Teenie-Gewalt in Hamburg: Jugendschutz-Polizist sieht Entwicklung mit Sorge

Jugendgewalt in Hamburg: Eine Schlägerei am Ballindamm vor der Europa-Passage hat am Abend des 10. April 2023 einen Großeinsatz von Polizei und Rettungsdienst ausgelöst.
Jugendgewalt in Hamburg: Eine Schlägerei am Ballindamm vor der Europa-Passage hat am Abend des 10. April 2023 einen Großeinsatz von Polizei und Rettungsdienst ausgelöst.

Er hat als Polizist so ziemlich alles erlebt: Er war Gründungsmitglied einer Spezialeinheit, verdeckter Ermittler im Rotlicht-Milieu. Doch was Jens „Rocky“ Mollenhauer (59) wirklich bewegte und wofür ihn seit Jahrzehnten alle kennen, ist sein Engagement im Jugendschutz. Er geht nun in Pension, blickt aber mit Sorge auf die Entwicklung der Gewalt unter Jugendlichen. Auch Politiker, Gewerkschaften und Polizisten fordern einen adäquaten Ersatz, „weil sonst die Dinge aus dem Ruder laufen könnten“.

Begleitete man „Rocky“, erlebte man, wie bekannt er auf der Straße und in der Szene war: Viele Jugendliche erkannten Mollenhauer schon von Weitem, grüßten ihn oder nickten nur, auch wenn er in Zivilkleidung unterwegs war. Er habe unermüdlich dafür gekämpft, dass auffällig oder gar straffällig gewordene Teenager nicht noch weiter auf die schiefe Bahn geraten, erzählen alte Wegbegleiter. „Er hat für die Jugendlichen gekämpft und an das Gute in ihnen glaubt.“

Jens Mollenhauers Karriere fing schmerzhaft an

Und dabei fingen die ersten Erfahrungen mit Jugendbanden schmerzhaft an: Während der Ausbildung, die er mit 20 Jahren begann, wurde er 1983 bei einem Privatbesuch auf dem Dom von sogenannten Streetboys übelst verprügelt und schwer verletzt. Diese Erfahrung hat ihn letztlich aber nur bestärkt, sich dem Thema Jugendgewalt und Prävention zu widmen.

Jugendschützer der Polizei geht nach 40 Dienstjahren in Pension - mit Sorgen
Polizeipräsident Ralf Martin Meyer (l.) verabschiedet Jens Mollenhauer in den Ruhestand.

Zuvor war er nach seiner Ausbildung noch Gründungsmitglied der damals noch neuen Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) und als verdeckter Ermittler im Rotlicht-Milieu unterwegs, wo er als Zuhälter getarnt in die Geschäfte der Gauner eingriff. Ein Foto eines falschen Passes zeigt Mollenhauer mit typischer 80er-Jahre-Mähne.

Doch es war der Jugendschutz, der ihn antrieb und der ihn am meisten erfüllte, wie er sagt. Zunächst engagierte er sich noch ehrenamtlich, wurde dann aber schnell Leiter Jugendschutz im Raum Bergedorf und Billstedt.

Erfahrener Jugenschützer der Polizei geht in Pension
Ein Foto, als Mollenhauer als verdeckter Ermittler im Zuhälter-Milieu tätig war.

Über die Jahre habe er mit Sorge beobachten müssen, dass die Schwere der von Jugendlichen begangenen Straftaten zugenommen habe. „Es war dazu feststellbar, dass immer mehr Täter unter 14, die strafunmündig sind, und verstärkt auch Mädchen als Täterinnen ausgemacht werden“. Er wolle sich nach seiner Pensionierung weiter privat engagieren, Vorträge halten und aktiv auf der Straße sein.

„Man muss Grenzen aufzeigen“

„Wichtig ist, dass der Bereich Jugendschutz kontinuierlich in allen Brennpunkten aufgebaut und gestärkt wird. Das ist notwendig“, so Mollenhauer, selber Vater von acht Kindern. Man solle zudem möglichst viele Gefährderansprachen halten, auch bei den Eltern der betroffenen Jugendlichen. „Um Grenzen aufzuzeigen“, sagt er.

Jugendschutzexperte geht in Pension und hat Sorgen
Jens Mollenhauer als junger Polizist in der Ausbildung.

Dennis Gladiator, CDU-Innenexperte, fordert eine starke Nachfolge für „Rocky“, da Kriminalität unter Kindern und Jugendlichen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen habe. Besonders erschreckend sei die Zunahme von Gewalttaten sehr junger Täter.

Gladiator fordert härtere und schneller folgende Strafen und verlangt, dass Wachen in Hamburg für die Arbeit im Bereich Jugendschutz entsprechend besetzt sind. Eine Senatsanfrage habe gezeigt, dass Beamte in den speziellen Dienstgruppen fehlten. Seine CDU-Kollegin Birgit Stöver blickt zudem mit Sorge auch auf Gewalt auf Schulhöfen, über die man nur eingeschränkt erfahre, da der rot-grüne Senat ein „oberflächliches Meldewesen“ etabliert habe, so die CDU-Politikerin. Stöver: „Das verschleiert die traurige Wahrheit der Gewalt- und Kriminalitätssteigerung an Schulen.“

Jugendkriminalität: So entwickeln sich die Zahlen

Tatsächlich ist die Zahl der tatverdächtigen Jugendlichen im vergangenen Jahr gestiegen, und zwar um 14 Prozent von 4499 (2021) auf 5137. Deutlicher war die Zunahme bei den Kindern. Dort stieg die Zahl der Tatverdächtigen von 1396 auf 1764. Eine Steigerung von knapp 27 Prozent.

In diese Entwicklung muss man allerdings auch die Folgen der Corona-Pandemie berücksichtigen, in der durch die Ausgangssperren viel weniger auf den Straßen los war als zuvor. Tatsächlich ist der Trend im Bereich Jugendkriminalität langfristig gesehen rückläufig: So sank die Zahl der Tatverdächtigen im Zehn-Jahres-Vergleich um sechs Prozent.

Die Polizei führt das auf ein 2007 etabliertes Handlungskonzept zurück. Aus Beamten-Kreisen hört man, dass die Entwicklung zudem viel mit der Arbeit Mollenhauers zu tun habe. „Wenn er nicht gewesen wäre, hätten die Dinge aus dem Ruder laufen können“, so ein Polizist. Das könnten sie nun durch sein Fehlen noch immer – vor allem am Jungfernstieg, wo sich Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen häufen.

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Zunehmende Jugendkriminalität beschäftigt laut Horst Niens, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), inzwischen ganze Abteilungen bei der Hamburger Polizei. Neben einfacher Körperverletzung, Diebstahl und Sachbeschädigung sind auch immer wieder schwerwiegende Delikte zu verzeichnen.

Parkplatznot an den Revieren und am Präsidium – Gewerkschaften schlagen Alarm
Thomas Jungfer von der DPolG.

Daher setzt sich die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) für einen adäquaten Ersatz für Mollenhauer ein: „Das ist sehr wichtig, da es darum geht, junge Menschen vor Gefahren zu schützen und ihre Rechte zu wahren“, so Thomas Jungfer, DPolG-Landesvorsitzender. Eine speziell geschulte und engagierte Jugendschutzabteilung innerhalb der Polizei könne bei der Prävention von Straftaten, der Aufklärung und der Unterstützung von gefährdeten Teenagern eine entscheidende Rolle spielen – „und eine sichere Umgebung für junge Menschen schaffen“.

Er hat als Polizist so ziemlich alles erlebt: Er war Gründungsmitglied einer Spezialeinheit, verdeckter Ermittler im Rotlicht-Milieu. Doch was Jens „Rocky“ Mollenhauer (59) wirklich bewegte und wofür ihn seit Jahrzehnten alle kennen, ist sein Engagement im Jugendschutz. Er geht nun in Pension, blickt aber mit Sorge auf die Entwicklung der Gewalt unter Jugendlichen. Auch Politiker, Gewerkschaften und Polizisten fordern einen adäquaten Ersatz, „weil sonst die Dinge aus dem Ruder laufen könnten“.