Spektakuläre Festnahmen, weniger Kokain-Funde – doch Fahnder schlagen Alarm
Jahr für Jahr kommen am Hamburger Hafen riesige Mengen Kokain an. 2024 stellte der Zoll allerdings nur noch die Hälfte der Vorjahresmenge sicher. Gleichzeitig wurden in den vergangenen Monaten hochrangige Drogenbosse festgenommen, die tonnenweise Rauschmittel geschmuggelt haben sollen. Ist das Problem jetzt gelöst? Auf Hamburgs Straßen zeigt sich ein anderes Bild: Während der Zoll seine Erfolge feiert, schlagen andere Alarm. Dass weniger Koks gefunden wurde, sei keine gute Nachricht, sondern Grund zur Sorge.
Schwer bewaffnete Polizisten stürmen am 26. Dezember 2023 durch die Terrassentür in ein Haus in der Türkei. Ein bulliger, oberkörperfreier Mann mit kurz geschorenen Haaren sitzt im Eingangsbereich und hebt überrascht die Hände. Kurz darauf wird er von den Beamten verhaftet und abgeführt. Zu sehen ist die Szene auf einem Video, das der türkische Innenminister Ali Yerlikaya teilte.
Der Kokainschmuggel im Hamburger Hafen ist ein Milliardengeschäft
Bei dem Mann handelt es sich um Eric S., einen mutmaßlichen Hamburger Drogenkriminellen, der seit März 2025 wieder in Hamburg in Untersuchungshaft sitzt. Er soll 2018 an dem Raub von mehr als einer Tonne Kokain beteiligt gewesen sein – direkt aus dem Hamburger Hafen heraus.
Hier läuft alles zusammen: Riesige Schiffe, die riesige Mengen an Containern ins Land bringen – und ein riesiges Netz von Rauschgiftkriminellen, die sich wie Eric S. genau diese Infrastrukturen seit Jahren zunutze machen.
Neben Lebensmitteln, Konsumgütern und Industrieprodukten bahnt sich auch das Kokain hier unentdeckt seinen Weg ins Land. Verdeckt in Bananenkisten, untergemischt in Gewürzen, verbaut in Schrott. Gut genug versteckt vor den Augen des Zolls?
Kokainfunde in Hamburg 2024: 19 Tonnen weniger als im Vorjahr
Im vergangenen Jahr stellten die Zollbeamten 15 Tonnen Kokain in Hamburg sicher. 2023 waren es noch 34 Tonnen. Bundesweit sank die Menge von 40 Tonnen auf knapp 16,5 Tonnen.
„Es geht hier um Drogen, die Menschen zerstören“, sagte Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) am Dienstag bei der Vorstellung der Jahresbilanz des Zolls in Hamburg. „Es geht um Milliardengeschäfte von Kartellen, die international vernetzt sind und die wir mit effektiver Ermittlung zerschlagen müssen. Im Verlauf der letzten zehn Jahre stieg die sichergestellte Menge an Kokain allerdings rasant an. 2015 lag sie erst bei 1,7 Tonnen.“
„Wir haben es mit hochprofessionellen Tätern zu tun, die sich flexibel auf unsere Maßnahmen einstellen“, sagte Markus Tönsgerlemann, Beauftragter des Zolls für Hafensicherheit. Der Zoll würde daher ständig an der Optimierung seiner Taktiken arbeiten.
Aber die Mittel sind begrenzt: Aktuell steht nur eine feste Container-Röntgenanlage zur Verfügung, die schon seit 1996 im Einsatz ist. Von mehr als 20.000 Containern, die täglich ankommen, können dort nur circa 100 kontrolliert werden. Der Zoll achtet daher auf Risikofaktoren wie bestimmte Herkunftsländer, aber die Ungewissheit bleibt groß – auch die Ungewissheit darüber, was der Rückgang des sichergestellten Kokains tatsächlich bedeutet.
BDK-Chef übt Kritik: Der Kokain-Rückgang ist kein Erfolg
„Der vermeintliche Erfolg des Zolls deckt sich überhaupt nicht mit dem, was auf Hamburgs Straßen passiert“, erklärt Jan Reinecke, Hamburger Landesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK). „Weder mit dem nie da gewesenen Konsumverhalten, noch mit der Gewalt der Rauschgiftszene.“
Immer wieder kommt es hier zu brutalen Auseinandersetzungen. Auch zu Schießereien, die regelmäßig der organisierten Rauschgiftkriminalität zuzuordnen sind. Etwa im Januar, als ein 15-Jähriger in St. Georg völlig unvermittelt auf einen 49-jährigen Tschetschenen zielte, der ihm daraufhin durch beide Oberschenkel geschossen haben soll. „Auftragsmorde sind die nächste Eskalationsstufe, die in den Niederlanden bereits tödliche Normalität sind“, so Reinecke.
Kokain-Konsum steigt – der Preis für die Droge fällt
„Der Motor sind die Menschen, die hier in wahnsinnigem Ausmaß Kokain konsumieren“, sagt Reinecke. Darauf würden sowohl Abwasserkontrollen als auch Umfragen hindeuten.
Doch trotz hoher Nachfrage sei der Straßenpreis von Kokain in den vergangenen Jahren immer weiter gefallen, liege inzwischen nur noch bei circa 60 Euro das Gramm. Gleichzeitig stieg der Reinheitsgrad. Ein Indiz dafür, dass die Tonnen an sichergestelltem Kokain kaum Einfluss auf den Markt haben und die Dunkelziffer an geschmuggelten Drogen enorm sein muss, so Reinecke.
Schlüssel zum Erfolg: Zusammenarbeit mit Partnerbehörden
Der Schlüssel zum Erfolg sei laut Tönsgerlemann die Zusammenarbeit mit Partnerbehörden, speziell im Ausland. Wie im Fall der EncroChat-Entschlüsselung, bei der es niederländischen und belgischen Behörden gelungen war, eine Kommunikationsplattform für Drogennetzwerke aufzudecken.
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Seitdem werden regelmäßig hochrangige Drogenkriminelle identifiziert und festgenommen. „Erfahrungsgemäß wird das Vakuum, das bei solchen Verhaftungen entsteht, aber sehr schnell geschlossen“, sagt Reinecke.
Neben Eric S. wurde im November 2024 auch „der Hai“, Princ Dobroshi, nach Hamburg ausgeliefert. Er soll ebenfalls tonnenweise Kokain durch den Hamburger Hafen geschmuggelt haben. Zwei mutmaßliche Täter weniger, in einem Netz von Drogenkriminellen, das nur schwer zu durchdringen ist.