Schüsse, Messerattacken: Machtkampf auf dem Kiez – fast jede Woche fließt Blut

Nach Schüssen an der Talstraße auf St. Pauli: Geht es um einen Streit im Rotlicht-Milieu ?
Beamten der Spurensicherung am Tatort an der Talstraße.

Kaum eine Woche vergeht ohne Gewalt auf St. Pauli – Schüsse, Messerangriffe, offene Revierkämpfe. Die Polizei ermittelt, doch auf der Straße hat sich längst eine gefährliche Eigendynamik entwickelt. Jetzt spitzt sich ein neuer Machtkampf dramatisch zu – und ein Aussteiger gießt mit brisanten Aussagen zusätzlich Öl ins Feuer. Es geht um Prostitution, Drogenhandel, Käfigkämpfe. Dem Kiez droht ein offener Straßenkrieg – mit dramatischen Folgen für die Stadt.

Die Schüsse vom vergangenen Samstagnachmittag auf dem Kiez, bei denen ein Mann schwer verletzt wurde, markieren den bisherigen Höhepunkt einer eskalierenden Auseinandersetzung. Seit Monaten herrscht Unruhe, immer neue Brennpunkte entstehen. Zunächst geriet ein Konflikt zwischen lokalen Kiezgrößen und Tschetschenen an die Öffentlichkeit – jetzt bahnt sich ein weiterer Machtkampf an.

Laut Zeugen kam es am Samstag gegen 16.45 Uhr zunächst zu einer verbalen Auseinandersetzung in einer Lokalität an der Talstraße. Kurz darauf eskalierte die Situation: Einer der Männer zog eine Waffe und schoss einem 29-Jährigen in den Bauch. Ein Notarzt versorgte das lebensgefährlich verletzte Opfer. Der Mann wurde anschließend notoperiert und befindet sich mittlerweile außer Lebensgefahr.

Machtkampf auf dem Kiez: Situation verschärft sich

Die Ermittler gehen davon aus, dass sich die beteiligten Männer kannten. Worum genau es bei dem Streit ging, ist noch unklar und Teil der laufenden Ermittlungen. Doch auf dem Kiez war schnell von einem tieferliegenden Konflikt die Rede. Seit Längerem sorgt ein Machtvakuum im Rotlichtmilieu für Spannungen – insbesondere zwischen Gruppen, die am Geschäft mit Drogen und Prostitution beteiligt sind.

Bereits im Januar 2024 zeichnete sich eine Verschärfung der Situation ab: Vor einer Diskothek in der Altstadt wurde ein Mann mit einem Messer attackiert – ein Mann, der in der Szene als „Pate von Hamburg“ gilt. Sein Bruder, der versuchte einzugreifen, erlitt dabei schwere Verletzungen.

Polizisten stehen vor der Shisha-Bar „Blossom“ an der Lübecker Straße
Polizisten stehen vor der Shisha-Bar „Blossom“ an der Lübecker Straße. Hier wurde eine Rotlichtgröße angegriffen.

Damals kursierten Gerüchte, wonach Tschetschenen die Kontrolle auf dem Kiez übernehmen wollten. Doch laut Insidern und einem Bericht des „Spiegel“ ging es in Wahrheit um versuchte Manipulationen bei illegalen Käfigkämpfen.

Ein Streit, der immer weiter eskalierte: Zunächst wurde eine Rotlichtgröße in einer Shisha-Bar in Hohenfelde brutal zusammengeschlagen. Wenige Tage später fielen Schüsse vor einer Flüchtlingsunterkunft in der Friesenstraße (Hammerbrook). Ziel waren offenbar ein Tschetschene und dessen Sohn – beide blieben unverletzt. Vor wenigen Wochen soll ein Friedensgespräch zwischen den verfeindeten Gruppen stattgefunden haben.

Aussteiger enthüllt perfide Geschäftspraktiken auf dem Kiez

Für erneute Aufregung sorgte „Kareem“, ein Aussteiger aus dem Milieu. Er enthüllte öffentlich, wie auf St. Pauli abgezockt und betrogen wird und machte vor laufender Kamera bei „Spiegel TV“ auf die perfiden Geschäftspraktiken der Bosse aufmerksam. Kurz darauf wurde er auf offener Straße brutal attackiert – mit einem Messer und Schlägen schwer verletzt. Doch „Kareem“ ließ sich nicht einschüchtern und verbreitete sein Wissen über die Machenschaften auf dem Kiez auf Social-Media-Kanälen weiter.

Dass der „Pate“ nicht härter gegen den Aussteiger vorging, sehen manche seiner Anhänger als Schwäche. „Die jungen Wilden mucken auf. Und sie sind entschlossen – und gewaltbereit“, sagt ein Insider, der anonym bleiben möchte, das Milieu aber gut kennt.

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Die Schüsse an der Talstraße stehen offenbar im Zusammenhang mit den aktuellen Machtkämpfen. Die Polizei hingegen betont, dass die genauen Hintergründe weiterhin unklar sind. Die Mordkommission hat am Tatort Spuren gesichert, die nun ausgewertet werden. Ein Sprecher erklärte, bislang gebe es keine Hinweise auf eine direkte Verbindung zur Rocker- oder Rotlichtszene. (mp)