Der Zug der Schüler-Demo auf dem Steintordamm vorm Hauptbahnhof.

Der Zug der Schüler-Demo auf dem Steintordamm vorm Hauptbahnhof. Foto: Nicola Fuchs

1700 Schüler demonstrieren in der City: „Feuer und Flamme der Bundeswehr!“

Straße statt Schule: Aus Protest gegen die Wehrdienst-Pläne der schwarz-roten Koalition in Berlin gehen junge Menschen am Freitagvormittag in Hamburg wie auch in weiteren Städten auf die Straße. Anlass: Die für heute geplante Bundestagsabstimmung über das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz. Die MOPO berichtet von der Schüler-Demo.

Luise Randel (18) und Jonathan Wilke (18) sind in der S-Bahn auf dem Weg zur Demo. Selbst betroffen sind die beiden von den Reformplänen des Wehrdienstes zwar nicht, weil sie vor 2008 geboren wurden. Doch sie demonstrieren aus Solidarität mit Jüngeren und wollen Aufmerksamkeit auf das Thema lenken. „Außerdem weiß man ja nie“, sagt die Schülerin der MOPO. „Das könnte jetzt nur der Anfang sein und die Regelung später auch auf ältere ausgeweitet werden.“

Schüler-Demo: „Wehrdienst muss eine freiwillige Entscheidung sein“

Eine Freundin ergänzt: „Man muss sich wirklich bewusst machen, was Krieg bedeutet. Es wird immer so allgemein über Krieg gesprochen, aber es geht darum, Menschen zu töten. Man steht da, schaut die Menschen an und muss sie abschießen. Dazu darf man nicht gezwungen werden. Wehrdienst muss eine freiwillige und bewusste Entscheidung sein.“


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Und was, wenn sich im Fall eines Krieges eben nicht genug Freiwillige finden würden? „Krieg muss verhindert werden“, sagt Luise Randel. „Und es ist Aufgabe der Bundesregierung das mit diplomatischen Mitteln zu tun.“

Rund 500 Schüler auf dem Hachmannplatz

Gegen 10 Uhr haben sich auf dem Hachmannplatz schon rund 500 Schülerinnen und Schüler versammelt. Nochmal 165 Demonstrierende sind auf dem Weg von der Zubringerdemo an der Uni.

Gegen 10 Uhr haben sich auf dem Hachmannplatz schon rund 500 Schülerinnen und Schüler versammelt. Nicola Fuchs
Gegen 10 Uhr haben sich auf dem Hachmannplatz schon rund 500 Schülerinnen und Schüler versammelt.
Gegen 10 Uhr haben sich auf dem Hachmannplatz schon rund 500 Schülerinnen und Schüler versammelt.

„Wir wollen keine Mörder werden“ steht auf den Schildern. Oder: „Weil wir nicht zum Töten ausgebildet werden wollen“ oder: „Kein Schmerz für Merz“. Später wird der Demonstrationszug über die Mönckebergstraße zum Ballindamm ziehen.

Wehrpflicht-Protest: „Keinen Bock auf den Sexismus in der Bundeswehr!“

Von einem Laster aus machen die Organisatoren der Schüler-Demo Stimmung. Die Befürchtung: Es werde nicht bei der Freiwilligkeit bleiben, „wenn sich nicht genug ködern lassen. Dann werden wir eingezogen!“ Und weiter: „Wir haben keinen Bock auf den Sexismus in der Bundeswehr!“ Darauf, zu Gehorsam erzogen zu werden. „Vor allem haben wir keinen Bock zu lernen, wie man Menschen tötet und am Ende selber getötet zu werden!“

Im Bundestag werde heute über das Leben der Jugendlichen entschieden. Es seien Hürden in den Weg gelegt worden, um an der Demo teilzunehmen, aber man lasse sich nicht einschüchtern, heißt es. Heute sei nur der Anfang von den Demonstrationen gegen die Einführung einer Wehrpflicht. „Es wird nicht bei diesem einen Streik bleiben!“ Der nächste ist für den 5. März angekündigt.

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Junge Menschen hätten Angst vor Krieg, so eine Sprecherin der Jungen GEW, der Jugendorganisation der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Doch die Politik setze auf Zwang und Militarisierung. „Das ist keine Lösung, sondern ein Bankrott der Friedenspolitik!“ Die Sprecherin kritisiert auch eine Präsenz der Bundeswehr an Schulen. Wegen des großen Andrangs auf der Schüler-Demo hat die Polizei nun eine Spur der Kirchenallee gesperrt, sodass sich die Menschen besser verteilen können.

Silja von Kriegstein aus der Nordheide demonstriert in Hamburg für ihren Sohn Kiano. Nicola Fuchs
Silja von Kriegstein aus der Nordheide demonstriert in Hamburg für ihren Sohn Kiano.
Silja von Kriegstein aus der Nordheide demonstriert in Hamburg für ihren Sohn Kiano.

Silja von Kriegstein ist hier, um für ihren Sohn Kiano zu demonstrieren. Das Thema belaste ihn sehr, sagt sie der MOPO. Deshalb sei sie jetzt aus der Nordheide nach Hamburg angereist. „Ich hab’ gesagt: Ich geh’ für dich und für mich. Und du malst das Schild, dann bist du auch vertreten.“ Im Hintergrund ertönen Sprechchöre: „Nie, nie, nie wieder Wehrpflicht!“

Krieg in Deutschland hält eine Demonstrantin nicht für realistisch

Die Zubringer-Demo ist gegen 10.45 Uhr eingetroffen. Mittlerweile sind schätzungsweise 1000 Menschen vor Ort.

Die Zubringer-Demo von der Uni trifft am Hamburger Hauptbahnhof ein. Nicola Fuchs
Die Zubringer-Demo von der Uni trifft am Hamburger Hauptbahnhof ein.
Die Zubringer-Demo von der Uni trifft am Hamburger Hauptbahnhof ein.

„Wir demonstrieren, weil wir nicht möchten, dass die Wehrpflicht alle unsere Freunde, Brüder, Söhne und Mitschüler einzieht und damit eine Zukunft voller Gewalt durchgesetzt wird“, sagt Elisa Kalsner (18) der MOPO. Dass tatsächlich Krieg auf Deutschland zukommt, hält sie nicht für realistisch. „Deshalb halte ich die Wehrpflicht auch für unnötig.“

Marta Kaul (18, l.) und Elisa Kalsner (18), sind bei der Schüler-Demo in Hamburg dabei. Nicola Fuchs
Marta Kaul (18, l.) und Elisa Kalsner (18), sind bei der Schüler-Demo in Hamburg dabei.
Marta Kaul (18, l.) und Elisa Kalsner (18), sind bei der Schüler-Demo in Hamburg dabei.

Sanja B. (22) war Soldat auf Zeit bei der Bundeswehr – und betrachtet die Entscheidung im Nachhinein als Fehler. „Ich habe ein Problem damit für ein Land zur Waffe gezwungen zu werden, das in der Klimapolitik abschmiert und den Konflikt in Gaza unterstützt.“ Eine Bedrohungslage für Deutschland sieht er nicht. „Ich habe aber Angst davor, dass eine gesamte Generation militarisiert wird und Krieg als eine valide Option gesehen wird, Konflikte zu lösen.“

Als bekannt wird, dass der Bundestag die Wehrpflicht-Reform beschlossen hat, ertönen laute Buh-Rufe. Und ein Sprechchor: „Eure Kriege ohne uns!“ Die Organisatoren der Schüler-Demo rufen dazu auf, trotz der Abstimmung im Bundestag weiter zu protestieren.

Menge setzt sich in Bewegung in Richtung Mönckebergstraße

Gegen 12 Uhr kommt Bewegung in die Versammlung. Die Demonstrierenden machen sich bereit, vom Hachmannplatz aus loszuziehen. Etwa zehn Minuten später setzt sich die Menge in Bewegung in Richtung Mönckebergstraße.

Laut den Organisatoren sind Schüler:innen aus 47 Hamburger Schulen vertreten. Die größte Gruppe – rund 300 Jugendliche – kommt vom Gymnasium Allee in Altona-Nord. Auch aus dem Hamburger Umland sind einige Schulen vertreten. „Wir sind jung, wir sind laut, weil ihr uns die Freiheit raubt“, skandieren die Teilnehmer.

Auch allgemeine Kritik an der Bundesregierung wird laut

Neben dem Protest gegen eine Wehrpflicht nutzten einige die Gelegenheit auch für allgemeine Kritik an der Bundesregierung, forderten zum Beispiel mehr Geld für Pflege und Bildung oder gerechtere Löhne. Ein Redner auf dem Lautsprecherwagen spricht von Deutschland als einem „imperialistischen Staat“ und kritisiert die Rüstungsindustrie. Es ertönten auch Parolen wie „Jugend, Zukunft, Sozialismus“, „Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft“ oder „Nicht unser Krieg, nicht unser Militär. Feuer und Flamme der Bundeswehr!“.

Vereinzelt sind palästinensische Flaggen zu sehen. Auch das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) ist vor Ort. Der Protestzug durch die Mönckebergstraße und vorbei an den Weihnachtsmärkten bleibt friedlich. Die Organisatoren sprechen am Mittag von mindestens 5000 Teilnehmern. Laut der Polizei sind ersten Schätzungen zufolge allerdings rund 1700 Demonstranten vor Ort. Kurz nach 13 Uhr erreicht der Demozug den Ballindamm vor der Europa-Passage. Dort löst sich die Schüler-Demo gegen 13.30 Uhr nach und nach auf.

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