollegen auf der Straße und im Hafen geht. Ich möchte mir einen Einblick in alle Organisationseinheiten verschaffen.

Sie sind Jurist – wieso der Wechsel?

Ich bin Staatsanwalt gewesen und habe diese Aufgabe sehr gerne gemacht. Die Möglichkeit, auch gestaltend tätig zu werden, Verantwortung zu übernehmen für den gesamten Bereich der Sicherheit, für die Bürger da zu sein, das ist nur bei der Polizei möglich.

Hamburger Polizeipräsident über Krawalle zu Silvester

Hatten Sie Zweifel?

Das war für mich keine einfache Entscheidung. Ich habe lange darüber nachgedacht und mich gefragt, ob ich dem Anspruch, gerade dem der Schutzpolizei, mit der ich keine Berührungspunkte hatte, überhaupt gerecht werde. Rückblickend muss ich sagen, dass es die beste berufliche Entscheidung meines Lebens war.

Sehen Sie Unterschiede zu sich und Ihrem Vorgänger, der Polizist war?

Viele Entscheidungen, die ich treffen muss, sind das Ergebnis einer Abstimmung im Team, das mich eng berät. Es kommt oft bei diesen Entscheidungen gar nicht mehr darauf an, ob man eine Ausbildung als Polizist genossen hat. Es geht um Haushaltsfragen, um strategische Ausrichtungen und um das Setzen von Schwerpunkten. Ich habe als Jurist zwar kein polizeiliches Sonderwissen, nur dank meiner vorherigen Tätigkeiten durchaus Erfahrung in der Leitung von Behörden. Das ist vielleicht sogar ein Vorteil, denke ich.

Haben Sie sich schon einmal als Nicht-Polizist bei der Polizei nicht akzeptiert gefühlt?

Wenn es so sein sollte, hat man mich das niemals spüren lassen. Das ist einer der prägendsten Eindrücke, die ich nach meinem Wechsel zur Polizei mitgenommen habe, in Hamburg ganz besonders: Und zwar, dass man mich sehr herzlich und freundlich aufgenommen hat und alle sehr bemüht sind, mich zu unterstützen. Da spiegelt sich auch der Teamgeist, der sich durch alle Polizeien zieht, dass man gemeinsam auch einen fachfremden Chef einbindet. Das rechne ich allen hoch an.

Drogen-Kriminalität in Hamburg: So schätzt der Polizeichef die Lage ein

Es findet ein Generationswechsel bei der Polizei statt, die Polizisten auf der Straße werden immer jünger. Kann das zum Problem werden?

Ich glaube, unsere Nachwuchskräfte treffen auf genügend erfahrene Kolleginnen und Kollegen, die sie mit viel Enthusiasmus einarbeiten. Ich mache mir keine Sorgen, dass der Wissenstransfer irgendwo abreißt. Außerdem haben es unsere Kräfte oftmals mit jungen Menschen zu tun. Da mag das sogar von Vorteil sein.

Hamburg gilt als Umschlagplatz für Drogen, vor allem der Kokainhandel boomt. Drohen uns Zustände wie in Belgien und den Niederlanden?

Ich denke, davon sind wir noch weit entfernt, aber wir müssen wachsam sein. Die Aufgriffe von über 40 jungen Männern, die versucht haben, im Sommer ins Hafengebiet einzudringen, waren ein Zeichen dafür, dass auch über unseren Hafen Drogen ins Land kommen. Wir wollen vorbeugen, dass sich Strukturen der Organisierten Kriminalität bei uns festsetzen

Wie gehen Sie dagegen vor?

Unter der Federführung des LKA und zusammen mit den Bundesbehörden wollen wir in einem deutschlandweit einmaligen Hafensicherheitszentrum noch schlagkräftiger gegen den Drogeneinfuhrschmuggel vorgehen.

Zu Silvester und Halloween kommt es mittlerweile regelmäßig zu Krawallen, wie beispielsweise in Harburg. Was kann die Polizei dagegen tun?

Wir werden uns zu Silvester so aufstellen, dass es bestenfalls erst gar nicht zu Krawallen kommt, keine Verletzten gibt, insbesondere Einsatz- und Rettungskräfte nicht angegriffen werden oder Leute zu Schaden kommen, weil Böller auf Menschen geworfen werden oder ähnliches. Dazu werden wir mit starken Kräften im gesamten Stadtgebiet unterwegs sein. Zudem gibt es ein Böllerverbot rund um die Binnenalster und am Rathausmarkt.

Hamburger Polizeichef Schnabel gegen Cannabis-Legalisierung

Wer randaliert da?

Unsere Erkenntnisse haben gezeigt, dass es nicht organisierte, sondern spontane Strukturen sind. Dass sich junge Menschen teils zu Hunderten irgendwo in Hamburg zusammenfinden und dann eine gewisse Gruppendynamik entsteht, die sich dann auch in Gewalt gegen Einsatzkräfte entlädt. In meinen Augen ist das ein Symptom für eine Entwicklung bei bestimmten jungen Menschen. Die Gründe für die Gewalt herauszufinden und denen entgegenzuwirken, wird eine Aufgabe sein, die weit über Halloween und Silvester hinausgeht.

Beunruhigt Sie die hohe Gewaltbereitschaft gegen die Einsatzkräfte?

Wenn gezielt die Auseinandersetzung mit uns gesucht wird, ist das etwas, was nicht hinnehmbar ist und wo von Anfang an klar sein muss, dass die Polizei hier konsequent einschreitet. Wir sind für die Sicherheit aller da und weder Feind noch Gegner der überwiegend jungen Menschen, die den Konflikt suchen. Wenn Angriffe auf Einsatzkräfte geschehen, ist eine schnellstmögliche und nachhaltige Reaktion notwendig. Das bedeutet für mich auch, dass die entsprechenden Strafanzeigen von der Justiz konsequent geahndet werden.

Sie stehen der Cannabis-Freigabe kritisch gegenüber – warum?

Auf der einen Seite sehe ich die gesundheitlichen Gefahren, insbesondere für junge Menschen. Aus Sicht der Polizei glaube ich, dass die Pläne erstmal nicht zur erwarteten Entlastung bei der Polizei führen, sondern durchaus zu einer größeren Belastung.

Warum ist das so?

Cannabis ist ja nicht pauschal und für alle freigegeben, sondern nur unter bestimmten Voraussetzungen. Man muss sich nun vorstellen, wie unsere Kollegen auf der Straße damit umgehen sollen, wenn sie jemanden mit Cannabis antreffen. Das ist eine Frage, die vielleicht noch nicht hinreichend beleuchtet wurde. Man kann nicht ohne weiteres sagen, das wird schon in Ordnung sein, sondern wir müssen auch in diesen Fällen weiterhin kontrollieren und womöglich ein Verfahren einleiten, um zu überprüfen: Ist das Cannabis denn erlaubtes Cannabis? Wurde es aus legalen Quellen bezogen? Liegt das richtige Alter vor? Und war der Ort des Konsums zulässig? All das muss ermittelt werden. Ich denke, es wäre daher verkehrt, wenn man den Menschen suggerieren würde, mit der Freigabe von Cannabis ist plötzlich alles erlaubt und niemand gerät mehr in ein Ermittlungsverfahren. Das ist definitiv nicht so.

Gibt es etwas, was besonders für die Hamburger Polizei steht und was Sie anderswo so nicht erlebt haben?

Das habe ich nicht nur bei der Geiselnahme, sondern auch bei Fußballspielen gemerkt, das erlebe ich auch, wenn ich das Alltagsgeschäft betrachte. Die Hamburger Polizei ist außerordentlich einsatzerfahren und reaktionsschnell. Dass vor allem bei herausragenden Lagen alles gut funktioniert, Wege eingespielt sind und man auch bei einer neuen, womöglich kritischen Situation professionell und besonnen reagiert. Das ist auch der Kern des bundesweiten guten Rufes der Hamburger Polizei, der mir schon in NRW bekannt geworden ist.

Haben Sie Hamburg schon privat kennenlernen können?

Ich kenne Hamburg aus mehreren privaten Reisen. Um die Jahrtausendwende rum war ich als Referendar hier, als Pendler an der Uni und bei einem Hamburger Strafrechtler. In den vergangenen Wochenenden habe ich mir mal die Stadt und Weihnachtsmärkte angeschaut. Touristische Highlights kannte ich schon. In Barmbek, wo ich wohne, bin ich durchs Viertel gegangen, habe mich mit alten Bekannten getroffen und muss sagen: Es gibt richtig tolle Ecken.

Wie würden Sie ihren Führungsstil beschreiben?

Ich würde mich freuen, wenn ich als Teamplayer wahrgenommen werden würde und mich die Kolleginnen und Kollegen als zugewandt und empathisch erleben würden. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich selbst am besten funktioniere, wenn meine Vorgesetzten zuhören und motivieren konnten anstatt streng und distanziert zu sein. So möchte ich es auch gerne hier halten. Das ändert nichts daran, dass zum Schluss eine Entscheidung getroffen werden muss. Aber ich will vorher alle angehört und das Für und Wider abgewogen haben. Dazu gehört auch, den Rat und die Unterstützung der Kolleginnen und Kollegen einzuholen, die oftmals über mehr Erfahrung verfügen als ich.

Wollen Sie als Kind schon mal zur Polizei?

Nein, komischerweise gar nicht. Nach meinem Referendariat hatte mich mal eine Stelle beim LKA Berlin interessiert, für die ich aber letztlich die Altersgrenze riss. Dann bin ich zur Staatsanwaltschaft gegangen.

Und jetzt sind Sie doch bei der Polizei.

Ende gut, alles gut.

Zur Person:

Falk Schnabel ist am 30. April 1969 in Tübingen geboren. Nach dem Abitur absolvierte er eine Banklehre, damals habe er noch gar nicht ans Studieren gedacht, sagt er. Dann kam Ende der 80er „Wall Street“ in die Kinos; Michael Douglas als Börsengigant Gordon Gecko hätten damals alle toll gefunden, daher die Lehre. Sein damaliger bester Freund rät ihm später, Jura zu studieren. Tat er. Danach Engagements im Justiz- und Gesundheitsministerium, 2016 wird er leitender Oberstaatsanwalt in Hamm, danach in Düsseldorf. 2020 Polizeipräsident in Münster, dann in Köln.

Schnabel ist verheiratet und hat zwei Kinder. Auf seinem Schreibtisch im Präsidium in Alsterdorf hat er ein Batman-Signal. Dies habe er bei seiner ersten Polizei-Station bekommen. „Seitdem nehme ich es immer mit. Aber selbst bei der Geiselnahme am Hamburger Flughafen war es nicht nötig, Batman zu rufen (lacht).“

Es war sein zweiter Arbeitstag als neuer Polizeipräsident in Hamburg, da sorgte die Geiselnahme am Airport für weltweites Aufsehen. Weitere Großeinsätze folgten innerhalb kürzester Zeit. Für Falk Schnabel (54) waren das sehr aufreibende erste Wochen. Trotzdem verfolgt der studierte Jurist klare Ziele: In der MOPO erklärt er, wie sich die Polizei auf Silvester-Krawalle vorbereitet, warum er für konsequentere Strafen, aber gegen eine Cannabis-Freigabe ist, wieso er überhaupt nach Hamburg gekommen ist und was die Polizei hier besonders macht.