Wie im Film: Hamburgs Super-Polizist hat „Tausende Gesichter im Kopf“

Super-Recogniser am Hauptbahnhof
Den ganzen Hauptbahnhof im Blick: Als Super-Recogniser kann der Fahnder auch aus Entfernung und trotz veränderter Merkmale gesuchte Gesichter erkennen.

Er hat den Hauptbahnhof gerade erst betreten, beginnt automatisch die Gesichter zu scannen – da kommt ihm schon der erste Bekannte entgegen. „Den in der roten Hose kenne ich“, sagt Stefan Kröger (Name geändert). „Den haben wir schon mal festgenommen.“ Kröger ist Zivilfahnder der Bundespolizei und gehört zu den ein bis zwei Prozent der sogenannten Super-Recognizer. Er hat Tausende Gesichter im Kopf gespeichert und kann Verdächtige so in Sekundenschnelle wiedererkennen – auch Jahre später.

MOPO: Fast jeder kennt den unangenehmen Moment: Jemand spricht einen an, man hat keine Ahnung, wer vor einem steht. Passiert Ihnen so was nie?

Stefan Kröger: Mir passiert das auch, aber anders. Ich weiß zwar, dass ich das Gesicht kenne, aber manchmal nicht direkt woher. Ist das jetzt wirklich ein gesuchter Verdächtiger oder einfach ein alter Bekannter? Dann rattere ich die Bilder im Kopf durch, bis es klar ist. Manchmal geht das ganz schnell, manchmal dauert es.

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Sie sind also eher derjenige auf der anderen Seite, der vom Gegenüber nicht erkannt wird?

Genau, aber auch das muss man lernen. Einmal war ich im Urlaub auf den Kanaren und habe eine ehemalige Klassenkameradin wiedererkannt – nach etwa 18 Jahren. Das ist dieser Moment, in dem ich sehr sicher bin: Ich kenne dich. Aber du erkennst mich vermutlich nicht mehr. Da muss man aufpassen, sonst wirkt man wie ein Fremder, der einfach Leute anstarrt oder anspricht.

Kröger ist sein 2024 zertifizierter Super-Recogniser

Wie ist Ihnen aufgefallen, dass Sie dieses besondere Talent haben?

Rückblickend gab es früher sicher Situationen, in denen ich es hätte merken können. Aber richtig aufgefallen ist es mir erst bei der Arbeit als Zivilfahnder der Bundespolizei. Irgendwann fiel auf, dass ich im Alltag mehr Verdächtige erkannt habe als meine Kollegen. Dann sagte ein Kollege: Mach mal einen offiziellen Test. Das habe ich gemacht und bin seit 2024 zertifizierter Super-Recogniser.

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Sie waren quasi der Fahndungsstreber in Ihrer Einheit?

Streber? Ach, ich weiß nicht. Für mich ist das keine besondere Kraftanstrengung, ich habe das auch nie besonders trainiert. In der Corona-Zeit mit den Masken habe ich gemerkt, dass mich das – anders als viele – kaum gestört hat. Ich war trotzdem sehr sicher bei der Wiedererkennung gesuchter Personen, auch mit Maske, Schal oder Kapuze. Ich gehe raus, schaue mir die Leute an, dann macht es Klick.

Der Super-Recogniser hat tausende Gesichter abgespeichert

Wie muss man sich diesen Prozess im Kopf vorstellen?

Meistens gibt es diesen direkten Impuls: Ich habe das Bild des Gesichts vor meinem inneren Auge, oft auch den Sachverhalt dazu, und kann es zeitlich einordnen. Manchmal ist es schwieriger. Dann gehe ich im Kopf die „Ordner“ durch wie im Superschnelldurchlauf, halte irgendwo an: Das könnte er sein. Dann ziehe ich das mentale Bild hervor und gleiche ab. Wenn es nicht passt, gehe ich zum nächsten Ordner. Oft habe ich von Anfang an ein Gefühl, woher ich das Gesicht kenne.

Wie viele Gesichter haben Sie im Kopf?

Ich bin seit mehr als vier Jahren Zivilfahnder, da haben sich Tausende Gesichter abgespeichert. Gesuchte Verdächtige, aber auch Personen, die wir schon mal festgenommen haben.

Können Sie sich jedes Gesicht gleich gut merken?

Nein. Manche Gesichter prägen sich extrem leicht ein und sind immer abrufbar, auch Jahre später. Bei anderen habe ich einen blinden Fleck, die erkenne ich in der Masse schwer. Die müssen dann schon sehr nah vorbeilaufen. Ich kann aber nicht festmachen, woran das liegt.

Zwei Jahre nach dem Raub erkennt er den Verdächtigen wieder

Gibt es einen bestimmten Fall, der ohne Sie nicht gelöst worden wäre?

Ich erinnere mich an ein Raubdelikt an einem Hamburger Bahnhof. Ich hatte die Überwachungskameras selbst ausgewertet, aber es gab keine Spur zum Verdächtigen – zwei Jahre lang. Dann habe ich ihn hier in St. Georg wiedererkannt und war mir sofort sicher. Ich hatte die Bilder direkt wieder im Kopf, wusste Monat, Jahr, Tatort, Details.

Und dann? Was passiert, nachdem Sie jemanden wieder erkennen?

Ich gebe das an meine Kollegen weiter. Die recherchieren im Hintergrund. Den Fall haben sie schnell gefunden, das Bild abgeglichen – und ich konnte den Mann festnehmen. Für mich ist der Fall dann abgeschlossen, und ich kann das Gesicht im Kopf von „unbekannt“ zu „bekannt“ ablegen. Es ist auch für mich spannend zu sehen, dass ich die Bilder nach so langer Zeit noch abrufen kann.

Also gibt es schon ein großes Vertrauen in die Super-Recogniser?

Ja. Bislang mussten wir aber noch nie jemanden wieder laufen lassen, weil die festgenommene Person doch nicht die gesuchte war. Am Ende konnten wir immer beides zusammenführen.

Fahnder haben „speziellen Blick“ für ihre Umgebung

Es passieren nie Fehler?

Ganz genau weiß ich das gar nicht, weil ich keine Rückmeldung aus dem Gericht bekomme, wer am Ende tatsächlich verurteilt wird. Ich erkenne Personen anhand eines Bildes wieder. Wenn ich mir unsicher bin, halte ich sie gar nicht erst an. Ob die Person tatsächlich schuldig ist, müssen andere klären. Hundertprozentige Sicherheit kann es nur geben, wenn ich die Person live bei der Tat erwische.

Wenn Sie an einem normalen Arbeitstag durch den Bahnhof laufen und nach Verdächtigen Ausschau halten. Wie gehen Sie vor? Gibt es eine bestimmte Strategie?

Als Fahnder hat man immer einen speziellen Blick für die Umgebung und die Personen. Wenn ich draußen unterwegs bin, versuche ich, möglichst viele Gesichter zu scannen und gedanklich einzuteilen: nicht gesucht, nicht gesucht … Ich schaue besonders aufs Gesicht, aber auch aufs Gesamtbild: Körpergröße, Bewegungsmuster.

So können Sie dann auch aus großer Distanz Leute wieder erkennen?

Genau. Wenn jemand direkt an mir vorbeiläuft, ist das natürlich optimal. Auf 150 Meter ist es schwer, Details zu erkennen – da geht es dann eher ums Gesamtbild, nicht ums Gesicht. Wenn ich aus der Distanz das Gefühl habe, ich müsste die Person kennen, versuche ich, mich unauffällig anzunähern, um das genauer zu prüfen.

Auf Dauer ist das Talent auch eine Belastung

Ist es nicht total anstrengend, täglich so viele Gesichter zu scannen?

Ja, auf Dauer ist das schon eine Belastung, besonders in einer Großstadt wie Hamburg. Nach ein paar Stunden brauche ich eine kurze Ruhephase: Kaffee, Pause. Einmal das Gehirn resetten – dann geht’s weiter.

Kann man da nach Feierabend überhaupt mal richtig abschalten? Oder sagen Freunde manchmal: „Den nehmen wir heute nicht mit, da wird am Ende immer jemand festgenommen?“

Nein, so schlimm ist es nicht. Ich habe gelernt, diesen Scannerblick in bestimmten Situationen auszuschalten, etwa wenn ich mit Freunden oder Familie unterwegs bin. Aber klar: Es ist auch schon passiert, dass ich außerhalb der Arbeitszeit eine gesuchte Person erkannt habe. Wie man dann damit umgeht, entscheidet sich jeweils situativ und hängt von verschiedenen Umständen ab.

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Gesichter sind kein Problem – aber Namen

Gibt es denn andere Situationen, in denen Ihr Talent eher lästig ist?

Manchmal, ja. Ich habe mal eine Krimiserie geschaut, „Dept. Q“. Da wurde der Täter von Beginn an gezeigt, aber nur ganz schemenhaft oder einzelne Details. Niemand konnte ihn erkennen – außer mir. Ich wusste schon ganz am Anfang: Das ist der Täter. Das war’s dann mit dem Spannungsbogen.

Gilt das eigentlich nur für Gesichter oder haben Sie insgesamt ein Supergedächtnis?

Ganz im Gegenteil: In manchen Bereichen habe ich ein richtiges Defizit. Namen kann ich mir zum Beispiel superschlecht merken, besonders in größeren Gruppen. Wenn sich der Dritte vorstellt, habe ich den ersten schon wieder vergessen. Vielleicht weil mein Gehirn schon voll damit ausgelastet ist, sich die Gesichter zu merken. Die speichere ich jahrelang – die Namen sind sofort vergessen.